Fesselnd

Ein Kriminalfall

Hier stimmt so ziemlich alles: das Milieu, die Handlung, der Spannungsbogen, die Charaktere. Und wenn man Mainz-Kennerinnen und -Kennern Glauben schenken darf, ist auch der Ort des Geschehens authentisch. Was allerdings nicht heißt, dass man den neuen Krimi von Vera Bleibtreu nur lesen könnte, wenn man eine Beziehung zu der Stadt am Rhein hätte …

Vera Bleibtreu heißt im wahren Leben Angela Rinn. Sie ist Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar in Herborn, Privatdozentin für Praktische Theologie an der Universität Heidelberg, Mitglied der EKD-Synode und zeitzeichen-Online-Kolumnistin. Sie hat schon eine Reihe von Krimis um Pfarrerin Susanne Hertz geschrieben. Zuletzt erschienen sind Schöner sterben und Logbuch des Todes. Nun also Das Erbe der Toten.

Es geht um ein „Erbe“ – damit ist bereits angedeutet, dass es sich hier um einen Kriminalfall handelt, der mehr als eine Generation umspannt. Was mit einem Mord an einer ehrenamtlichen Küsterin beginnt, entspinnt sich auf gut lesbaren 180 Seiten zu der komplexen und spannenden Geschichte einer Familie. Einer Geschichte verschwiegener und verdrängter Untaten, die zurückreicht bis nach Hadamar – jenem Ort, der traurige Berühmtheit erlangt hat, weil hier zwischen 1941 und 1945 fast 15 000 Menschen im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasieprogramms“ ermordet wurden.

„Könnte eine alte Geschichte aus der Nazizeit heute noch jemanden motivieren, einen Menschen umzubringen?“, lautet die zentrale Frage des Buches. Die Antwort ist klar: Ja, sie kann. Denn heute weiß man, dass in der eigenen Familie erlebte Traumata in nachfolgenden Generationen Wirkung entfalten können – und zwar nicht nur seelisches Leid wie Depressionen und Angststörungen, sondern tatsächlich auch zerstörerische Kräfte.

Aus diesem Wissen und sicher auch aus ihrer praktischen und theoretischen Beschäftigung im Bereich der Seelsorge dürfte die Autorin ihre Inspirationen für die Gestaltung der handelnden Figuren ihres neuen Krimis geschöpft haben. Glaubhaft und überzeugend gezeichnet, machen sie deutlich, wie erschütternde Erlebnisse noch Jahrzehnte später wirken können. Und nebenbei erfahren die Leserinnen und Leser noch, dass Traumata als Spätfolgen von Gewalttaten, die Menschen verursacht haben, signifikant häufiger vorkommen als nach Naturkatastrophen. Ein Faktum, über das sich nachzudenken lohnt.

Das Erbe der Toten – ist ein Buch, das auf kluge Weise fesselnd unterhält. Und anders als in manch anderen „Kirchenkrimis“ kommt das kirchliche Milieu, in dem Teile der Handlung angesiedelt sind, wohltuend unaufdringlich und zeitgemäß daher.

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