Kirche ohne Männer?

Die Auflösung des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer in der EKD ist fatal
Foto: Evangelisches Zentrum

Im Jahr 1905 wurde der Theologe Ernst Troeltsch befragt, wie er über das kirchliche Stimmrecht für Frauen denke. Seine Antwort wirkt heute schräg und ambivalent zugleich: „Im Allgemeinen ist nun zu sagen, dass Mitwirkung der Frauen in kirchlichen Körperschaften dem Kirchenleben selbst sehr zugute kommen würde, da die Teilnahmslosigkeit der Männer eine recht große ist. … Doch wäre eine einfache Preisgebung des Stimmrechtes an die Frauen überhaupt ohne alle Einschränkung … meines Erachtens eine sehr bedenkliche Entmännlichung der Kirche.“

An der „recht großen Teilnahmslosigkeit der Männer“ gegenüber der Kirche hat sich in den vergangenen fast 120 Jahren nichts geändert. Und die These von der „Entmännlichung der Kirche“ findet in empirischen Befunden auch heute durchaus Nahrung: Nach der Freiburger Studie von 2017 liegt die Kirchenaustrittszahl der evangelischen Männer deutlich über der der Frauen, und im kirchlichen Ehrenamt sind mehr als doppelt so viele Frauen engagiert wie Männer. Angesichts solcher Fakten, verbunden mit der Tatsache der wachsenden Zahl von weiblichen Amtsträgerinnen, wird auch heute gern von einer „Feminisierung“ der Kirche gesprochen. Dabei ist es ja unbestritten, dass unsere Kirche zunehmend durch Frauen geprägt ist. Aber es wäre fatal, das als eine Begründung für den Exodus der Männer aus der Kirche heranzuziehen, nach dem Motto: „Ein Engagement in einer von Frauen dominierten Kirche wäre für Männer unattraktiv …“. Also worin liegt nun wirklich die Distanz von Männern zum kirchlichen Leben begründet?

Hier begegnen wir gleich dem nächsten Vorurteil, wonach Männer emotional – und somit auch in Fragen der Religion oder Transzendenz – amputiert seien. Fakt ist: die geschlechtsspezifischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Zugang zu Fragen der Religiosität sind empirisch belegt. Männer in all ihrer Vielfalt von Männlichkeitskonstruktionen empfinden sehr wohl das tiefe Bedürfnis, dem Leben Sinn und Orientierung zu geben. Sie fühlen sich spirituell kompetent – doch sie legen hohen Wert darauf, ihre religiösen Erfahrungen selbstbestimmt zu gestalten und ihnen ihre eigene persönliche und gegebenenfalls auch männliche Stimme zu geben. Und das ist oft keinesfalls identisch mit den gängigen Formen kirchlicher Religiosität.

Insgesamt scheint es zumindest den christlichen Kirchen nicht hinreichend zu gelingen, die potenzielle Aufgeschlossenheit von Männern gegenüber religiösen Grundfragen angemessen aufzugreifen. Das mag daran liegen, dass Männer Anlässe der Gemeinschaft suchen, die ganz konkret ihren Lebensgefühlen entsprechen. Auf dem Pilgerweg, bei stillen Tagen im Kloster, auf Visionssuche, in der Einsamkeit der Natur oder meditativen Wanderungen machen sie spirituelle Erfahrungen, die sie ernst genommen, die sie nicht der dogmatischen Überprüfung unterzogen wissen wollen. Daher müssen die Lebenssituationen der Männer und die Gesprächs­angebote der Kirche zueinander passen.

Nun kann man dieses Faktum ernst nehmen und Formen kirchlicher Arbeit fördern, die diese Sachlage berücksichtigen, oder man kann die geschlechtsspezifischen Zugänge von Menschen zu Kirche und Religion marginalisieren, wie es die letzten drei Mitgliedschaftsuntersuchungen der EKD inklusive der aktuellen KMU VI aus nicht nachvollziehbaren Gründen tun. Und dann kommt es in Abwehr einer falsch verstandenen Feminisierungsthese zu kirchenleitenden Entscheidungen, die geschlechtsspezifische Arbeitszugänge für überkommen und verzichtbar erklären. So geschehen im Hinblick auf die Auflösung des Evangelischen Zen­trums Frauen und Männer in der EKD.

Gerade im Hinblick auf die Männer in und am Rande unserer Kirche sind solche Entscheidungen fatal. Denn die kirchliche Männerarbeit entwickelt geschlechtsspezifische Angebote für Männer in der Kirche. Sie schafft Räume, in denen sie in der Offenheit geschlechtshomogener Settings über Gott und die Welt, über sich selbst und ihre Lebensgestaltung reflektieren und Gemeinschaft erleben. Dabei rückt sie Männer als Akteure und
Adressaten kirchlichen Handelns in den Fokus und leistet so einen elementaren Beitrag zum Gemeindeaufbau.

Die Männerarbeit der EKD wird mit dem Studienzentrum für Genderfragen der EKD bald eine Studie veröffentlichen, die die Wechselbeziehungen von Männlichkeit, Religiosität und Kirchenbezug untersucht hat. Es bleibt zu hoffen, dass die EKD in Würdigung der Ergebnisse dieser wichtigen Untersuchung bei ihrer Zusage bleibt, die Handlungsfelder Männer- und Frauenarbeit zwar mit reduzierten Mitteln und jenseits bisheriger Strukturen, jedoch nachhaltig weiterhin zu unterstützen. Das wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Kirche, die ihren Horizont öffnet für die sich wandelnden Bedingungen der diversen Lebenswelten von Menschen.

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