Dynamik und Tiefe

Faszinierendes Debüt

Hoppla, da geht die Post ab! Wie prickelnder Sekt hebt es an: Lustvoll, und dabei in überbordender Klarheit stürzen sich die Streicher des Thüringer Bach Collegiums auf ihrer Erstlings-CD in das eröffnende Vivace des Concertos Nr. 3 e-Moll von … Vivaldi?
 

Man denkt es zunächst, aber nein, die Werke stammen von Seiner Durchlaucht Prinz Johann Ernst von Sachsen-Weimar! Zum Komponisten später mehr, zuerst soll der herausragende, ja beglückende Klang der Thüringer gewürdigt werden, der nicht nur in den „Post-ab“-Sätzen, sondern auch in den langsamen zu überzeugen weiß, wie in der ruhigeren, galanten Pastorella, die dem schneidigen Auftakt nachfolgt. Hach, sie klingt einfach soo gut, diese Mischung aus intensivem Ton und feinem Klangpinselstrich!

 

Fast wehmütig wird der alte, weiße Barockmusikfan an Aufnahmen des langen verblichenen Ensembles Musica Antiqua Köln erinnert. Deren Stil bleibt letztlich unkopierbar, weil ihm, zumindest in den frühen Jahren eine gewisse Knarzigkeit anhaftete, samt kompromissloser, druckvoller Führung durch Primarius Reinhard Goebel. Bei den Thüringern auf dieser CD ist solches heute als machohaft empfundene Dominineren nicht zu vernehmen, es wäre auch nicht mehr state of the art, Konzertmeister Gernot Süssmuth führt mit dem Degen und nicht mit dem Säbel – gut so!

Aber nun zum Prinzen: Komponierende Regenten waren im Barockzeitalter kein Einzelfall, aber um es vorwegzunehmen: Prinz Johann Ernst IV. von Sachsen-Weimar gehört zu den Regenten, die es wirklich konnten, seine straffen, ja man kann sagen, zuweilen etwas kurzen Konzerte überfallen den Zuhörer mit Dringlichkeit und angenehmer Charmanz. Nun weiß man nicht, inwieweit unter anderem der durch sein Musicalisches Lexicon von 1732 berühmte Johann Gottfried Walther, seit 1707 Weimarer Stadtorganist, seiner jugendlichen Durchlaucht beim Komponieren unter die Arme gegriffen hat. Zumindest erinnert er sich später: „Hochseel. Printzen habe ich bis ohngefehr an.(no) 1710 (…) informiret“ – und zwar wahrscheinlich nicht nur auf dem Cembalo, sondern auch auf der Violine. Im Umfeld des Prinzen waren um diese Zeit auch Telemann und Bach aktiv. Letzteren konnte der Prinz sogar 1713 nach Weimar locken, und er hat im Zuge der ab 1713 hereinbrechenden „Vivaldimania“ in Thüringen nicht nur Werke des großen Venezianers, sondern auch des jungen Prinzen bearbeitet. Leider starb Johann Ernst mit gerade mal 18 Jahren an einer bösen Krankheit. Wer weiß, vielleicht wäre er ein ganz Großer geworden. Zu verdanken haben wir ihm und dem famosen Thüringer Bach Collegium jedenfalls eine CD mit zehn schmissigen Konzerten, die überaus große Freude macht!

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