Erzählt doch mal!

Die Zukunft der Kirche liegt im Teilen von Geschichten
Foto: Christian Lademann

Eine golden funkelnde Rettungsdecke hatte ich auf dem Boden ausgebreitet. Sie sollte den Ort bieten für goldene Momente. Bei einer Fortbildungsveranstaltung für Pfarrerinnen und Pfarrer, die gerade in den Beruf gestartet sind, bat ich die jungen Kolleginnen und Kollegen nacheinander auf diesen goldenen Ort zu treten und von ihrem persönlichen Goldmoment der letzten drei Monate im Beruf zu erzählen. „Erzähl es so, als würdest Du darin das Evangelium verkündigen…“ Eine nach dem anderen trat in die Mitte und erzählte. Mitten aus dem Chaos der ersten Amtswochen leuchteten sie auf, all die Augenblicke tiefer Begegnungen, all die kleinen Momente, in denen das große Geheimnis wohnt. Eine junge Frau sagt am Ende ihrer Erzählung: „…und in diesem Moment habe ich mich so richtig als Pfarrerin gespürt.“

Mir ist diese anrührende Atmosphäre des Erzählens und Zuhörens nachgegangen. Wo sind eigentlich die Räume in der Kirche, wo wir in dieser Weise Geschichte teilen? Wo wir einander erzählen, was wir erlebt haben, was uns berührt und vielleicht sogar davon, was aus unserer Kirche werden könnte oder zumindest nach welcher Zukunft wir uns sehnen? Wir ahnen, dass es im Hinblick auf die Zukunft der Kirche nicht allein darum geht, den Gürtel hier und da enger zu schnallen, sondern dass die Kirche sich tiefgreifend transformieren wird. Ich bin mir sicher, dass eine solche Transformation nur gelingen kann, wenn wir wieder lernen, Geschichten zu erzählen.

Durch Narrative bestimmt

Schon immer haben Menschen über die Zukunft und damit verbundene Veränderungen in Gestalt von narrativen Strukturen nachgedacht. Geschichten sind es auch, die helfen mit Komplexität umzugehen und darin Perspektiven und Orientierungen zu entwickeln. Hartmut Rosa hat die Kraft der sogenannten Resonanznarrative entfaltet, Geschichten, die von gelingenden wechselseitigen Antwortbeziehungen zur Welt erzählen, von Momenten, in denen ich etwas bewirkt habe oder die in mir etwas bewirkt haben. Das Erzählen und Hören solcher Geschichten regen zum Handeln und Verändern an. Es gibt keine Entwicklung ohne solche Geschichten.

Nicht nur Menschen, sondern auch Organisationen werden zu einem hohen Grad durch Narrative und Geschichten bestimmt. Angeregt durch den narrative turn der Psychologie in den 1980er-Jahren entwickelt die Narrative Organisationsentwicklung das Handwerkszeug, um Unternehmen durch die Kraft von Geschichten zu verändern. Wenn dies für alle Organisationen gilt, um wieviel mehr gilt es dann für die Kirche, die zutiefst aus ihren narrativen Ursprungserzählungen lebt?

Mir geht es nicht um eine verklärte Fiktion, die rosige Zukunftsbilder malt, so als sei die Freiburger Studie nie veröffentlicht worden. Es geht um das gemeinsame Entwickeln von Geschichten, die eine Vision einer kleiner gewordenen und dennoch vitalen Kirche vor Augen führen. Ich würde mir wünschen, dass solche Geschichten von kirchlich Aktiven in Gemeinden erzählt werden und dass Kirchenleitende wagen von ihren Visionen zu erzählen. Kein Innovationsprozess kommt aus ohne eine mitreißende story, die alle Beteiligten von einer gemeinsamen Zukunft träumen lässt.

Ungewisse Zukunft

Im Moment gießen wir unsere kirchliche Zukunft in Schaubilder mit unzähligen Pfeilen, die angesichts aller Ratlosigkeit vermeintliche Sicherheit suggerieren sollen. Und selbst bei Schaubildern, die bis ins Jahr 2040 reichen, ahnen wir, dass die Transformation, in der wir uns gerade befinden, dann nicht an einen Zielpunkt gekommen sein wird. Mit einer starken Geschichte haben diese Schaubilder wenig zu tun, denn es fehlt ihnen die narrative Verbindung der einzelnen Elemente. Es sind keine abstrakten Schaubilder, die Menschen befähigen mit Vertrauen ins noch Unbekannte zu gehen. Geschichten hingegen vermögen eine noch ungewisse Zukunft konkret zu machen.

Das Erzählen von Geschichten bewahrt uns davor, immer schon vermeintlich zu wissen, was die anderen denken und empfinden. Der ständige Streit darüber, ob die Parochie gut oder böse ist, hat solche ermüdenden Tendenzen. Unüberwindliche Gräben werden errichtet. Aber was wäre möglich, wenn wir im Modus von Erzählungen einander etwas zeigen von dem, was wir uns von der zukünftigen Gestalt der Kirche erhoffen. Der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt beschreibt dieses intersubjektive soziale Phänomen, das im Erzählen möglich wird, mit dem Ausdruck narrative Empathie. Im Erzählen von Geschichten werden Voraussetzungen geschaffen, die komplexe Perspektivenübernahme erlauben. Im Erzählen beginnen wir einander zu verstehen, ohne immer gleich der einen Meinung die andere entgegenzusetzen.

Geschichten können das entfalten, was wir meiner Wahrnehmung nach im kirchlichen Transformationsstress am meisten brauchen: sie entschleunigen. Meinungen sind viel schneller auf den Tisch gehauen als die leidenschaftlich erzählte Geschichte. Wenn wir der notwendigen Transformation der Kirche Raum geben wollen, braucht es diese Entschleunigung statt der dauernden Kurzatmigkeit. Nur so kann wirklich Neues werden.

Lächeln im Tod

Eine meiner ganz eigenen Geschichten entspinnt sich im Zimmer eines Pflegeheims. Ich hatte den Talar angezogen und stand mit zwei Töchtern am Bett des Vaters, der gerade gestorben war. Den Mann hatte ich gut gekannt und wusste, dass er von Herzen gern Espresso getrunken hat. Nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, begann ich unser Gebet mit den Worten „Dank sei Dir Ewige für den Espresso…“ Und dann war da drei Mal Lächeln mitten im Tod…

Diese Geschichte ist für mich persönlich deshalb so wichtig geworden auch im Hinblick auf die Veränderung unserer Kirche, weil ich jedes Mal, wenn ich sie erzähle, zutiefst Gewissheit darüber habe, dass Momente wie dieser am Ende meiner Berufstätigkeit noch genauso groß und geheimnisvoll sein werden wie dieser aus meinem ersten Berufsjahr. Es wird dann nicht mehr flächendeckend überall Kirchengemeinden geben. Hier und da werden resonanzfähige kirchliche Orte sein, wo Menschen miteinander das Evangelium teilen, manchmal in ganzen Regionen keine solcher Orte. Leitungsstrukturen werden verschlankt sein. Manche Strukturen, die uns heute selbstverständlich sind, wird es dann nicht mehr geben und auch ein großer Teil der kirchlichen Gebäude wird nicht mehr in unserem Besitz sein. Die Kirche wird sehr viel kleiner geworden sein.

Augenblicke wie der an diesem Sterbebett werden nicht kleiner werden. Sie werden am Ende meiner Berufstätigkeit noch genauso groß und tief berührend sein wie am Anfang. Die institutionellen Strukturen werden kleiner, das Evangelium wird es nicht. Dies ist eine der kleinen Geschichten, die ich erzähle, wenn es um meine Vision einer zukünftigen Kirche geht. Welche erzählen Sie?

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Dr. Katharina Scholl ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin in Hanau-Großauheim.


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