Luthers Patmos

Der verborgene Reformator zwischen Wüstenerfahrung und Tatendrang auf der Wartburg
Luthers Aufenthalt auf der Wartburg und Elisabeth von Thüringen verhalfen der Thüringer Burg zu einzigartigem Ruf.
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Luthers Aufenthalt auf der Wartburg und Elisabeth von Thüringen verhalfen der Thüringer Burg zu einzigartigem Ruf.

Martin Luthers Zeit auf der Wartburg in Eisenach wird in jeder Lutherbiografie miterzählt, doch bleibt sie als eigen­ständiger Untersuchungsgegenstand in der jüngeren Reformationsforschung überraschenderweise unterbelichtet. Der Jenaer Kirchenhistoriker Christopher Spehr beschreibt den Burgaufenthalt des Reformators, der für diesen in mehrfacher Hinsicht zur Wüsten­erfahrung wurde – physisch und psychisch.

Bis heute gehört Luthers Wartburgaufenthalt zu den großen Narrativen der deutschen Geschichte. Im 19. Jahrhundert popularisiert, heroisiert und durch den Tintenfleck in der Lutherstube visualisiert, entfalteten die Rittergestalt „Junker Jörg“ sowie der Übersetzungs- und Sprachkünstler einen besonderen Zauber. Dabei war es nicht die „Wüstenerfahrung“, wie Luther sie selbst bezeichnete, welche seinen Aufenthalt auf der Wartburg zu einem legendenumwobenen Ereignis machte und der Thüringer Burg neben Elisabeth von Thüringen zu einzigartigem Ruf verhalf. Es war Luthers eruptiver Tatendrang mit 16 beziehungsweise 17 verfassten Schriften, durch welchen der von der römischen Kirche verketzerte und vom Kaiser geächtete Theologe jetzt zum Reformator avancierte. Zwar wird Luthers Wartburgzeit in jeder Lutherbiografie miterzählt, doch bleibt sie als eigenständiger Untersuchungsgegenstand – von lobenswerten Ausnahmen zur Verwaltungs- und Burggeschichte sowie der Sonderausstellung 2021 auf der Wartburg abgesehen – in der jüngeren Reformationsforschung überraschenderweise unterbelichtet.

Auf dem Rückweg vom Wormser Reichstag kam es am 4. Mai 1521 im Glasbachtal in der Nähe der Burg Altenstein zum allseits bekannten Scheinüberfall. Fünf Reiter hielten den Wagen an, holten Luther heraus und verschleppten ihn. Der in den Plan eingeweihte Nikolaus von Amsdorf protestierte, während Luthers ahnungsloser Ordensbruder Johannes Petzensteiner in Panik floh. Auf Umwegen durch den Thüringer Wald kam Luther gegen elf Uhr abends auf der Wartburg an und wurde vom Burghauptmann Hans von Berlepsch und Ritter Hans von Sternberg in Empfang genommen.

Weil Luthers Auftritt in Worms dank der verschiedenen Druckpressen im Umfeld des Reichstages zu einem der bedeutendsten frühneuzeitlichen Medienereignisse geworden war, fiel die Nachricht über seine Entführung umso dramatischer aus – und sein Auftritt aus der zeitgenössischen Rückschau umso heroischer. Der soeben noch in der Öffentlichkeit stehende Theologe war verschwunden. Freunde und Gegner fürchteten, dass Luther etwas zugestoßen sein könnte. Albrecht Dürer vermutete sogar, Luther sei tot. Auch wenn relativ schnell bekannt wurde, dass Luther am Leben sei, konnte sein Versteck geheim bleiben. Selbst der Bruder von Kurfürst Friedrich, Herzog Johann, wusste längere Zeit nicht, wo Luther verborgen war. Als durch eine Indiskretion dann doch der Name Wartburg fiel, suchte Luther durch einen fingierten Brief an seinen Mittelsmann Georg Spalatin, die Aufmerksamkeit Richtung Böhmen zu lenken.

Als das Wormser Edikt im Mai über Luther verhängte wurde, war dieser auf der einstigen Burg der Ludowinger längst in Sicherheit. Übrigens sollte, anders als in der noch immer wirkmächtigen Forschungsliteratur der 1980er-Jahre, nicht von dem NS-belasteten Begriff „Schutzhaft“ gesprochen werden. Denn trotz strenger Abschirmung und persönlich erlebter Isolation war Luther kein echter Gefangener, eher ein – wie er sich selbst bezeichnete – „seltsamer Gefangener“ oder „Exulant“.

Auf der Wartburg wurde Luther im ersten Stock der Vogtei in einer Stube und der angrenzenden Schlafkammer untergebracht, die sonst als Kavaliersgefängnis für adelige Gefangene diente. Versorgt wurde er bestens durch den kursächsischen Burghauptmann, der vor Ort zu Luthers wichtigstem Gesprächspartner avancierte. Bevor er sich aus seiner Stube wagen durfte, musste der Mönch sein Erscheinungsbild ändern. Ausgestattet mit Bart, Schwert und weltlicher Kleidung verwandelte er sich – was läge näher auf einer Burg – zum Ritter und damit zum Adeligen. Für Ausflüge wurde ihm ein Knecht zur Seite gestellt. Die heute populäre Bezeichnung „Junker Jörg“ findet sich bei Luther selbst nirgends, sondern begegnet erst bei seinen Biografen Matthäus Ratzeberger und Johann Mathesius in Form von „Junker Georgen“ oder „Junker Georg“.

War Luther seit Monaten vor seinem Wartburgaufenthalt rastlos tätig gewesen, war er jetzt geradezu zur Untätigkeit gezwungen. Selbst Briefe durfte er in den ersten Tagen aus Sicherheitsgründen nicht schreiben. Immerhin wurde ihm der Briefverkehr seit dem 12. Mai mittels kurfürstlicher Dienstpost über Spalatin erlaubt. Die erhaltenen Briefe ermöglichen einen unverstellten Eindruck von Luthers Gefühls- und Gedankenwelt.

Intellektuelle Vereinsamung

Für Luther wurde der Burgaufenthalt in mehrfacher Hinsicht zur Wüstenerfahrung – physisch und psychisch. Die ihn bereits in Worms plagenden Verdauungsbeschwerden nahmen zu und ließen ihn nachts nicht mehr zur Ruhe kommen. An Amsdorf schrieb er verzweifelt auf Deutsch „Mein Arsch ist böse geworden.“ Trotz Medizin hielten die teils drastisch geschilderten körperlichen Leiden den Sommer über an. Erst Anfang Oktober ging es ihm merklich besser.

Hinzu kam die intellektuelle Vereinsamung, waren doch seine Kollegen, mit denen er in den vergangenen Jahren intensiv zusammengearbeitet hatten, in Wittenberg. Wie er in den Briefen immer wieder beklagte, fehlte ihm die Gemeinschaft von Melanchthon und Amsdorf. Biografie- und theologiegeschichtlich verdeutlicht dies, wie intensiv der kommunikative Theologe auf seine reformatorische Diskursgemeinschaft angewiesen war und keineswegs monolithisch agierte.

Um seinen Aufenthaltsort geheim zu halten, notierte Luther am Ende seiner Briefe als Ortsbezeichnung anfangs augenzwinkernd „im Reich der Vögel“, „im Luftrevier“ oder „auf dem Berge“. Mit seinem Brief vom 10. Juni 1521 änderte sich die Ortsbezeichnung durch die Anspielung auf den Seher Johannes: „auf der Insel Patmos“. Weitere Umschreibungen lauteten „aus der Einsamkeit“, „aus meiner Einöde“, „aus meiner Eremitenklause“, „aus meiner Wüstenei“ oder schlicht „aus der Wüste“. Mit diesen Bezeichnungen brachte Luther die Ambivalenz seiner Wüstenerfahrungen zum Ausdruck. Denn als Augustiner-Eremit, der an die monastische Klausur gewöhnt war, gehörte die Wüste auf der einen Seite zur geistlichen Erfahrung der Ruhe und kontemplativen Gottesbegegnung. Doch auch die andere Seite, wie Jesu Versuchung in der Wüste, zählte nach biblischer und monastischer Tradition zu jener Erfahrung, die Luther am eigenen Leib durchlebte: die Anfechtung. Im Juli 1521 steigerten sich die Einsamkeitsgefühle, zu denen sich Schuldgefühle wegen seiner Passivität gesellten, bis hin zu Depressionen und erheblichen Anfechtungen. Worin diese episodisch auftretenden Anfechtungen genau bestanden, beschreibt Luther allerdings nicht näher.

Als Verursacher der Versuchung identifizierte Luther den Teufel, wenn er zum Beispiel im Brief an Nikolaus Grebel in Straßburg formulierte: „Glaub mir, ich bin in dieser arbeitsarmen Einöde tausend Teufeln ausgeliefert. Denn es ist viel leichter, gegen den leibhaftigen Teufel, das heißt gegen die Menschen, zu kämpfen als mit den bösen Geistern unter dem Himmel.“

Gegen den Teufel

Die persönliche Anfechtung durch den Teufel interpretierte er als geistlichen Kampf, als Kampf der dunklen Mächte gegen ihn und die von ihm wiederentdeckte Wahrheit des Evangeliums. In eigentümlicher Weise gehörte dieses dämonische, bisweilen apokalyptisch gesteigerte Kampfmotiv zu Luthers theologischer Existenz. Denn bei der Rede vom Teufel ging es ihm nicht um dessen Legitimisierung, sondern um die todernste Gefahr des Verderbens und der allein lebensdienlichen Beziehung zu Christus. Stärker als 1521 in der konkreten Anfechtungssituation, in der er sich unmittelbar als Objekt dämonischer Mächte fühlte, betonte er in den späteren Tischreden, in denen er von der Teufelsanfechtung während seiner Wartburgzeit berichtete, das Bekenntnis: Er habe Christus angerufen und sich ihm anbefohlen. Aus dieser Tischrede und in Aufnahme der seit dem späteren 16. Jahrhundert bezeugten Wittenberger Tintenflecktradition entwickelte sich seit etwa 1650 die Legende vom Tintenfasswurf, die bis heute zu einem der bedeutendsten Mythen aus Luthers Leben zählt. Sie versinnbildlicht, dass und wie Luther mit der Tinte gegen den Teufel stritt. Übrigens sorgte bis 1855 der Burghauptmann höchstpersönlich dafür, dass der im 17. Jahrhundert angebrachte Tintenfleck in der Lutherstube erneuert wurde. Auch wenn heutige Wartburgbesucher immer wieder behaupten, ihn gesehen zu haben – seit den 1870er-Jahren existiert er nicht mehr.

Um Luther von seinen depressiven Verstimmungen abzulenken, suchte der Burghauptmann, ihn in die Welt des Adels einzuführen. Er erhielt Reitunterricht und begleitete den Burghauptmann nicht nur zur Jagd, sondern auch auf Ausritten nach Eisenach, Waltershausen und Gotha. Schwierigkeiten bereitete Luthers gelehrtes Verhalten, welches er trotz Ritterkleidung nicht verbergen konnte. Anekdotenhaft wird später berichtet, mehrfach habe sein Knecht Luther zum schnellen Aufbruch mahnen müssen, um ihn zu schützen.

Selbst Luthers Spontanbesuch Anfang Dezember 1521 inkognito in Wittenberg sollte möglichst geheim bleiben. Lediglich seinen besten Freunden gab er sich zu erkennen, wohnte bei Melanchthon und diskutierte über die reformatorischen Entwicklungen in Wittenberg. Abgesehen von diesem drei bis vier Tage dauernden Besuch, von dem er den Auftrag mitnahm, das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen, hielt er Kontakt zu ausgewählten Personen mittels Briefen, durch die er zugleich über die reformatorischen Entwicklungen informiert wurde.

Enorme Produktivität

Trotz und vielleicht gerade wegen der Wüstenerfahrung entfaltete Luther auf seinem Patmos jene ungeahnte geistige Schaffenskraft und enorme schriftstellerische Produktivität, durch die er meinungsbildend und erbaulich wirken sollte.

Über Spalatin ließ er sich mit Büchern und Manuskripten versorgen. Anfangs vollendete er die durch die Reise nach Worms unterbrochene Auslegung des „Magnifikats“ sowie die Auslegung von Psalm 22 für die letzte Lieferung der „Operationes in Psalmos“. Wie bisher galt sodann sein Augenmerk den Missständen in der Papstkirche, gegen die er vorging. So verfasste er zum einen Kontroversschriften zum Beispiel gegen den Löwener Theologen Jakobus Latomus oder den Dresdener Theologen Hieronymus Emser, publizierte das Urteil der Pariser Universität gegen ihn und veröffentlichte die von ihm ins Deutsche übersetzte und kommentierte päpstliche „Bulla coenae domini“. Zum anderen erarbeitete er grundlegende Reformschriften zur Beichte, zur Privatmesse und zum Zölibat sowie zu den Klostergelübden, durch welche er auf die sich beschleunigenden reformatorischen Entwicklungen Einfluss zu nehmen hoffte. Im August 1521 erschien als Trostbrief für das „arme Häufelein Christi zu Wittenberg“ die Auslegung von Psalm 37. Seine Wittenberger Gemeinde suchte er, mit dieser Erbauungsschrift zu unterstützen. Für die lutherische Predigtkultur charakteristisch wurden seine Postillen zur Advents- und Weihnachtszeit, die als Wartburgpostille berühmt werden sollten. Sie enthielten Musterpredigten auf Deutsch zu den üblichen Perikopentexten und sollten als Vorbild evangelischer Predigt dienen.

Wortgewalt und Sprachgestalt

In den letzten elf Wochen seines Aufenthaltes widmete sich Luther der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Diese konzentrierte Arbeitsleistung übertraf alle seine vorangegangenen schriftstellerischen Tätigkeiten an schöpferischer Wortgewalt und Sprachgestalt. Es ist hinlänglich bekannt, dass als Ergebnis dieses Tatendrangs im September 1522 jenes epochale Werk „Das Neue Testament Deutsch“ in Wittenberg erschien.

Mit seiner Rückkehr von der Wartburg Anfang März und seinem ersten öffentlichkeitswirksamen Auftreten auf der Kanzel der Wittenberger Stadtkirche nach über elf Monaten Abwesenheit, am 9. März 1522, griff Luther wieder aktiv ins reformatorische Geschehen ein. Unabhängig davon, ob die Invokavitpredigten unmittelbar zu einer Beruhigung der Wittenberger Reformation führten oder erst durch den Druck wirkten, gelang es Luther, die sich radikalisierende Reformation in geordnete Bahnen zu lenken. Der jetzt keineswegs mehr verborgene Reformator hatte bewiesen, welche Kraft das gepredigte Wort hat. 

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Foto: Anne Günther FSU Jena

Christopher Spehr

Dr. Christopher Spehr ist Professor am Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


 


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