An der Realität vorbei

Vorurteile beherrschen die kirchliche Debatte um Social Media
Foto: privat

Die Reformation war auch ein Medienereignis. Unter den vielen klugen Sätzen, die aus Anlass des Jubiläums geschrieben werden, gibt es kaum eine Aussage, die so unwidersprochen und gleichzeitig so folgenlos bleibt, wie diese. Ohne die Erfindung des mechanischen Buchdrucks wäre die Reformation in dieser Form nicht möglich gewesen. Den Medienwandel unserer Zeit nimmt die evangelische Kirche trotzdem kaum in den Blick. Im Gegenteil: Wo Martin Luther sich lustvoll neuer Medien bediente, durch die „Gott die Sache des Evangelii forttreibet“, herrscht heute bisweilen pauschale Ablehnung.

Noch immer regiert in der evangelischen Kirche das Vorurteil, Kommunikation von Angesicht zu Angesicht sei irgendwie besser, substanzieller, als alles, was im Internet passiert. Dass das Netz für viele Menschen zu einem relevanten Kommunikations- und Lebensraum geworden ist, der Unterscheidungen in eine echte und eine virtuelle Welt längst obsolet macht, dringt kaum durch.

Dabei finden heute immer weitere Teile sozialen Handelns medial vermittelt statt. Menschen begegnen sich nicht mehr nur am Gartenzaun, auf dem Marktplatz oder im Gemeindehaus, sondern pflegen Beziehungen und Identitäten auch in den unterschiedlichen Öffentlichkeiten des Netzes. Das spricht nicht gegen Face-to-Face-Kommunikation. Aber wenn wir Menschen erreichen und ihr Vertrauen erwerben wollen, dürfen wir nicht mehr darauf warten, dass sie in unsere Gebäude kommen, sondern müssen auch im Digitalen Anschluss an ihre Lebenswelten suchen.

Chat-Seelsorger, twitternde Gemeindepfarrer, all diejenigen, die kirchliche Blogs, Podcasts und Facebook-Gruppen betreiben und nutzen, zeigen, wie Kirche auch in Social Media anschlussfähig sein kann. Doch statt sich ihrer Möglichkeiten anzunehmen, müssen die Sozialen Medien oft noch als vermeintliche Ursache zivilisatorischer Fehlentwicklungen herhalten.

So argumentierte vor wenigen Wochen in einer zeitzeichen-Kolumne auch Margot Käßmann. Die Kommunikation in Social Media sei oberflächlich und gleichzeitig auf permanente Selbstentblößung ausgerichtet. Das schade dem hohen Gut der Vertraulichkeit. Als positives Gegenbeispiel brachte sie das geplante Riesenrad bei der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg ins Spiel, das einen geschützten Raum für vertrauliche Gespräche biete.

So gelungen die Idee mit dem Seelsorge-Riesenrad ist - an der Realität geht Käßmanns Vergleich vorbei. Die meisten Menschen können inzwischen recht gut steuern, welches Publikum sie mit welchen Inhalten in den Sozialen Medien erreichen wollen. Viele Social-Media-Dienste bieten Möglichkeiten zur Abstufung des gewünschten Öffentlichkeitsgrades. Es ist aus der Funktionslogik der Institution zwar durchaus zu verstehen, dass die Kirchen sich mit einem Kontrollverlust schwertun, der mit der potenziell globalen Öffentlichkeit und neuen Feedbackmöglichkeiten in den Sozialen Medien einhergeht. Viele Menschen begreifen diese Eigenschaften digitaler Kommunikation auf ihrer Suche nach Austausch, Nähe und Anerkennung aber als Chance.

Und doch: Es gibt ein Problem mit der Vertraulichkeit digitaler Kommunikation. Der tatsächlich kritische Punkt ist das Geschäftsmodell dieser Dienste. Es beruht auf der automatisierten Aufzeichnung, Analyse und Verwertung des Lebens ihrer Nutzer. In welchem Ausmaß sie für die digitale Wirtschaft transparent werden, ist den wenigsten Menschen bewusst. Ihre Daten werden für Verhaltensprognosen genutzt, die für unterschiedlichste Zwecke eingesetzt werden: von der Personalisierung von Informationsökosystemen und Werbebotschaften bis zur Berechnung individueller Kredit- und Versicherungswürdigkeit. Hinzu kommt, dass Geheimdienste in den USA ganz legal Zugriff auf diese Daten haben. Auch Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz greifen die Internetkommunikation ab. Wenn sie wollen, könnten Geheimdienste selbst im Riesenrad mithören - sogar bei ausgeschalteten Mobiltelefonen.

Bereits 2014 hat die EKD-Synode beschlossen, die EKD möge sich dafür einsetzen, „dass das Seelsorge- und Beichtgeheimnis auch in der digitalen Welt geschützt wird“. Statt pauschaler Social-Media-Schelte können wir also unsere Ethik und unser politisches Gewicht in die Debatten um klare Grenzen für Digitalwirtschaft und Geheimdienste einbringen. Wir könnten auch geschützte Räume schaffen, indem wir die Entwicklung und Verbreitung sicherer Kommunikationstechnologie fördern. Was wir aber auf keinen Fall tun sollten, ist uns im Jahr des Reformationsjubiläums weiter aus den Lebenswelten der Menschen zurückzuziehen, die wir mit dem Evangelium - auch in Form von Seelsorgeangeboten - erreichen wollen.

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Ingo Dachwitz ist Medien- und Kommunikationswissenschaftler, Redakteur bei netzpolitik.org und Jugenddelegierter der 12. EKD-Synode.

Ingo Dachwitz

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