Robuste Barmherzigkeit

Der Streit um Gerechtigkeit ist kein „Störfall“, sondern der Normalfall in unserer Gesellschaft
Foto: privat

„Gendern ist eine Frage der Höflichkeit“, schreibt der Journalist Nils Minkmar auf Twitter. Ich stimme ihm zu. Herzchen dran. In der Parallelwelt von Elon Musks Twitter ist ein solcher Tweet natürlich auch ein politisches Statement: Eine Solidarisierung mit denjenigen, die dort Kämpfe für mehr Inklusion, (Geschlechter-)Gerechtigkeit und Anerkennung führen. Minkmar (56), ein weißer, vermögender, mittelalter Mann drückt mit diesem Satz seine Allyship (Solidarität, besser noch: Verbündetenschaft) mit denjenigen aus, die sich mit ihrer ganzen Identität für Freiheitskämpfe verwenden müssen.

Im „Störfall“ der zeitzeichen vom Juni dieses Jahres erklärt der Theologe und Pastor Christian Rebert hingegen, dem „gesellschaftliche Anliegen der freundlichen Achtsamkeit“ diene ein „Streit um Gerechtigkeit“ nicht, denn aus ihm könne nie ein „Wir“ erwachsen. Deshalb solle man doch bitte auch keine „Gebote und Verbote“ zu gendergerechter Sprache formulieren. Von einem „Störfall“, also einem (vergleichsweise) kurzen Meinungsbeitrag, wird man weder Vollständigkeit noch eine elaborierte Argumentation erwarten dürfen. Geärgert habe ich mich über Reberts Text aber trotzdem.

Zunächst stimme ich ihm allerdings völlig zu, dass die Frage der Inklusion nicht in der Problematisierung der Geschlechtlichkeit allein aufgeht. Rebert hat völlig Recht damit, wenn er darauf hinweist, dass andere „Merkmale des Personseins“ als das Geschlecht in verschiedenen Kontexten – er nennt einen Konzertabend - mehr „Gewicht im Alltag und Selbstverständnis“ haben und Anlass für Diskriminierung geben können. Familien mit Kindern und Menschen mit Behinderungen sind dafür gut gewählte Beispiele.

„Streit um Gerechtigkeit“ als Normalfall

Auch bewundere ich Reberts Zuversicht, dass weite Teile der Gesellschaft sich bereits auf das gemeinsame Anliegen der „freundlichen Achtsamkeit“ eingelassen hätten. Zielvorstellungen und Normen wie diese sind allerdings selbst Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse und keineswegs selbstverständlich. Wenn „freundliche Achtsamkeit“ irgendwo und zeitweilig normative Bedeutung hat, dann weil wir uns als Gesellschaft immer weiter in diese Richtung entwickelt haben - und zwar nicht im Modus eines stetigen gleichmütigen Fortschritts, sondern auf dem Weg von Verteilungs- und Machtkämpfen unterschiedlicher Anspruchsgruppen.

Seit einem Jahr diskutieren wir im Kontext der Friedensethik angesichts der Eskalation des russischen Krieges gegen die Ukraine auch, dass Frieden nicht ohne Gerechtigkeit zu denken ist. Vielzählig sind inzwischen die Hinweise darauf, dass die Ukrainer:innen der Freiheit höheren Wert beimessen als einem Frieden zugunsten Moskaus, mit dem vor allem das schnelle Schweigen der Waffen gemeint ist. Auch das Leitbild eines gerechten Friedens, so sehr es in den vergangenen Monaten angegriffen wurde, setzt voraus: Ohne Gerechtigkeit kein Friede.

Für unseren Fall hier angewandt: Ohne Streit um Gerechtigkeit keine Gesellschaft freundlicher Achtsamkeit. Mehr Gerechtigkeit muss unter den Bedingungen unserer gefallenen Welt immer errungen werden. Ohne ein „Mehr“ an Gerechtigkeit, ohne einen fairen Interessenausgleich, ohne die Wahrung von Rechten, auch kein Frieden. Deshalb ist + Wer Gerechtigkeits- und Anerkennungskämpfe als Störung eines wohligen „Wir“-Gefühls framed, muss sich fragen lassen, was er damit bezweckt: Sollen die Diskriminierten und ihre Verbündeten um des lieben Friedens willen schweigen?

Rebert hält fest, dass allein „Barmherzigkeit der Weg zur ‚besseren Gerechtigkeit‘, wie ihn Jesus als der Christus gelehrt hat“, sei. Ich widerspreche nicht, wundere mich aber angesichts der Vielfalt des biblischen Zeugnisses, dass Rebert mit Barmherzigkeit vor allem Bescheidenheit und den Verzicht auf „Gebote und Verbote“ meint. In Jesus begegnet mir eine robuste Barmherzigkeit, die ein listiges Unterlaufen lebensfeindlichen Legalismus‘, an anderer Stelle wiederum die Scharfstellung moralischer Anordnungen und selbst handgreifliche Kritik am Missbrauch der Religion umfasst.

Mit Barmherzigkeit ist bei Jesus sicher nicht mild-lächelnde Nachsicht gemeint, sondern ein modus operandi im Streit. Eine solche Barmherzigkeit ist tatsächlich entwaffnend. Nicht, weil sie den Schwachen und Unterlegenen in ihrer Zwangslage auch noch Solidarität mit den Starken und Mächtigen abverlangt, sondern eben deren Machtansprüche und Gewaltdisziplin unterläuft. So jedenfalls verstehe ich die Perikope von Jesus und der Ehebrecherin (Joh 7,53-8,11) und letztlich auch Jesu Gebet am Kreuz dafür, dass Gott seinen Peinigern vergeben möge (Lukas 23,34).

„Deine Sprache verrät dich“

Im Kontext von Christian Reberts „Störfall“ stellt sich mir aber vor allem die Frage: Geht es darum, denjenigen mit Nachsicht zu begegnen, die „Binnen-I, Gendersternchen und anderen Derivaten derselben Idee“ kritisch gegenüberstehen? Mit den abzulehnenden „Geboten und Verboten“ sind im Text wohl die Bemühungen um eine gerechte Sprache gemeint, die Rebert zuvor als unzureichend beschreibt und als Beispiel un-lutherischer Werkgerechtigkeit geißelt. Wird so nicht die Rolle verharmlost, die Debatten um inkludierende Sprache im Kontext der größeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Gender und Geschlecht spielen? Für den Anti-Gender-Diskurs fungiert Sprachkritik nicht selten als Einstiegsdroge.

Reberts Kritik bleibt übrigens seltsam schillernd, denn zugleich fordert er, dass Gesten der Inklusion, des Willkommen-Seins, nicht „nur sprachlich verfasst sein dürfen“. Wir sollen also Binnen-I, Gendersternchen & Co. besser bleiben lassen und zugleich ihre Intention aufnehmend jenseits der Sprache für „eine willkommenheißende Inklusion“ eintreten? Das kommt mir nicht allein widersprüchlich vor, sondern auch widersinnig: Denn inkludierende Sprache hat ja eine doppelte Funktion. Indem sie Menschen aller Geschlechter und Gender performativ inkludiert, weist sie zugleich auf deren Diskriminierung hin, schafft also ein Bewusstsein für Partizipationsdefizite.

Der Kampf um Gerechtigkeit geht nicht in der Arbeit an einer inkludierenden Sprache auf, aber die Arbeit an unserer Sprache ist selbstverständlich ein wichtiger Teil von Befreiungskämpfen. Anlässlich der Veröffentlichung der „Alle Kinder Bibel“ hat die Theologin Carlotta Israel in ihrer „Sektion F“-Kolumne im Magazin „Die Eule“ über dieses intersektionale Anliegen geschrieben. Ableismus, Adultismus und Klassismus verschwinden nicht einfach, wenn wir anders reden und schreiben, aber sie werden auch auf dem Feld der Sprache bekämpft. Von dieser intersektionalen Perspektive aus gesehen, muss man Christian Reberts Unterstellung zurückweisen, gendersensible Sprache und der Einsatz für Inklusion, z.B. von Menschen mit Behinderung, schlössen sich gegenseitig aus.

Statt ein einfaches Gegenüber zu konstruieren, können wir uns fragen, wie beide Anliegen in der Sprache zusammenfinden können. Davon können alle mit Sprache, Schreiben und Reden befassten Menschen in und um die Kirche profitieren, auch wenn sie sich nicht zu 100 % einem Stil verschreiben wollen. Das Studienzentrum der EKD für Genderfragen hat einen One-Pager „Kann man Leichte Sprache gendern?“ (PDF) erarbeitet, der das Problem gut zusammenfasst und Lösungen anbietet. Ich wünsche fröhliches Ausprobieren!

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