Machtvolle Loyalitäten

Für die Kirche würde ich mein letztes Hemd geben. Und das ist problematisch.
Foto: Christian Lademann

Über Vieles könnte ich schreiben, was im Anschluss an die Veröffentlichung der ForuM-Studie in und außerhalb der Kirche an Kommunikation stattgefunden hat. Ich könnte über Betroffenheitsrhetoriken schreiben, über angemessene Worte und meist noch viel angemesseneres Schweigen. Aber im Moment gibt mir eigentlich meine eigene erste Reaktion am meisten zu denken. Über die möchte ich nachdenken, genauer gesagt über meinen post bei facebook direkt nach Erscheinen. Nachdem ich die Pressekonferenz gesehen und erste Blicke in die Studie geworfen hatte, war mein erster Impuls: Dazu möchte ich jetzt gar nichts sagen. Im nächsten Augenblick dachte ich: Du sagst immer zu allem und jedem etwas, dann kannst Du dazu jetzt nicht nichts sagen. Vielleicht war es schon dieser Impuls, der mich hätte ins Grübeln bringen müssen. 

Im Nachgang gibt mir vor allem zu denken, was mir in diesem kleinen Kommentar wichtig zu sein schien, was einzig in den Fokus gerückt ist. Es ging in diesem post von vorne bis hinten um die Kirche. Es ging weder ganz explizit um Betroffene noch wirklich um die Studie, es ging durchgehend um die Kirche. Ich schrieb über die Überlastungsanzeichen in den Landeskirchenämtern, über die Anstrengungen in den kirchlichen Umbildungsprozessen, über die Schwere dessen was die Studie zur Sprache bringt im Sinne einer Krise der Kirche. Das ganze mündete in den Absatz: „Es mag im Moment so scheinen, als sei das Thema sexualisierte Gewalt ein Mammut-Thema neben all den anderen Reformthemen. Ich glaube nicht, dass es stimmt. Die Reformfähigkeit der evangelischen Kirche wird sich jetzt daran entscheiden, wie sie produktiv handelnd und sukzessive sprachfähig werdend mit dieser Krise umgeht.“ Was ist das eigentlich für ein Blick auf die Dinge? So als sei das, was die Studie ins Licht gerückt hat, ein Anlass für die Kirche, ihre Transformationsfähigkeit unter Beweis zu stellen? Was ist das eigentlich für ein Blick auf die Dinge, zu meinen, die Kirche könnte irgendwie als Siegerin aus dieser Situation hervorgehen? 

Gefährliche Melange

Seit einigen Tagen denke ich darüber nach, was das eigentlich für ein Reflex war, der mich zu diesem Statement geführt hat. Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr glaube ich, dass es eine tiefe Loyalität der Kirche gegenüber ist. Eine Loyalität, die viel unmittelbarer und kraftvoller ist als ich das zuvor geahnt hatte. Es ist eine Loyalität, die etwas unbedingtes und damit auch giftiges hat. Die Identifizierung mit meinem Beruf als Pfarrerin ist hoch und damit geht auch eine Identifizierung mit meiner Institution einher. Diese Identifizierung zeigt sich bei mir nicht selten im Modus der Kritik an organisationalen Strukturen und an kirchenleitendem Handeln. Das ist in gewissem Sinne typisch evangelisch. Aber es ist auch keine ungefährliche Melange, denn unter dieser kritischen Haltung liegt eben diese grenzenlose Loyalität, die manches Mal bereit wäre für die Kirche das letzte Hemd zu geben. Es ist eben diese tiefe Loyalität, die an so vielen Stellen dazu geführt hat, dass Betroffene sexualisierter Gewalt nicht gehört wurden. Mich erschreckt, dass das offenbar nicht nur die übersteuerte Loyalität der anderen ist, sondern dass ich sie offenbar auch habe. 

Vielleicht hat die Unbedingtheit dieser Loyalität auch etwas mit der Situation des Religiösen in der Gegenwart zu tun, mit all den Ambivalenzen, mit denen der Glaube behaftet ist. Als Pfarrerin spüre ich sie ja auch, die Unsicherheiten mit denen die Rede von Gott verbunden ist. Und vielleicht ist diese unbedingte Identifizierung und Loyalität mit meiner Institution auch eine Art von Kompensationsstrategie, um mit diesen Ambivalenzen umzugehen. Was für einen Wert und eine Funktion sie auch haben mag. Sie hat auch etwas Toxisches und sie generiert ein Kirchenbild, das vor dem Hintergrund protestantischem Christentums in Schieflage gerät. 

Tiefen und Untiefen

Was all das nun für mich bedeutet, das weiß ich noch nicht. Mich einfach von meiner Loyalität verabschieden möchte ich nicht und kann ich wahrscheinlich auch gar nicht. Die Kirche soll auch weiterhin der Raum bleiben, wo ich meine Arbeitskraft einbringe und auch um eine gelungene Zukunft der Kirche möchte ich weiter mit anderen eifern. Aber wo Loyalitäten toxisch werden und Leid unsichtbar machen, dafür möchte ich wachsam sein. Es gibt manche Sätze, die ich in den vergangenen Wochen gesagt habe, ohne eigentlich genau zu wissen, was sie bedeuten. Dass Betroffene zu Beteiligten gemacht werden müssen. Ich habe solche Dinge gesagt, weil ich fand, dass man sie jetzt irgendwie sagen muss, wenn man zur Kirche gehört. Im selben Moment hatte ich keinerlei Ahnung, was genau damit gemeint ist und auch keinerlei Idee, wie das gehen kann. Diesen Fragen möchte ich gern nachgehen. 

In der vergangenen Woche hatte ich ein Seminar mit den Theologischen Studienleitungen aus den Kirchenkreisen meiner Landeskirche. Dort haben wir uns der ForuM-Studie gewidmet, zumindest den 37 Seiten der Zusammenfassung, ein erster Schritt in die Tiefen und Untiefen der Studie, ein Auftakt, der dann sicher noch tiefere Lektüre braucht. Miteinander wirklich wahrnehmen, was ist. Für mich war es das erste sinnvolle, was ich seit Erscheinen der Studie getan habe. 

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Dr. Katharina Scholl ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin in Hanau-Großauheim.


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