Kein Wort, nirgends

Beobachtungen von der Synode der Evangelischen Kirche von Westfalen am Wochenende in Bielefeld
Die Herbsttagung der Synode der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bethel, 24.11.2023.
Foto: epd
Die Herbsttagung der Synode der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bethel, 24.11.2023.

Wenige Tage nach dem Rücktritt ihrer leitenden Geistlichen Annette Kurschus musste die Synode der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld zur Herbsttagung der Synode zusammentreten. Eine schwierige Tagung, die wenig löste, meint der Journalist und Theologe Wolfgang Thielmann, der dabei war – jedenfalls in den öffentlichen Teilen.

Die Synode der Evangelischen Kirche von Westfalen ist zusammengekommen, im Assapheum, dem backsteinneugotischen Festsaal der früheren Anstalten von Bethel, der Stadt der Barmherzigkeit im Bielefelder Ortsteil Gadderbaum. Anfang der Woche war Annette Kurschus zurückgetreten, sofort, unverzüglich, die Präses der Synode, der Kirche, die Leiterin des Landeskirchenamtes sowie Vorsitzende der Kirchenleitung. Wie geht es weiter? Auch ohne Rücktritt ist das Programm randvoll. Aber der jähe Verlust der Präses liegt wie ein Alpdruck auf allen Diskussionen.

Arne Kupkes Wiederwahl steht bevor. Und jetzt, zu spät, lösen sich die Zungen. Arne Kupke ist juristischer Vizepräses der Kirche. Seine Amtszeit endet im kommenden Frühjahr. Das Kirchenparlament soll Kupke wiederwählen, so schlägt es der Nominierungsausschuss vor. Doch Kupkes Name verbindet sich mit dem Rücktritt. Mit seinem Amt war er einer der engsten Berater von Annette Kurschus. Zusammen mit ihr hat sich Kupke mit seinem Kurs durchgesetzt und Missbrauchsvorwürfe, die Anfang des Jahres bekannt wurden, nicht bekannt zu machen, auch nicht gegenüber dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Kurschus war auch dessen Vorsitzende. Damit bekleidete sie bis zum Rücktritt das höchste Amt, das der deutsche Protestantismus zu vergeben hat. In den vergangenen drei Wochen kamen die Vorwürfe dann doch ans Licht und setzten die Präses unter Druck – dem sie nicht standhielt: Der Missbrauch soll im südwestfälischen Siegen stattgefunden haben, wo Kurschus aufwuchs und wo ihre Karriere begann. Sie kannte den Beschuldigten, sie kannte ihn sehr gut, wie sie erst allmählich durchsickern ließ.

Die verwaiste Synode muss ein Trauma bewältigen. Aber es geht noch nicht. Statt Kurschus hat in der Mitte des Präsidiums ihr Vertreter Platz genommen, der theologische Vizepräses Ulf Schlüter. Er soll früh die Offenlegung der Vorwürfe gefordert haben.

Und niemand fragte …

Am Abend zuvor hat sich Kupke mit einer launigen Rede präsentiert. Da wäre Zeit gewesen für Fragen und Kritik: Warum um alles in der Welt hat Kupke den Geheimhaltungskurs durchgesetzt, der die Präses das Amt kostete? Und was ist mit der desaströsen Finanzlage der Kirche? Warum soll sie erst nach der Wahl zur Sprache kommen? Kupke ist auch Finanzdezernent. Niemand ergriff das Wort. Er selbst verwies nur auf eine „deutliche Differenz“ mit seinem Kollegen Schlüter über den Weg der Missbrauchsaufarbeitung. Das habe man in der Zeitung lesen können. Doch man wolle gemeinsam weitergehen. Aber wie? Das sagte er nicht. Und niemand fragte.

Unterschiedliche Kommunikationsstrategien: der Theologische Vizepräsident Ulf Schlüter (links), seit 20.11. kommissarischer Präses, und Arne Kupke, juristischer Vizepräsident, auf der Synode in Bethel am 24.11. 2023.
Foto: epd

Unterschiedliche Kommunikationsstrategien: der Theologische Vizepräsident Ulf Schlüter (links), seit 20.11. kommissarischer Präses, und Arne Kupke, juristischer Vizepräsident, auf der Synode in Bethel am 24.11. 2023.
 

Jetzt, am Tag darauf, Minuten vor der Wahl, beantragt die Dortmunder Pfarrerin Kerstin Schiffner eine Vertagung. Viele Synodale fühlten sich neben der Spur: „Ich möchte wieder sprachfähig werden. Ob Augen zu und durch das Gebot der Stunde ist?“ Die Herner Superintendentin Claudia Reifenberger und ihr Bielefelder Kollege Christian Bald pflichten ihr bei: Die Misere verbinde sich mit Kupkes Namen. Das belaste die Wahl.Aber Einsprüche kommen zu spät. Warum hat Schiffner nicht bei der Aussprache am Vortag gefragt? „Ich konnte einfach nicht“, sagt sie. Die Verschiebung wird abgelehnt. Kupke selber hatte vor der Verzögerung gewarnt, als er sich vorstellte. Er wird kurz später gewählt – mit 82 Ja-Stimmen, 37 Neins und 25 Enthaltungen. Er nehme die Diskussion sehr ernst, sagt er – und die Wahl an. Hält der Konflikt mit Schlüter an, der das Präsesamt kommissarisch wahrnimmt?

Hinter verschlossenen Türen

Tags zuvor brauchte die Synode mehrere Stunden Traumabewältigung hinter verschlossenen Türen. Das Parlament musste sich fassen. Die offene Aussprache im großen Kreis soll aber so offen nicht gewesen sein. Es gab ein paar Gegenstimmen und Enthaltungen gegen eine Erklärung – bei einer so großen Synode mit 167 Stimmberechtigten und 27 Beratern wie in Westfalen erwartbar. Die Erklärung bedauert Kurschus’ Rücktritt zutiefst. Dass die Präses mit ihrem Schritt Schaden von der Kirche abwenden wollte, „sehen wir mit großem Respekt, sagt das Papier. Mit Kurschus und wegen ihr ist auch der frühere NRW-Verfassungsrichter Michael Bertrams als Kirchenleitungsmitglied zurückgetreten: Er wolle in keiner Kirchenleitung sitzen, die die Präses so im Stich lasse. Auch seinen Schritt bedauert die Synode, aber hier fehlt das Wort „zutiefst“. Sein Kurs gilt als umstritten.

Doch zuerst bittet das Papier der Synode alle Betroffenen eines möglichen Missbrauchs um Verzeihung, auch wenn bisher nur Vorwürfe und Verdächtigungen im Raum stehen. Das sind neue Töne. Um Verzeihung hat Kurschus nicht gebeten. Sie hatte den Missbrauch zur Chefinnensache erklärt, als sie zur EKD-Ratsvorsitzenden gewählt wurde. Das hat die Fallhöhe gesteigert, als sie Informationen nur scheibchenweise preisgab. Sie gehe im Reinen mit Gott und sich selbst, hatte sie vor ihrem grußlosen Abschied gesagt – eine theologisch kühne Geste.

Unterschätzt man in Westfalen die Öffentlichkeit? Kurschus hat die Theologie groß und die Öffentlichkeitsarbeit klein gemacht. Sie habe es nicht so mit der Presse, sagte sie gelegentlich. Medien waren für sie ein fremdes Gelände. Sie konnte offenbar nicht einschätzen, welche ihrer Äußerungen aufgegriffen wurde und wie. Interviews konnten schwierig werden, zitable Sätze waren selten. Passt das zum Anspruch der Kirche, eine Botschaft mit Bedeutung für die Öffentlichkeit zu vertreten?

Eitelkeitspotenzial unterschätzt?

2015 schlug das Landeskirchenamt der Synode vor, die Führungskraft künftig „Bischöfin“ zu nennen, eine Bezeichnung, „die überall verstanden wird“. Der Vorschlag kann kaum ohne ihren Wunsch zustande gekommen sein. Hat sie das Eitelkeitspotenzial der Umbenennung unterschätzt? Der Widerstand in den Kirchenkreisen verhinderte sie.

2022 kritisierte Kurschus die Sylter Pfarrerin Susanne Zingel gegenüber dem Westfalenblatt. Zingel hatte Finanzminister Christian Lindner und die Journalistin Franca Lehfeldt in ihrer Kirche getraut, obwohl sie nicht zur evangelischen Kirche gehörten. Kurschus sagte, das würde sie nicht tun: „Sonderangebote für Reiche und Wichtige zu machen ist nicht unser Ding und wird es auch nie sein.“ Hatte sie die Wirkung ihrer Worte kalkuliert?

Kurschus konnte ihren Kurs durchsetzen, auch deshalb, weil das westfälische Präsesamt mit seiner vierfachen Macht ausgestattet ist. Lange fiel ihr Fremdeln mit der Öffentlichkeit kaum auf. Denn es ging einher mit einem Bedeutungsverlust der Kirchen. Sie wurden weniger gefragt und hätten sich mehr um Öffentlichkeit bemühen müssen. Im 15-köpfigen EKD-Rat wuchs Kritik an Alleingängen und spärlicher Information. Über die Missbrauchsvorwürfe informierte Kurschus den Rat erst nach Monaten, kurz vor der Synode der EKD, als sie wusste, dass die Siegener Zeitung sie veröffentlichen würde. Wahrscheinlich hat sie es verletzt, in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden und die Dinge nicht wie in der Kirche im Griff zu haben.

Vielleicht hat ihre Herkunft aus der westfälischen Kirche die Entwicklung befördert. Schon Heinrich Heine spottete über die Unambitioniertheit der Menschen: „Ich habe sie immer so lieb gehabt, die lieben, guten Westfalen: Ein Volk so fest, so sicher, so treu, ganz ohne Gleißen und Prahlen.“ Auf der Synode, die sich fassen muss, sind keine Pressekonferenzen und nur wenige Plätze für Menschen aus Medien vorgesehen. Sonst ist das Interesse meist überschaubar.

Aschenbrödel unter den Landeskirchen

Denn Westfalen ist das Aschenbrödel unter den evangelischen Landeskirchen. Zwar ist die westfälische Kirche die viertgrößte der 20 Landeskirchen nach Hannover, dem Rheinland und Bayern. Und sie hat viel zu bieten: Sie umfasst mit Bethel und dem Johanneswerk die beiden mit Abstand größten diakonischen Unternehmen in Deutschland. Allein Bethel beschäftigt 20.000 Menschen. Die Posaunenchorbewegung, die sich in ganz Deutschland ausgebreitet hat und Instrumentenbauern Konjunktur beschert, hat eine Wurzel im Nordosten der Kirche. Kantoren rümpften lange die Nase über deren volkstümliche Musik.

Aber Westfalen ist eine Kirche der kleinen Städte und ländlichen Räume – und der ebenfalls wenig geliebten Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts. Die Zentren der Kirche heißen Siegen, Dortmund, Bochum, Münster, Minden und Bielefeld. Und Gütersloh, der Sitz des heute international agierenden Bertelsmann-Medienkonzerns. Sein Gründer Carl Bertelsmann kam aus der Erweckungsbewegung im Minden-Ravensberger Land und begann, deren Schriften zu drucken. Doch längst hat sich der Konzern von seinen kirchlichen Ursprüngen gelöst. Früher sind Denkschriften der EKD in Gütersloh erschienen und gedruckt worden. Inzwischen hat die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig das Geschäft übernommen. In Bethel liegen Neuanfänge der evangelischen Publizistik nach dem Zweiten Weltkrieg. Die pietistische Frömmigkeit des Sieger- und des Sauerlandes gilt als engherzig und gesetzlich, sie ist kirchenkritisch und ganz wenig karriereorientiert. Deshalb findet sie sich kaum in Kirchenleitungen und an Universitäten. Doch ihre Anhänger tragen bis heute kirchliches Leben am Ort.

Vielleicht bietet also Westfalen mit seiner ländlichen Orientierung wenig Raum für das Bewusstsein, dass die Kirche eine öffentliche Sache vertritt und die Öffentlichkeit suchen muss. Fördert die Geografie auch eine binnenkirchliche Orientierung? Bisher kamen alle Präsides aus der eigenen, der Kirche der kleinen Räume. Anderswo schaut man sich gern in ganz Deutschland um, wenn die Führung zu besetzen ist.

Wie geht es in Westfalen weiter? Das Synodenpräsidium sitzt unter dem neugotischen Backstein-Chorbogen des Saals, der nach dem biblischen Psalmsänger Asaph benannt ist. In der kalkweißen Zarge wölbt sich über den Präsidialen der Spruch: „Singet und spielet dem Herrn in euren Herzen. Das zitiert den Epheserbrief, Kapitel 5, wo es ums Leben im Licht geht und um das Aufdecken der „unfruchtbaren Werke der Finsternis“. Aber hier und heute wird nichts aufgedeckt.

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