Gegen die Einheit

Plädoyer für ein postkonfessionelles Christentum
Foto: privat

Mein Mann ist katholisch, aber nicht mehr lange. Vorausgesetzt, er schafft es irgendwann noch mal, bei der Stadt Frankfurt einen Termin zum Kirchenaustritt zu ergattern, wird er zur evangelischen Kirche wechseln. Schließlich hat der Papst ihm das ausdrücklich empfohlen: „In Deutschland gibt es eine sehr gute evangelische Kirche. Wir brauchen nicht zwei davon“, sagte Franziskus schon vor einiger Zeit an die Adresse derer, die den traditionalistischen Kurs des Vatikans kritisieren.

Ich finde das gut. Wir sollten das Nebeneinander unterschiedlicher Konfessionen viel mehr als positiven Wettbewerb auf dem weltanschaulichen Markt verstehen, anstatt um jeden Preis die oft beschworene „Einheit des Christentums” anzustreben.

Was soll man denn mit einem wie Patriarch Kyrill von der Russisch-Orthodoxen Kirche anfangen, der Russlands imperialistische Kriegspolitik unterstützt? Dass der Ökumenegedanke bei solchen Konflikten nicht hilft, zeigt ja das peinliche Herumeiern des Ökumenischen Rates der Kirchen gegenüber Moskau. Klar kann man nebulöse „Friedenbotschaften” formulieren, die auch Wladimir Putin unterschreiben könnte. Aber man kann es auch lassen.

Spitze des Eisbergs

Warum denn nicht zugeben, dass es in existenziellen Fragen keine gemeinsame christliche Position gibt? Kyrill ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Auch andere Kirchenführer kungeln mit Autokraten und Diktatoren. Meist sind sie – genauso wie Kyrill – offen homophob, frauen- und queerfeindlich. Viele christliche Kirchen akzeptieren immer noch ausschließlich Männer als geistliche Autoritäten. Vom Zugang zu sicheren Abtreibungsmöglichkeiten, den ich für ein Menschenrecht halte, will ich im christlichen Kosmos gar nicht reden.

Nein: Von den ethischen Positionen der Mehrzahl meiner real existierenden christlichen Glaubensgeschwister bin ich weiter entfernt als von denen vieler säkularer oder sonstwie andersgläubiger Menschen.

Deshalb gefällt mir ein Begriff, der seit einiger Zeit in der Theologie die Runde macht, und zwar der vom postkonfessionellen Christentum.

Postkonfessionell bedeutet, dass Christ*innen sich nicht nach evangelisch, katholisch, orthodox, pfingstlerisch oder sonst etwas sortieren, sondern im konkreten Miteinander von Mensch zu Mensch begegnen und dann jeweils schauen, was sie miteinander anfangen können – und was eben vielleicht auch nicht. Postkonfessionelle Christ*innen orientieren sich an der Bibel und anderen christlichen Zeugnissen, aber sie folgen dabei ihrer eigenen Überzeugung und ihrem eigenen Gewissen und richten sich nicht nach dem, was Patriarchen predigen, Synoden beschließen oder ökumenische Versammlungen in ihre Positionspapiere schreiben. Sie streiten, diskutieren, einigen sich und distanzieren sich, in einer großen Vielfalt von Positionen, und ohne jemals auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen oder den auch nur anzustreben.

Vielfalt wie zu Beginn

Solch ein pluralistisches Kirchenbild hat viele Vorteile. Wir können endlich klare inhaltliche Auseinandersetzungen führen, ohne ständig Angst haben zu müssen, anderen aufs Füßchen zu treten und so die ominöse „Einheit“ der Christenheit zu gefährden. Wir können Homophobie und Frauenfeindlichkeit bei anderen Kirchen ethisch verdammen, anstatt diese klaren Worte säkularen oder atheistischen Stimmen zu überlassen. Wir müssten, anders gesagt, nicht dauernd „mit einer christlichen Stimme“ sprechen, was ja in der Praxis nur heißt, dass von christlicher Seite zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen einfach gar nichts Relevantes mehr gesagt wird.

Übrigens würden wir uns so auch wieder der Glaubenspraxis der frühen christlichen Gemeinden annähern. Denn es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, es habe eine Art „Urgemeinde” gegeben, die sich später durch Schismen und ideologische Streitereien zur heutigen konfessionellen Vielfalt ausdifferenziert hätte. Das Gegenteil ist richtig: Der Variantenreichtum dessen, was Christ*innen im 2. oder 3. Jahrhundert geglaubt haben, ist für heutige Verhältnisse atemberaubend. Erst später hat sich diese Lebendigkeit in einem Gerüst aus Institutionen und Inquisitonen selbst eingesperrt.

Ein Glück, wenn das irgendwann wieder vorbei ist.

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