Mehrperspektivisch

Protestantismus in der DDR

Auch dreißig Jahre nach der „Friedlichen Revolution“ bestimmen in der historischen Literatur, in den Medien und in vielen Rückblicken noch immer zwei gegensätzliche Bewertungen das Urteilen über die Evangelische Kirche in der DDR. Auf der einen Seite wird sie für ihre Beteiligung am gesellschaftlichen Umbruch von 1989 gerühmt. Auf der anderen Seite wird ihr vorgeworfen, sich an die Machtausübung des sozialistischen Staates angepasst und an der Unterdrückung von Menschen in diesem Staat mitgewirkt zu haben.

Das Buch von Veronika Albrecht-Birkner zielt nicht darauf, diese sich ausschließenden Bewertungen aufzulösen. Es will der „Mehrperspektivität“ Rechnung tragen, in welcher der „Protestantismus“ in der DDR in den vergangenen dreißig Jahren durch eine „kaum noch überschaubare Fülle an Publikationen“ dargestellt und analysiert wurde. Es möchte eine Schneise in den Wald dieser Publikationen schlagen. Sie soll es ermöglichen, die verschiedenen Perspektiven auf die Evangelische Kirche in der DDR einander zuzuordnen. Ein langes „Quellen- und Literaturverzeichnis“ von 41 Seiten, das man beliebig verdoppeln und verdreifachen könnte, ist Basis dieses Unternehmens.

„Neues“ aus der DDR-Kirchengeschichte kann man aus diesem Buch demnach nicht erfahren. In sieben Kapiteln wird aber konzentriert, facettenreich und für Unkundige lehrreich dargestellt, wie schwierig es für Kirchenleitungen und Gemeinden war, ihrem Auftrag als Kirche in einem sozialistisch-diktatorischen Gesellschaftssystem gerecht zu werden. Die „Doppelstrategie“ der SED im Hinblick auf die Kirche wird zum Beispiel mit Recht, wenn auch nicht mit der genügenden Konsequenz als ein sich in der ganzen DDR-Zeit durchhaltendes Grundproblem für die Kirchenleitungen und Gemeinden hervorgehoben. Sie barg etwas Verlogenes von staatlicher Seite einerseits und etwas Naives von kirchlicher Seite andererseits in sich.

Denn diese „Strategie“ bestand einerseits darin, die Evangelische Kirche als „Religion“, welche dem „Klassenfeind“ dient, zu bekämpfen. Ihr wurden mit atheistischer Pression und Propaganda andauernd die Mitglieder abspenstig gemacht Sie „schrumpfte“ darum dramatisch. Der Staatssicherheitsdienst sorgte darüber hinaus für eine zersetzende „Differenzierung“, an der sich in Kirchenleitungen, Synoden und Gemeinden leider auch Menschen im kirchlichen Dienst beteiligt haben. Albrecht-Birkner stellt das alles zutreffend dar.

Auf der anderen Seite wurde um des freundlichen Gesichtes der sozialistischen Gesellschaft, um des internationalen Renommees sowie aus finanziellen Interessen (Kohlegeschäft mit der Bundesrepublik Deutschland, Häftlingsfreikauf) willen vom SED-Staat ein offizielles „harmonisches“ Auskommen mit der Institution Kirche angestrebt. Die vom Bund der Evangelischen Kirche in der DDR akzeptierte schwammige Formel einer „Kirche im Sozialismus“ ist Ausweis dessen (Den Nachweis, dass diese Formel wörtlich aus der ungarischen Kirche stammt, möchte die Verfasserin bei einer Neuauflage ihres Buches bitte nachliefern).

Lässt man Revue passieren, was die Verfasserin über den „Protestantismus in der DDR“ in seinen einzelnen Phasen, in den verschiedenen Landeskirchen, in den Freikirchen und auch in ökumenischer Perspektive kenntnisreich darstellt, so kann man als Zeitzeuge dem Titel ihres Buches Freiheit in Grenzen allerdings nur bedingt zustimmen. Das klingt so eingrenzend. Meine Erfahrung als Christ und Theologe war demgegenüber vielmehr, dass es sich vom Evangelium her in diesem Staat um Grenzen für Kirche und Gesellschaft handelte, die überschritten werden mussten und konnten.

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