Bekämpft in der eigenen Gemeinde

Christen jüdischer Herkunft: Warum aktive Erinnerungsarbeit Not tut
Willy Oelsner, Pfarrer an der Berliner St.-Thomas-Gemeinde. 1934 wurde er fast ein Jahr suspendiert.
Fotos: privat
Willy Oelsner, Pfarrer an der Berliner St.-Thomas-Gemeinde. 1934 wurde er fast ein Jahr suspendiert.

Nach den rassistischen Kriterien der NS-Machthaber galten Christen jüdischer Herkunft gleichermaßen als „Juden“ wie die, die einer jüdischen Gemeinde angehörten. Wer waren sie im „Dritten Reich“? Und wie wird heute an sie erinnert? Diesen Fragen geht der Berliner Historiker Manfred Gailus nach.

In seinen Erinnerungen hat Pfarrer Willy Oelsner von der Berliner St.-Thomas-Gemeinde seine Ausreise aus Deutschland im Januar 1939 geschildert:

„Langsam und lautlos verließ der komfortable Fernzug den Berliner Ostbahnhof. (...) Am Bahnsteig bildeten die Freunde Spalier, die ganze „Familie“ war da, Mitglieder aus der Gemeinde, Pfarrerkollegen. Es gab eine Flut von Geschenkpaketen durch das geöffnete Zugfenster. Bevor der Zug die Hauptstadt endgültig verließ, hatte er noch dreimal oder öfter an Stationen zu halten, und an jedem Bahnhof wiederholten sich die Szenen, die Leute winkten, griffen nach unseren Händen und sangen Lieder. (...) Die Reise nach Bentheim an der holländischen Grenze verlief ohne Zwischenfälle, außer dass mir ein Mitreisender die Nazizeitung (Völkischer Beobachter) anbot, die ich zuerst zornig zurückweisen wollte, aber dann doch annahm. Aus guten Gründen, denn einige Stunden später erschien jener Herr wieder in unserem Abteil, diesmal in Uniform, und verlangte nach unseren Ausweispapieren. Fallstricke in letzter Minute. Nur wenige können sich das Gefühl der Erleichterung vorstellen, als wir nach sechs Jahren der Bedrückung, häufig in Angst um unser Leben, die Grenze in die FREIHEIT passierten.“

Pfarrer Oelsner galt nach NS-Terminologie als „Mischling 1. Grades“. Wie er berichtet, sei er in christlich-protestantischem Geist aufgewachsen. Als er 1932 an die St.-Thomas-Gemeinde kam, genoss er als ehemaliger Frontkämpfer zunächst viele Sympathien. Im Verlauf des Jahres 1933 entschied er sich im beginnenden Kirchenkampf für die Kirchenopposition. Von da ab, so seine Worte, „erbitterter Kampf der Deutschen Christen gegen mich“. Oelsner wurde bekämpft in seiner Gemeinde, weil er sich der Bekennenden Kirche (BK) anschloss, und er wurde mit extremen Mitteln bekämpft, weil er als „nichtarischer“ Pfarrer galt und damit vogelfrei war. Sein Pfarrerkollege Wilhelm Sawade ließ eine Abhöranlage im Pfarrhaus installieren, um den Kollegen in seiner Wohnung zu belauschen. Im September 1935 wurde auf Beschluss des Gemeindekirchenrats am Pfarrhaus, direkt unter Oelsners Arbeitszimmer, unter Klängen eines SA-Spielmannszuges ein „Stürmerkasten“ angebracht. Während des Pogroms vom November 1938 entging Oelsner den Nachstellungen der SS lediglich, weil er im Krankenhaus lag. Durch Vermittlung des englischen Bischofs George K. A. Bell erhielt er während dieser bedrohlichen Wochen eine Einladung nach England.

Nach den rassistischen Kriterien der NS-Machthaber galten Christen jüdischer Herkunft gleichermaßen als „Juden“ wie Glaubensjuden, die einer jüdischen Gemeinde angehörten. Sie alle sollten aus der proklamierten, rassisch homogenen deutschen „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen werden. Die Beschaffenheit des Blutes, so lautete die Begründung der NS-Ideologen, ändere sich durch den kirchlichen Akt der Taufe nicht.

Rassistische Kriterien

In den evangelischen Kirchen waren es vor allem die Deutschen Christen (DC), die das böse Geschäft der völkischen Exklusion besorgten: Entlassung von „nichtarischen“ Theologen oder kirchlichen Angestellten; Verweigerung von Taufen übertrittswilliger Jüdinnen und Juden, Ausschluss von Kindern aus „nichtarischen“ Familien von der Konfirmation; zu Kriegszeiten vereinzelt auch die Anweisung, „Sternträger“ nicht zu den Gottesdiensten zuzulassen.

Exakte statistische Erhebungen über den Umfang evangelischer „Nichtarier“ im Deutschen Reich im Jahr 1933 sind nicht vorhanden. Schätzungen sprechen von mehreren hunderttausend Personen. Für die Metropole Berlin mit insgesamt drei Millionen evangelischen Christen um 1933 dürfte die Zahl der „Nichtarier“ etwa zwanzig bis dreißig Tausend Personen betragen haben.

Wer waren sie? Gewiss, wir kennen halbwegs die Schicksale einiger betroffener Theologen wie Willy Oelsner, Paul Mendelson (Dankesgemeinde Wedding) sowie Max Goosmann (Adlershof). Bekenntnispfarrer Willy Süßbach wurde am 2. Mai 1936 unter Anwendung brutaler SA-Gewalt von seiner Dorfpfarrerstelle bei Brandenburg vertrieben. Franz Hildebrandt, zeitweilig Vikar bei Martin Niemöller in Dahlem, emigrierte im September 1937 nach England. Aber es lebten viele Tausende von Betroffenen in der Hauptstadtregion – ihre Namen verlieren sich noch heute in der Dunkelheit geschichtlicher Anonymität und Vergessenheit.

Die Verfolgung kam nicht allein von „draußen“, von den Organen des NS-Regimes, sie kam zugleich von nationalsozialistischen Christen in der Kirche. Joachim Hossenfelder, seit 1931 Pfarrer an der Christuskirche in Kreuzberg und 1. Reichsleiter der DC, verkündete 1933: „Wir wollen uns selbst und unser Volkstum mit gesammeltem Willen und heiligem Blut. Wir ziehen gegen Schmarotzer und Bastarde in den Kampf, als in einen heiligen Krieg, den Gottes heiliger Wille fordert. Die objektive Macht der Rasse bricht durch, wir wissen etwas davon, und wir stellen uns in ihr Licht und in ihren Dienst, wir kämpfen für sie unter dem Zeichen des Hakenkreuzes. Damit bekommt der Glaube eine neue Sinngebung.“ Sein Pfarrerkollege Siegfried Nobiling (Friedenau) proklamierte auf der 1. Reichstagung der DC Anfang April 1933: Wer Grundgegebenheiten wie Familie, Sippe, Rasse und Volk nicht anerkenne, dürfe nicht Pfarrer werden. Kein „Jude“ oder „Judenstämmling“ solle künftig das Ehrenamt eines Geistlichen oder Gemeindeältesten ausüben. Pfarrer Karl Themel, Leiter der „Kirchenbuchstelle Alt-Berlin“, betätigte sich seit 1935 als kirchlicher Sippenforscher in nationalsozialistischem Geist und forschte nach „nichtarischen“ Vorfahren in den Kirchenbüchern. Seine Ergebnisse reichte er an Staats- und Parteistellen weiter.

Verzweifelte Schicksale

Martha Kassel praktizierte als Ärztin seit 1925 in Berlin. Die promovierte Medizinerin entstammte einer jüdischen Familie und war in ihrer Jugendzeit getauft worden. Infolge des Berufsbeamtengesetzes verlor sie ihre kassenärztliche Zulassung und wurde faktisch erwerbslos. Die mit ihr befreundete Lehrerin Elisabeth Schmitz schilderte im April 1933 ihren Gemütszustand: Gestern Abend sei Frau Dr. Kassel wieder ganz verzweifelt gewesen. Und sie fragte immer wieder: Warum nur hassen sie uns so, sie könne es nicht verstehen, jemand solle hingehen und fragen. An Auswanderung mag sie nicht denken. Sie sei fassungslos, dass man sie vom „Deutschtum“ trennen wolle, wo sie doch deutsche Literatur, Kunst und Landschaft über alles liebe. Vier Jahre teilte Schmitz ihre Wohnung mit Kassel. Aufgrund einer Denunziation musste sie 1937 die Wohnung verlassen. Nach der Pogromnacht emigrierte Kassel im Dezember 1938 mit ihrem Mann, dem Arzt Max Seefeld, nach Argentinien.

Friedrich Weißler, promovierter Landgerichtsdirektor in Magdeburg, war im März 1933 durch Gewaltaktionen von SA und „Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten“ aus dem Dienst vertrieben worden. Fortan lebte er mit seiner Familie unter prekären Verhältnissen in Berlin. Als „nichtarischer“ Jurist hatte er keine Berufschancen. Weißler war in früher Kindheit getauft worden und hielt sich in Berlin zur Bekennenden Kirche. 1934 fand er eine Anstellung als Bürokraft bei der 1. Vorläufigen Leitung der Kirchenopposition. Als versierter Jurist war Weißler an den Beratungen einer vertraulichen BK-Denkschrift an Hitler beteiligt. Am 7. Oktober 1936 verhaftete ihn die Gestapo. Die Verhörprotokolle ergaben, dass Weißler einen Entwurf der geheimen Denkschrift an Mittelsmänner übergeben hatte, die sie an die Auslandspresse weiterleiteten. Die BK sah darin einen „Vertrauensbruch“, distanzierte sich von ihm und löste die Arbeitsbeziehung auf. Im Februar 1937 wurde Weißler in das KZ Sachsenhausen überführt. Für die SS-Wachmannschaften galt der bekennende Christ als „Jude“. Binnen einer Woche wurde er zu Tode geprügelt.

Harry Richard Loewenberg entstammte einer jüdischen Familie und hatte sich 1913 im Alter von 26 Jahren taufen lassen. In den 1920er-Jahren gehörte er zu den Chefredakteuren der Zeitschrift Die Textil-Woche. Als „Nichtarier“ wurde er seit 1933 in der Redaktion herabgestuft, konnte jedoch als Weltkriegssoldat nicht entlassen werden. 1936 entzog man ihm die eingeschränkte Arbeitserlaubnis vollständig. Wohnhaft in Kleinmachnow im Süden Berlins, besuchte die Familie die BK-Gottesdienste Niemöllers in Dahlem. Mit Helmut Gollwitzer war sie freundschaftlich verbunden. Sein bedrohliches „Kristallnacht“-Erlebnis hat Loewenberg zeitnah aufgezeichnet. In der Nacht vom 10. auf den 11. November stoppte zwei Stunden nach Mitternacht ein Auto vor dem Haus. SA-Männer klingelten Sturm. Kurz darauf flogen Steine durch nahezu sämtliche Fenster. Zwei Tage nach dem Überfall tauchte Loewenberg unter. Während einer vierwöchigen Odyssee fand er Zuflucht bei Pfarrern der BK. Am Buß- und Bettag, dem 16. November 1938, besuchte er den Gottesdienst Gollwitzers im Gemeindehaus Dahlem: „Ich fand keinen Sitzplatz mehr und musste in der Vorhalle stehen. Eine schwere, gedrückte Stimmung lastete auf der Gemeinde. (...) Pastor Gollwitzer gab den Gedanken, die mich an diesem dunklen Bußtag bewegten, in meisterhafter Weise Ausdruck. Ich habe später diese Predigt, die zu den besten gehört, die ich je vernommen habe, oftmals gelesen, und ich empfand es als ein großes Erlebnis, dass dieser Mann unerschütterlich die Worte sprach, die der Gemeinde an diesem Tag gesagt werden mussten (...) In allen diesen Wochen fühlte ich mich wie ein von den Sicherheitsbehörden verfolgter u. gesuchter Verbrecher mit dem einzigen Unterschied, dass ich ein reines Gewissen hatte u. wusste, dass man in diesem, von Verbrechern mit verbrecherischen Mitteln regierten Lande mit umgekehrten Maßstäben messen musste.“

Am 28. Mai 1939 verließ Loewenberg Berlin in Richtung England: „As the train was gathering speed, I heard somebody in the next compartment say: ‚Adieu, Berlin. I’ll never see you again!’ That was true for me too. I had spent forty nine years of my life in this city: my childhood, the years of my youth and adulthood, my work and my family, the time of my first ardent love of my wife, the births and growing up of the children, all this was contained in the word ‚Berlin’.”

Im November 2002, mithin 57 Jahre nach Kriegsende, hielt Bischof Wolfgang Huber zum Buß- und Bettag in der Zehlendorfer Pauluskirche eine Predigt, die dem Gedenken an die Schicksale von Christen jüdischer Herkunft gewidmet war. Er knüpfte dabei an Gollwitzers Bußtagspredigt von 1938 in Dahlem an. Huber beklagte die damals erwiesene unchristliche Gleichgültigkeit der Kirche gegenüber der Taufe und die fehlende Solidarität mit den verfolgten „Nichtariern“. Auch die BK habe damals versagt. Nur Einzelne wie Dietrich Bonhoeffer, Elisabeth Schmitz, Martin Albertz oder Heinrich Grüber seien damals mutig hervorgetreten. Huber schilderte auch das unheilvolle Treiben der DC, namentlich die Sippenforschungen Pfarrer Themels, und resümierte: „Wir klagen uns an, dass die Leitung unserer Kirche sie (die „Nichtarier“) nicht geschützt und unsere Gemeinden sie nicht geborgen haben. Wir erinnern uns zugleich an die Menschen, die damals versucht haben, dem Rad in die Speichen zu greifen. Es waren wenige und es geschah spät.“ Huber rief die Kirche zu aktiver Erinnerungsarbeit auf.

Zu Tode geprügelt

Ein kirchlicher Arbeitskreis machte sich seit 2003 an die Arbeit und wies in einer Publikation die Namen von über 300 evangelischen „Nichtariern“ nach, die während der Kriegsjahre in den Osten deportiert wurden. Diese Forschung war eine anerkennenswerte Initiative. Aber die Hauptstadtkirche ist damit nicht von der bleibenden Verpflichtung enthoben, diese schwer lastende Problematik durch höheren Ressourceneinsatz und professionelle Forschung anzugehen. Viele andere Landeskirchen sind hier in der Aufarbeitung längst weiter. Für die meisten der 150 Kirchengemeinden der einstigen Reichshauptstadt ist bis heute unbekannt, wie viele „Nichtarier“ ihnen angehörten, wie ihre Namen lauteten und welches Schicksal sie erlitten. Dies wäre Voraussetzung, um ihrer auf Namenstafeln zu gedenken und durch Stolpersteine an sie zu erinnern. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz steht hier in einer seit langem überfälligen Bringschuld.

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