Ziel ist das Unendliche

Die Hamburger Kunsthalle zeigt Bilder von Caspar David Friedrich
Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer (1808–1810).
Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB/Andres Kilger
Caspar David Friedrich: Der Mönch am Meer (1808–1810).

Erst im September jährt sich der Geburtstag des Malers Caspar David Friedrich zum 250. Mal. Doch bereits jetzt zeigt die Hamburger Kunsthalle eine umfangreiche Werkschau des Romantikers und setzt seine Bilder in Beziehung zu modernen Interpretationen. 

Die Theologie Martin Luthers, die Musik Johann Sebastian Bachs und die Gemälde Caspar David Friedrichs prägten und bereicherten Menschen über Jahrhunderte – bis in die Gegenwart. Anlässlich des 250. Geburtstags des großen Malers präsentiert die Hamburger Kunsthalle bis zum 1. April 2024 eine Jubiläumsausstellung unter dem Motto „Kunst für eine neue Zeit“. Sie bietet die umfangreichste Werkschau des Romantikers seit vielen Jahren. Über 60 Gemälde und rund 120 Zeichnungen sind zu sehen. Zentrales Thema ist das neuartige Verhältnis von Mensch und Natur. Zwanzig Werke von Künstlerfreunden Friedrichs begleiten seine ausgestellten Bilder. Ein zweiter eigenständiger Teil der Ausstellung ist der Rezeption Friedrichs durch die zeitgenössische Kunst gewidmet. Künstler aus dem In- und Ausland treten in fünfzig Gemälden, Videos, Fotografien und Installationen in einen Dialog mit ihm.

Caspar David Friedrich hat nicht nur in Bildern, sondern auch mit Worten die Welt gedeutet. Den Menschen sah er so: „Es steht der Mensch Gott wie dem Teufel gleich nahe und gleich ferne. Er ist das höchste und niedrigste Geschöpf, das edelste und das verworfenste, der Inbegriff alles Guten und Schönen wie auch alles Verruchten und alles Verfluchten. Er ist das Erhabenste der ganzen Schöpfung, aber auch der Schandfleck alles Erschaffenen.“ In seinem wohl bekanntesten Bild Wanderer über dem Nebelmeer hat Friedrich den Menschen als Schnittstelle zwischen Himmel und Erde gemalt: Mit dem Rücken zum Betrachter steht ein Mann auf der Höhe eines Berges. Aufgereckt, mit windzerzaustem Haar, blickt er in die Tiefe. Er setzt den linken Fuß voran und kippt seinen Kavalierstock seitwärts. Unter ihm steigen aus Nebelschwaden einzelne Felsen empor, in der Ferne ragen hohe Gipfel in den lichtdurchzogenen Himmel. Caspar David Friedrich wusste um die Zwiespältigkeit des Menschen. Der Mensch steht wenig unter Gott, aber zugleich, so der Maler, nicht viel höher als der Teufel. Er vereint in sich De­struktivität und Kreativität, Selbstsucht und Selbstlosigkeit.

Im zweiten Teil der Hamburger Ausstellung ersetzt der Amerikaner Kehinde Wiley in großformatigen Gemälden die weißen Protagonisten in Friedrichs Werk durch dunkelhäutige (2021/22), und die finnische Künstlerin Elina Brotherus hat sich 2004 selbst in der Pose des „Wanderers“ fotografiert. Der Betrachter ist gefragt: Was geschieht, wenn der „schwarze“ Blick den „weißen“ ersetzt, der weibliche den männlichen? Wird aus der denkmalhaften Pose von 1817 zweihundert Jahre später eine gerechte, eine feinfühlige Nachdenklichkeit?

Flackernde Wolkenfetzen

Zwischen den mächtigen Bildern Friedrichs könnte ein nur 20 mal 27 Zentimeter kleines Ölgemälde leicht übersehen werden. Das wäre schade, denn der Abend, wie es schlicht heißt, bezaubert auf ganz besondere Weise. Der Himmel nimmt hier mehr als neun Zehntel der Leinwand ein. Nur ganz unten zieht sich eine dunkelgraue Fläche entlang. Die orangefarbene Himmelsglut stößt auf diese Erdenlinie und zerfasert dann nach oben in leichte, flackernde Wolkenfetzen. Der Blick geht von dunkler Erdenschwere zu hellem Himmelsschweben.

Reizvoll ist dieses Bild auch, weil Friedrich ein Gedicht verfasste, das er „Abend“ nannte: „Stille, horchet, stille!/Nicht einmal die Grille/Zirpt im hohen Gras. – Alles ruht und schweiget,/selbst die Blume neiget/Sanft ihr Haupt herab.“

Gemälde und Poem zeigen die Frömmigkeit des Malers: „Auch ich will mich schlafen legen,/Gottes Schutz und Gottes Segen/Wird beschirmen mich.“ Bild und Gedicht sprechen von einer Geborgenheit in Gott. Der von Friedrich gemalte Abendhimmel deutet auf eine allumfassende göttliche Ordnung. In sie fügt sich der Künstler ein. Seine fromme Sicht der Welt führte ihn zu Dank und Anbetung. Das sollten auch seine Bilder bewirken: „Er ist der Herr der Erde,/Er, der da sprach: Es werde,/Und alles ward. – Er sei gelobt, gepriesen,/Der uns den Weg gewiesen,/So führt zum Heil. – Dem Vater wie dem Sohne/Sei Lob und Preis zum Lohne/Von aller Welt.“

Im zweiten Teil der Ausstellung begegnet dem Besucher das Rot-Orange von Friedrichs Abend in einer 24-minütigen computergenerierten Videoprojektion: Wildfire (meditation on fire) (2019/20) des belgischen Künstlers David Claerbout: Ein zunächst vitaler Wald versinkt in glühender Feuersbrunst. Vermittelt der leuchtende Abend von 1824 himmlische Geborgenheit, so zeigt Wildfire den Schrecken von Umweltzerstörung und Klimawandel.

Oftmals geben Friedrichs Texte Auskunft über ihn selbst. So auch sein Sinnspruch: „Warum, die Frag’ ist oft zu mir ergangen, wählst du zum Gegenstand der Malerei/So oft den Tod, Vergänglichkeit und Grab?/Um ewig einst zu leben,/Muss man sich oft dem Tod ergeben.“

Winterstarres Land

Sein Gemälde Friedhof im Schnee thematisiert „Tod, Vergänglichkeit und Grab“. In ihm hat Winterstarre das Land erfasst. Auf gefrorenem Boden liegt eine verwehte, harte Schneedecke, vertrocknete Disteln ragen heraus. Kahle Bäume recken ihre Äste leblos wirr in den aschgrauen Himmel. Windschiefe Grabkreuze trotzen paarweise dem Eiswind. Unmittelbar vorne ist ein Grab halb ausgehoben. Dort steckt, festgefroren im aufgeworfenen Erdreich mit gekreuzten Stielen, ein Spatenpaar. Eine ockerbraune, bröckelnde Mauer versperrt den Fernblick, und auch das hochgezogene Tor gewährt nur einen schmalen Blick auf das nebelverhangene Land.

Das Bild fordert dazu auf, sich selbst ein Grab zu schaufeln. Es soll begraben werden, was unwesentlich und vergänglich ist. Schon der Barockdichter Angelus Silesius (1624–1668) hatte formuliert: „Mensch stirbest du nicht gern/so willlst du nicht dein Leben: Das Leben wird dir nicht als durch den Tod gegeben.“

Auch wie er seine Kunst verstanden wissen wollte, hat Caspar David Friedrich erläutert: „Kunst ist die Sprache unserer Empfindung, unserer Gemütsstimmung, ja selbst unsere Andacht, unser Gebet. […] So betet der fromme Mensch und redet kein Wort, und der Höchste vernimmt ihn; und so malet der fühlende Künstler, und der fühlende Mensch versteht und erkennt es, aber auch der Stumpfere ahnet es wenigstens. Ich meinesteils fordere von einem Kunstwerk Erhebung des Geistes und – wenn auch nicht allein und ausschließlich – religiösen Aufschwung.“

Für Friedrich war Kunst Zwiesprache mit Gott. Das wird auch deutlich in seinem Der Mönch am Meer. Zwei Drittel der Leinwand bedeckt ein sich nach oben öffnender endloser Luftraum. Darunter brandet ein unruhiges Meer an einen schmalen Sandstreifen, und ein paar Möwen kreisen. Vor dieser unermesslichen Natur steht winzig klein ein Mönch. Das Bild kontrastiert Endlichkeit und Unendlichkeit. Was mag der Mensch empfinden? Fühlt er sich verloren oder geborgen? In Friedrichs Gebets-Gemälde Mönch am Meer begegnet der Mensch einer unendlichen Transzendenz. Er ist heimatlos, aber Gott nahe.

Kirchenraum gestaltet

Im Jahre 1818 wurde der Maler vom Rat der Stadt Stralsund aufgefordert, sich an der Ausschreibung zur „Wiedereinrichtung“ der evangelischen Marienkirche zu beteiligen. In seinem Entwurf vereinte der Protestant Kanzel, Taufe und Altar zu einem Ensemble: Predigt, Taufe und das am Altar ausgeteilte Abendmahl sollten gleich einem dreistimmigen Chorsatz das Evangelium harmonisch erklingen lassen.

Über die Gesamtwirkung des Kirchenraums machte sich der Künstler Gedanken: „Ein Gebäude, wo man sich versammelt, sich vor Gott zu demütigen, vor dem, bei dem kein Ansehen der Person gilt, da müsste billig aller Unterschied der Stände aufhören, und der Reiche muss wenigstens an diesem Orte fühlen, dass er nicht mehr als der Arme ist, und der Arme müsste den sichtbaren Trost haben, dass wir vor Gott alle gleich sind …“. Doch dem Rat der Stadt Stralsund war diese Idee wohl zu egalitär – der Entwurf wurde nicht berücksichtigt.

Unbeirrt von dieser politischen Entscheidung malte der große Romantiker seine Visionen von alten, zerstörten und neuen, idealisierten Kirchen – so auch im Bild der Ruine Eldena. Friedrich verlegt die südlich von Schwerin gelegenen Reste des Klosters ins 600 Kilometer entfernte schlesische Riesengebirge: In der Bildmitte heben sich aus dem dunklen Vordergrund die Mauerreste der Kirche. Sie lenken den Blick über die Berge auf den von gelben und blauen Wolkenstreifen durchzogenen Himmel. Zwei Menschen mit Hund vor der Ruine verschwinden fast in den Farbräumen. Das Bild erzählt von Abbruch und Erneuerung: Caspar David Friedrich hoffte, dass über einer „zerfallenen Kirche, morschen Heiligenbildern, zerstörten Altären und zerbrochenen Weihkesseln“ der Gottesdienst einer neuen Zeit entstehen werde.

Blickt man hingegen in den zweiten Teil der Ausstellung, scheint es kaum Hoffnung in die Erneuerungsfähigkeit des Menschen zu geben. So wirft die deutsche Konzeptkünstlerin Swaantje Günzel in ihrer Fotoserie Arctic Yoghurt (2021) einen Plastikbecher in den friedlich wirkenden Ofotfjord bei Narvik. Die Anklage und der Protest gegen das achtlose Vermüllen der Natur sind offensichtlich. Verborgen bleibt ein größerer Skandal: Unter dem stillen Wasserspiegel verrotten auf dem Grund des Fjords seit 1940 die Wracks von zwölf Kriegsschiffen.

Bei Friedrich hingegen überwiegt stets die Zuversicht. Man könnte meinen, der Maler habe bei vielen seiner Bilder die erste Strophe des Abendlieds („Der Mond ist aufgegangen“) von Matthias Claudius im Sinn gehabt. Mond und Sterne, Himmel, Wald, Wiese und Nebel sind häufig in Friedrichs Landschaftsbildern anzutreffen. Im Gemälde Ostermorgen steht ein Vollmond sogar im Zentrum. Sein Licht beleuchtet einen Waldweg und wird von einem Hochnebel reflektiert, der in der Morgendämmerung wie ein grau-roter Schleier über allem liegt. Die Bäume am Wegrand treiben zaghaft erstes Blattgrün aus. Im Vordergrund gehen drei Frauen in zeitgenössischer Kleidung, in einiger Entfernung fünf weitere. Der Betrachter sieht sie nur von hinten. Steinquader säumen den Weg wie Grabsteine oder stehen in der Ferne. Am Horizont verläuft eine Hügelkette.

Sinnbild Christi

Das Markusevangelium erzählt, dass nach der Kreuzigung Jesu Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus und Salome wohlriechende Öle kauften, um den Leichnam zu salben: „Und sie kamen am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.“ Caspar David Friedrich lässt nicht die Sonne, sondern den Mond aufgehen, der für ihn ein Sinnbild Christi war. Und da Ostern stets auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond fällt, steht der Erdtrabant in voller Pracht am Himmel. Als die drei Frauen das Grab erreichen, sehen sie, dass der Grabstein weggewälzt ist. Daneben sitzt ein Jüngling in einem langen weißen Gewand. Er sagt: Jesus ist auferstanden. Der Ostermorgen ist also nicht einfach eine Darstellung des ersten Ostertages, sondern erzählt, dass die Auferstehung jedem Glaubenden widerfahren kann.

Unendliche Kunst

Caspar David Friedrichs Ziel war das Unendliche. Er schrieb: „So ist der Mensch dem Menschen nicht als unbedingtes Vorbild gesetzt, sondern das Göttliche, Unendliche ist sein Ziel. Die Kunst ist’s, nicht der Künstler, wonach er streben soll! Die Kunst ist unendlich, endlich aller Künstler Wissen und Können. Nach dem Höchsten und Herrlichsten musst du ringen, wenn dir das Schöne zuteil werden soll.“ 

 

Information
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, herausgegeben von Markus Bertsch und Johannes Garve, 496 Seiten, 350 Abbildungen, Euro 49,–.

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