Ein Schlüssel zur Klassik

Der Aufklärer Johann Joachim Winckelmann in Stendal
Bühnenscheinwerder
Rainer Sturm / pixelio.de

Wie schön ist Stendal. Die alte Hansestadt im Norden Sachsen-Anhalts prunkt mit spätgotischem Getürm. Hier in der Altmark wurde der Archäologe, Bibliothekar, Antiquar und Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann (1717 – 1768) geboren. Ein eigens eingerichteter Winckelmann-Pfad führt zu seinen Spuren: die alte Marienbasilika aus dem 12. Jahrhundert, wo er Chormitglied war, der imposante Dom mit seiner spätmittelalterlichen Glasmalerei, in dem er Unterricht erhielt, seine Taufkirche St. Petri gegenüber dem Geburtshaus, die Lateinschule, die heute das Stadtarchiv beherbergt. Und unter mächtigen Buchen sein Denkmal. Im Pflaster des Bürgersteigs eingelassene Edelstahlplatten weisen den Weg.

Höhepunkt ist das Winckelmann-Haus. An das Wohnhaus der Familie erinnert heute nichts mehr. Längst ist die ehemalige Lehmstraße in Winckelmannstraße umbenannt worden. Durch die Fassade eines barocken Stadthauses an den Hausnummern 36 – 38 betritt der Besucher die Winckelmann-Welt, einen inzwischen auf vier Gebäude angewachsenen Museumskomplex. Die Ausstellung „Komm und sieh“ im Erdgeschoss lässt ahnen, welche kulturelle Bedeutung dem Gelehrten vor dreihundert Jahren zukam. Wer also war Johann Joachim Winckelmann?

Winckelmann, von dem es überall heißt, er habe die moderne Archäologie und Kunstwissenschaft gegründet, ist an diesem Ort als Sohn eines Schuhmachers zur Welt gekommen. Er besucht das Berliner Köllnische Gymnasium, studiert Theologie in Halle/Saale und kommt nach Aufenthalten in Nöthnitz und Dresden am 18. November 1755 nach Rom, den zentralen Studienort der alten Kulturen. Hier forscht Winckelmann weit über die Textlektüre. Laut Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) trifft er in Rom auf 80 000 antike Denkmäler. Und er wird dort zu deren Erklärer. Bildungshungrig belesen bilden seine „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“ den Anfang seiner Karriere. Seine aus den antiken Quellen erschlossenen Beschreibungen der Laokoongruppe, der Statuen der Herkulanerinnen oder Raffaels Sixtinischer Madonna (die der sächsische Kurfürst erworben hatte) sieht er als Fortsetzung der idealen griechischen Schönheit und versteht sie als Gegenpol zum höfischen Barock. Als Beweger der Antike in die Klassik wird er zur Schlüsselfigur, eine Art „Keynoter der Klassik“ für die nordeuropäische Italiensehnsucht und deren Schönheitsempfinden.

Man wandelt zwischen farbigen Räumen und historisch skizzierten Bildwelten. Man trifft auf die Schusterwerkstatt des Vaters, Winckelmanns Schreibtisch und das Panorama Roms. Oder seine Kleidung als Kurrendesänger, als Student der Theologie und als Lehrer. Jeder Lebensstation des Wissenschaftlers gehört ein Raum, Triest, Stendal, Seehausen, Nöthnitz, Dresden, Rom, Florenz und Pompeji. Faksimiles, Federzeichnungen, Gipsabgüsse: „Immer geht es um den Versuch, die Inhalte seiner Werke durch originale Objekte oder qualitätsvolle Nachbildungen sinnlich wahrnehmbar zu machen, begleitet von Originalbriefen und Porträts der Zeit“, heißt es im Ausstellungsband.

Zu den Höhepunkten gehört die Sammlung antiker Gemmen. Der Katalog dazu war Winckelmanns erstes umfassendes archäologisches Werk. „Hier finden sich erste Versuche, die Nationalstile der antiken Völker (Ägypter, Perser, Etrusker, Griechen und Römer) zu definieren und einige Ansätze der Stilentwicklung ihrer bildenden Kunst zu formulieren“ heißt es. Ein bibliophiles Prunkstück ist die Geschichte der Kunst des Alterthums von 1764, mit einem etruskischen Skarabäus und der Darstellung der fünf Helden als Titelradierung. Daneben der zweite Teil mit Anmerkungen, in denen er „Romreisenden wichtige Informationen für die geplanten Besichtigungen in die Hand“ gab. Diese Werke schaffen Winckelmanns Berühmtheit. Seine Porträts von 1764 und 1768 zeigen es. „Komm und sieh“, schrieb er in Rom. Das Motto des Museumsquartiers in Stendal hätte nicht besser gewählt sein können.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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