Moralische Abrüstung, bitte!

Kirche muss nicht politisch sein
Foto: Markus Pletz

Unsere zeitzeichen-Onlinekolumnistin Stefanie Schardien verwahrte sich kürzlich dagegen, dass sich die Kirche aus der Politik heraushalten solle. Ihr widerspricht entschieden der Würzburger Theologe und Historiker Benjamin Hasselhorn.

Erschüttert war Friedrich Naumann, als er 1898 das Heilige Land bereiste. Was für erbärmliche Zustände. Allein die katastrophalen Straßen! Das waren doch dieselben Wege, die fast zweitausend Jahre zuvor Jesus von Nazareth benutzt hatte – und er hatte nichts dafür getan, sie auszubessern. „Jesus, der Volksmann“ interessierte sich offenbar nicht für die sozialen, wirtschaftlichen, politischen Probleme seiner Zeit. Der Glaube des Theologen Naumann erlitt einen Schlag, von dem er sich nicht wieder erholte.

 

Man stelle sich einmal vor, Jesus wäre so gewesen, wie Naumann es sich wünschte. Dann hätte er sich vielleicht vor seine Jünger gestellt und erklärt: Sklaverei widerspricht Gottes Willen, unternehmen wir etwas dagegen! Oder: Führen wir den Guerillakrieg gegen die römischen Besatzer! Oder: Gründen wir einen Arbeitskreis zur Ausbesserung der Verkehrswege in der Provinz Judäa. Das alles tat er nicht, sondern erklärte gegenüber Pilatus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Sagte den Pharisäern, sie sollen dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Und lehnt ab, als Satan ihm alle Reiche der Welt anbietet.

 

Aber nein, höre ich, man könne Politik und Religion nicht trennen, ein Heraushalten der Kirche aus politischen Gegenwartsfragen wäre vollkommen lebensfremd, und überhaupt sei das Evangelium hochgradig politisch. Na gut, aber in welcher Weise? So, wie Adolf Stoecker und seine christlich-soziale Bewegung meinte oder im Sinne der religiösen Sozialisten? So, wie es lutherische Ordnungstheologen wie Helmut Thielicke forderten oder doch eher im Sinne des politischen Nachtgebets Dorothee Sölles? Deutschchristentum oder Befreiungstheologie? Welche Politik hat denn das Evangelium für sich gepachtet? Die Migrationspolitik Angela Merkels oder die Viktor Orbáns? Emmanuel Macron oder Sebastian Kurz? Will man im Ernst dem anderen die Christlichkeit absprechen, wenn er in politischen Fragen (und nicht in Glaubensfragen) vom eigenen Standpunkt abweicht?

 

Das christliche Doppelgebot der Liebe setzt nicht zufällig die Gottesliebe vor die Nächstenliebe. Das eine ergibt sich aus dem anderen. Und wenn, wie in der Gegenwart, der Gottesglaube der Kirche unter den Fingern zerrinnt: Wer wird da noch zuhören, wenn die Kirche sich zu politischen Fragen äußert? Das ist der Grund, warum Politisierungskritiker dafür plädieren, sich wieder Glaubensfragen zuzuwenden – nicht um das Christentum zu verharmlosen und zu einer Religion zu machen, die nur im stillen Kämmerlein praktiziert werden soll, sondern um überhaupt wieder Klarheit darüber zu schaffen, was der christliche Glaube eigentlich ist.

 

Ach ja, einen weiteren Grund gibt es noch, und das ist die große Gefahr, die in der Reduzierung eines komplexen politischen Problems auf simple moralische Entscheidungen liegt. Das passiert zum Beispiel, wenn man so tut, als sei die Aussage „Man lässt keine Menschen ertrinken“ im Ernst ein migrationspolitisches Konzept, oder wenn man gar meint, genau angeben zu können, in welchen politischen Bewegungen Gott am Werk ist und in welchen nicht. Bei wem da nicht alle Alarmglocken läuten, der sollte das 20. Jahrhundert noch einmal studieren.

 

Friedrich Naumann zog übrigens eine nachvollziehbare Konsequenz aus seinem Wunsch, sozial und politisch zu wirken: Er gab seinen Pfarrberuf auf und wurde Politiker.

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