Die Strukturen der Macht befragen

Warum die EKD-Synode zu einer Sondertagung zusammenkommen muss
Foto: Harald Oppitz

Es brodelt in der Synode der EKD. Nach dem Rücktritt der Ratsvorsitzenden und dem unglücklichen Abbruch der Synodaltagung, der nicht mit den Synodalen abgestimmt war, hatten wir Synodalen im digital nachgeholten Abschluss der Tagung nachdrücklich Transparenz und vertrauensbildende Maßnahmen eingefordert. Zu sehr irritierte die Mitteilung, dass man im Rat bis zur Synodaltagung in Ulm „von nichts gewusst“ habe. Die Synodale Prof. Kristin Merle schlug in einem epd-Interview zusätzlich eine externe Mediation vor. Die Erwartungen waren also groß – und wurden durch ein Schreiben der amtierenden Ratsvorsitzenden und der Präses der Synode enttäuscht. Zur allgemeinen Überraschung wurde uns Synodalen Mitte Dezember in einem Schreiben mitgeteilt, dass sich der Rat am 8. Dezember (!) zu den Vorgängen und Abläufen auf den „gleichen Kenntnisstand gebracht“ habe. 

Was – erst am 8. Dezember? Da lag der Rücktritt von Annette Kurschus schon fast drei Wochen zurück. Hatte es vorher keine Gelegenheit gegeben, sich zusammenzuschließen? Plätzchenbacken und Geschenke-Einwickeln können doch nicht so aufwändig gewesen sein. Das Schreiben aus Hannover ließ auch konkrete Vorschläge vermissen, wie denn – so wörtlich – „kritisch und selbstkritisch die Kommunikationsstrukturen analysiert“ werden sollten. Stattdessen sollten sich die Synodalen in Arbeitsgruppen austauschen. Für Vorschläge und Anregungen sei man offen. Moment – liegt es nicht beim Präsidium der Synode und am Rat, hier in Vorleistung zu gehen? Hatten die Synodalen nicht extra darum gebeten, die Krisenkommunikation nicht in die synodalen Gruppen abzuschieben? 

Tiefe Vertrauenskrise

Genau 75 Jahre nach der ersten Tagung einer EKD-Synode am 9.1.1949 in Bielefeld (!) befinden wir uns gerade in einer tiefen Vertrauenskrise in den höchsten Gremien der EKD, die fatalerweise auch die evangelische Welt erschüttert. Der Rücktritt der Ratsvorsitzenden hat keineswegs die Probleme erledigt, sondern im Gegenteil deutlich sichtbar gemacht. Auch mit fatalen Auswirkungen nach außen. 

Zwei Positionen im Rat sind jetzt neu zu besetzen, die Position des Ratsvorsitzes ist zu klären. Bei der letzten Neubesetzung im Rat in Ulm wurde den Synodalen wortreich erklärt, dass es nur einen Kandidaten geben könne. Unter einer demokratischen Wahl stellten sich die meisten etwas anderes vor. Viele Synodale beklagen, dass Beschlüsse der Synode nicht umgesetzt bzw. die Umsetzung intransparent erläutert oder verschleiert wurde. Die Öffentlichkeitsarbeit der EKD lässt – nicht zum ersten Mal! - Effektivität vermissen. Wieso wurde beispielsweise nicht schon im Dezember öffentlichkeitswirksam darauf hingewiesen, dass die Synode Maßnahmen im Blick auf Antisemitismus beschlossen hat? Das alles sollte sich nicht wiederholen. Die Synodalen wollen informiert, eingebunden und beteiligt werden. 

In der derzeitigen sogenannten „VUKA-Welt“, geprägt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität, müssen laut Resilienzforschung Menschen dazu befähigt werden, mit herausfordernden Veränderungen lustvoll, neugierig und konstruktiv umzugehen. Dazu müssen Ziele klar, attraktiv und eindeutig formuliert werden, so dass man auch nachprüfen kann, ob sie erreicht worden sind. Darüber hinaus braucht es Eigenverantwortung, Netzwerkorientierung, Lösungsorientierung und Zukunftsorientierung. Nicht nur mir scheint, dass das gerade in der EKD überhaupt nicht geschieht und es dringend an der Zeit ist, plenar und offen auf die (Macht-) Strukturen der EKD zu blicken. Rat, Präsidium, Synode, Kirchenamt und auch die Kirchenkonferenz müssen dringend ihre Veränderungsintelligenz stärken, um neu Vertrauen aufzubauen. 

Sondertagung der Synode

Ein erster, wichtiger Schritt wäre ein gesondertes Treffen der Synode - unbedingt in Präsenz, in der ein leiblicher Austausch möglich ist! - vor der Tagung im November. Zum Austausch war es im gedrängten Programm der letzten Synodaltagungen viel zu selten gekommen. Das ist fatal. Viele Synodale haben das schon länger kritisch angemerkt – bislang ohne Resonanz. Dieses Treffen, ich stelle mir eine eintägige Synodaltagung an einem zentralen Ort in Deutschland vor, sollte idealerweise von einer externen Mediation begleitet werden. 

Ich weiß, die Terminkalender sind gedrängt voll, aber drängender ist eine derzeit prekäre Situation, mit der ich mich einfach nicht abfinden will. Das geht auch anderen so – glücklicherweise. An Krisenkommunikation, Vertrauensaufbau, Zusammenarbeit und einer Öffentlichkeitsarbeit, die den Namen verdient, lässt sich arbeiten. Solange die Resignation nicht das letzte Wort hat, sondern Mut und evangelische Zuversicht, besteht Hoffnung.

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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