Bitte kein Identitätsgedusel!

Warum die Kirche im Osten Deutschlands nicht als Zukunftsmodell dienen kann
Foto: privat

Es dauerte keine fünf Minuten, da kam mir auf der Ulmer Tagung der EKD-Synode vor wenigen Tagen das erste Ossi-Vorurteil zu Gehör. Ich hatte mich gerade in die Schlange der Wartenden eingereiht, die nach Einlass zum Empfang der gastgebenden Landeskirchen am Sonnabend begehrten, als ein mir unbekannter Herr meinen Gesprächspartner von hinten anquatschte: „Das ist hier ja wie im Osten, als sie nach den Zitronen anstanden!“

Nicht nur irrte sich der arme Mann in der Frucht, natürlich standen die DDR-Bürger:innen nach Bananen an, völlig außerhalb seines Erwartungshorizonts war offenbar, hier an diesem Ulmer Abend auf einen waschechten Ossi treffen zu können, der seinen Kommentar womöglich zum Ärgernis nehmen könnte. Keine Sorge! Ich hatte einfach nur Mitleid und beließ den Herren im Glauben, einen hervorragenden Scherz gemacht zu haben. Gnade mit den Gestrigen!

Genugtuung beim ostdeutschen Personal

Der Wessi-Hochmut sollte sich alsbald sowieso rächen: Bei der Vorstellung der neuesten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) am Dienstag der leicht verkürzten Synodentagung stellte sich beim ostdeutschen Personal durchaus so etwas wie Genugtuung ein. Verantwortlich dafür sind vier kurze Sätze auf Seite 43 f. des Bandes „Wie hältst du’s mit der Kirche?“, in dem erste Ergebnisse der 6. KMU zusammengefasst sind.

„Die ostdeutschen Evangelischen fühlen sich mit 82 % (davon 14 % sehr verbunden) deutlich öfter zumindest etwas mit ihrer Kirche verbunden als die westdeutschen Evangelischen (65 %). Es ist also in der 6. KMU ein Ost-West-Effekt nachweisbar, der sich schwächer ausgeprägt auch bei katholischen Kirchenmitgliedern findet (64 % vs. 57 %).

Die zunehmende christliche Minderheitensituation in Ostdeutschland geht inzwischen offenbar mit einer Stärkung kirchlicher Mitgliedschaftsidentität bei den verbliebenen Kirchenmitgliedern einher. Auch wenn dieser tendenzielle Unterschied zwischen Ost und West nicht überinterpretiert werden sollte – derart verschiedene Welten sind Ost- und Westdeutschland inzwischen nicht mehr -, ist dies ein bemerkenswerter Befund, weil er in früheren KMUs nicht festgestellt werden konnte.“

Genug Osten da!

„Atmen“, empfahl bereits letzten Freitag Kolumnenkollegin Katharina Scholl an dieser Stelle. Durchatmen sei den ost- wie westdeutschen Leser:innen der KMU dringend empfohlen. Nicht, dass wir hier im Osten etwas gegen die inzwischen zahlreichen Exkursionsreisenden aus Pfarrkonventen, Kirchenämtern und Synoden hätten, die aus der Pfalz, dem Rheinland oder Württemberg die beschwerliche – und häufig erstmalige – Reise in den wilden Osten antreten, um sich hier ein Bild von der kirchlichen „Diaspora-Gegenwart“ oder von der ihnen blühenden Zukunft zu machen. Herzlich Willkommen, immer ran, es ist genügend Osten für alle da! Aber den Osten als Vorbild für eine Kirche hinzustellen, deren Mitglieder tatsächlich gern bei und in ihr sind, das greift nun wirklich zu kurz oder führt zu weit.

Besondere Begeisterung erfuhr bei der Präsentation der ersten Ergebnisse der KMU und in der nachfolgenden Berichterstattung (von einer „breiten Resonanz“ wie Katharina Scholl würde ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sprechen), dass die Konfirmation und mithin traditionelle lebensbegleitende kirchliche Angebote tatsächlich einen positiven Effekt auf die Kirchenbindung haben. Selbst ausgetretene Evangelische erinnern sich gern an den Konfi-Unterricht und haben sogar den Religionsunterricht nicht ganz vergessen.

Mich verleitete dieser Befund auf der Pressekonferenz zur Vorstellung der KMU dazu, danach zu fragen, ob denn die Evangelische Kirche nun nicht gut daran täte, Christenlehre, Kurrende, Jungschar, Konfirmandenunterricht, Junge Gemeinde sowie Kantorei und Posaunenchor wieder ins Zentrum ihres Angebots zu rücken. Die Antwort von Kirchenpräsident Volker Jung (EKHN), der als Mitglied im wissenschaftlichen Beirat an der Präsentation der Studie teilnahm, fiel ganz erwartbar aus: Natürlich müsse die Kirche immer wieder „nach neuen Formen suchen“, mit denen sie den Menschen nahe sein kann. Aber gemeint waren ja von mir überhaupt keine neuen Formen, sondern altes Besteck, ostdeutsch codiert obendrein.

Familie als rosa Elefant

Allen, die sich ob der ersten KMU-Ergebnisse in ostdeutschem Identitätsgedusel aufwärmen, muss man gleichwohl widersprechen. Auch wenn die neueste KMU die Bedeutung der Familie im Vergleich zu vorausgehenden Untersuchungen eher abwertet, so spielt sie doch im Alltag der Kirche im Osten (wie im Westen) eine herausragende Rolle für die religiöse und im engeren Sinne kirchliche Sozialisation. Oder ganz direkt: Wer nicht wenigstens eine Omi oder einen Opi, eine Mutti oder (seltener) einen Vati in der Kirche hat, der wird auch hierzulande nicht zum Kindermusical, Krippenspiel, zur Kinderkirche oder zum Konfirmandenunterricht angemeldet. Da es im Osten bekanntlich nur mehr sehr wenige christliche Familien gibt, unter denen es dann aber zugegebenermaßen vielleicht einige tatsächlich ernst meinen mit ihrem Glauben, kann von einem Zukunftsmodell Kirche-Ost keine Rede sein. Die Wechselwirkungen von familiärer und gemeindlicher religiöser Bindung scheinen mir im kurzen ersten KMU-6-Bericht nicht ausreichend beleuchtet zu sein.

Die Familie ist inzwischen auf beiden Seiten des religionssoziologischen Konflikts – siehe hier in den zeitzeichen – zu einem rosa Elefanten geworden, der für alle sichtbar, aber unkommentiert im Raum rumsteht. Ohne Familien, in denen – gerne traditionell, warum nicht? – religiöse Bildung und Bindung gelebt wird, auch keine Gemeindebindung, ohne Gemeindebindung keine nachhaltige Kirchenbindung.

Die Säkularisierungsthesen-Verfechter, die dem Vernehmen nach diese KMU so sehr geprägt haben, unterschätzen womöglich die Bedeutung von familiären Strukturen für das Hineinwachsen in die Kirche. Zu einem auch noch so attraktiven Konfi-Projekt finden Jugendliche auch heute vor allem über die Familie und – seltener – den Freundeskreis. Die Individualisierungsthesen-Fans hingegen überbewerten, so scheint es mir, das passagere Gespräch über Sinnfragen und religiöse Symboliken, das es auch in kirchenfernen Familien ja durchaus gibt. Ohne Form findet sich dann doch kaum Inhalt. Mutti und Vati müssen schon wissen, was einen Herrnhuter Stern und einen Adventskranz vom IKEA-Lichtlein und Dekor-Betrübnis aus dem Discounter unterscheidet. In der Not mögen manche meditieren und andere sinnieren, aber einen Psalm 23 oder einen Konfirmationsspruch erinnert man nicht zufällig.

Schatz der Traditionen

Genau solche Formen des Christlichen sind vielen Familien in Ost und West entglitten. Selbstkritisch müsste sich hier die Evangelische Kirche befragen, ob sie es nicht – trotz durchaus bestehender Nachfrage – unterlassen hat, Familien und ihren Kirchenmitgliedern im Allgemeinen brauchbares Handwerkszeug zur Gestaltung eines christlichen (Familien-)Lebens an die Hand zu geben. Es ist ja wohl keine Neuigkeit, dass die vor- und vorvorletzte Pfarrer:innen-Generation West den, nun ja, klassischen Formen evangelischer Frömmigkeit eher skeptisch gegenübersteht. Das geht manchmal sogar soweit, dass Tischgebet, Vaterunser, Choral und Gottesdienstbesuch ohne jede Not relativierend oder gar abschätzig kommuniziert werden.

Wenn man etwas aus dem Osten lernen könnte, dann, dass derlei Herumgetrampel auf dem Eigenen mindestens überflüssig, gelegentlich albern und im Ernstfall zerstörerisch ist. Die Evangelische Kirche darf Neugierigen gerne mit der Fülle ihres Traditionenschatzes begegnen und muss sich nicht selbst schlecht reden. Das gilt im Übrigen auch für die recht eigentümlichen Frömmigkeitsäußerungen der 1970er- und 1980er-Jahre, an denen sich nur noch Hobbylose krampfhaft abkämpfen. Allen anderen gelten sie als Teil des bunten evangelischen Mix‘ von Frömmigkeitskulturen. Das Unwissen über Kirche und Glauben hat hierzulande eine solche Hegemonie, dass selbst die Vorurteile gegenüber einer „altbackenen Kirchlichkeit“ im Verschwinden begriffen sind. Man sollte sie nicht durch eigenes Herumgemecker unnötig aktualisieren. Mir dünkt, das gilt auch für jüngere Alterskohorten im Westen. Mit Sicherheit aber für diejenigen - im Vergleich zur gesamten Kirchenmitgliedschaft - jüngeren Christ:innen, die sich auf Instagram herumtreiben. Die Sehnsucht nach Formen, in die man seinen Glauben hineingeben kann, ist bei den Suchenden und Verbundenen groß!
 

Südfrüchte inklusive

Ansonsten badet die Evangelische Kirche, so scheint es mir, ihre Verengung auf die Dienste der Pfarrer:innen aus. Das ist nun tatsächlich ein sehr westdeutsches Phänomen, auch wenn es in den vergangenen 33 Jahren seit der Wiedervereinigung längst gesamtdeutsche Realität geworden ist. Lebendige Gemeinde, die es vermag Menschen ihr Leben lang zu begleiten, besteht aus vielen Menschen und in ihr arbeiten mehrere Professionen. Die Geringschätzung der Kirchenmusik und Gemeindepädagogik / Katechetik fällt der Kirche nun doch auf die Füße. Gleichwohl bietet sich hier auch im Osten ein höchst unterschiedliches Bild. Den Osten, liebe Wessis und identitären Ossis, gibt es nicht!

Womöglich sind Menschen einfach deshalb bei der Kirche dabei, weil sie gerne im Kirchenchor mitsingen, ein Konzert in ihrer Kirche besuchen, der alte JG-Freundeskreis noch beieinander ist, die Kinder in evangelische Kindergärten und Schulen gehen, man schon recht gerne kirchlich bestattet werden will und man es prinzipiell gut findet, dass Schwachen geholfen wird und sich gelegentlich mal ein:e EKD-Ratsvorsitzende:r oder Synodenpräses gegen den Rechtsruck in unserer Gesellschaft und die völlige Enthemmung von gesellschaftlichen Diskursen stellt oder für effektiven Klimaschutz einsetzt. Für diese Erkenntnis hätte es wahrscheinlich keiner 6. KMU bedurft. Exkursionen in den Osten sind sicherlich günstiger, Südfrüchte inklusive.

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