Zwischen Konsequenz und Strafe

Kinder müssen lernen, dass ihr Verhalten Folgen hat
Nur ein Kleiderbügel oder Relikt aus der Zeit der Prügelstrafe? Kinder sollen ihr Verhalten täglich korrigieren dürfen. Foto: dpa/ Christian Ohde
Nur ein Kleiderbügel oder Relikt aus der Zeit der Prügelstrafe? Kinder sollen ihr Verhalten täglich korrigieren dürfen. Foto: dpa/ Christian Ohde
Strafe als Mittel der Erziehung ist verpönt. Gleichzeitig fordern Pädagogen, dass Kindern und Jugendlichen immer wieder Grenzen gesetzt werden müssen. Urs Fuhrer, Professor für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie der Universität Magdeburg, beschreibt das Verhältnis von Konsequenz und Strafe.

Eine gute Erziehung ist eine autoritative Erziehung - für diese These hat sich in der Erziehungspsychologie ausreichend Evidenz angesammelt. Die autoritative Erziehung zeichnet sich aus durch die Kombination von liebevoller Zuneigung, Grenzen setzen sowie Gewähren und Fördern von Eigenständigkeit. Viele Disziplin- und Verhaltensprobleme bei Kindern haben ihre Ursachen darin, dass Eltern entweder fast ganz darauf verzichten, ihren Kindern Grenzen zu setzen oder diese willkürlich festlegen. Sie helfen sich auch oft damit, dass sie ihre Kinder strafen. Aber neben moralischen Argumenten, die gegen Bestrafungen sprechen, existieren viele Befunde zu den negativen Wirkungen von Strafen. Zudem kann sich ein Teufelskreis entwickeln, weil Strafen bei Kindern Schuldgefühle, Ärger, Wut oder Vergeltungsphantasien erzeugen, Eltern noch härter strafen und Konflikte eskalieren können. Deshalb ist eine strafende Erziehung der kindlichen Entwicklung nicht förderlich.

Dennoch sollen Kinder lernen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat. Sie brauchen Regeln und Grenzen, an denen sie sich orientieren, aber auch "reiben" können. Dabei sind Eltern gehalten, sich konsequent zu verhalten. In diesem Verständnis kommt der Begriff Konsequenz in die Nähe der Bestrafung, weil sowohl der Strafe als auch der Konsequenz pädagogische Intentionen zu Grunde liegen. Sie sollen beim Kind ein Lernen aus diesen Erfahrungen auslösen. Wichtig dabei ist aber auch, wie konsequent Verhaltensfolgen auf ein Verhalten eintreten. Lernwirksam ist dabei eine unmittelbar auf das Verhalten folgende Konsequenz. Folglich stehen Konsequenzen, damit sie erzieherisch wirksam sind, in einer konsequenten, klar verbundenen Beziehung zum Verhalten.

Das Problem des Strafens ist ein pädagogisch ebenso relevantes wie kontrovers diskutiertes Thema. Dabei hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Strafen zur Verhaltensänderung weit weniger effektiv sind als Verstärkungen. Zwar kann Bestrafung zeitweise unerwünschtes Verhalten unterdrücken, aber dieses kaum verändern. Zudem ist zu beachten, dass bei einer Bestrafung gilt, dass nicht die strafende Konsequenz als solche wirkt, sondern deren Interpretation durch die bestrafte Person.

Besonders problematisch ist eine Bestrafung durch Liebesentzug. Hier geht es um Strafen, die bei Kindern Schuldgefühle oder Scham wecken. Das kann durch Liebesentzug oder Kränkungen ausgelöst werden. Es handelt sich um erzieherische Maßnahmen, die bei einem Kind negative Wirkungen zeigen, indem sie Selbstwert und -achtung schwächen, in der Folge Selbstzweifel oder depressive Verstimmungen auslösen können

Doch auch andere Formen der Bestrafung haben unerwünschte Effekte, etwa wenn sie sich allein auf Machtübung gründen. Für die abschreckende Wirkung einer solchen Bestrafung gibt es sowohl in der Moralerziehung von Kindern als auch in der Resozialisierung von jugendlichen und erwachsenen Delinquenten Belege. Zahllose Befunde sprechen dafür, dass eine durch Machtausübung motivierte Strafe die Verinnerlichung von Normen eher verhindert. Zudem gilt Strafe, besonders in Verbindung mit der Unberechenbarkeit erzieherischen Verhaltens gegenüber Kindern, als einer der stärksten Risikofaktoren für antisoziales Verhalten. Wie wäre es besser? Bei Kindern und Jugendlichen wird Einsicht gefördert, wenn Eltern oder Erzieher ihr Handeln ihnen gegenüber begründen. Dadurch sollen Kinder und Jugendliche lernen, dass sie für ihr Tun selbst verantwortlich sind.

Nachteile des Strafens

Strafe in der Erziehung ist also mit vielen Gefahren und Nachteilen verbunden:

• Strafe ist nicht konstruktiv. Hat das Kind eine nicht unter Strafe stehende Handlungsalternative, die bezüglich seiner Handlungsziele gleichwertig ist, ist Strafandrohung wirkungsvoller, wenn es der Handlung nicht ausweichen kann. Strafe schafft aber an sich keine gleichwertige Alternative.

• Bestrafung kann zwar unerwünschtes Verhalten unterbinden, aber sie kann kein erwünschtes Alternativverhalten initiieren.

• Strafen garantieren keine Einsicht in die Berechtigung einer Regel oder Norm. Zudem werden für Kinder mit wachsendem Alter Fragen nach der Berechtigung von Verboten und Geboten immer wichtiger. Strafen ohne Einsicht in Verbote wecken nur Widerstand.

• Als ungerecht erlebte Strafen belasten das Verhältnis zwischen Erzieher und zu Erziehendem und reduzieren die Einflussmöglichkeiten des Erziehers für die Wert- und Normvermittlung, weil die Vorbildwirkung reduziert wird.

• Bestrafung kann Angst oder Abneigung auslösen. In der Folge baut die bestrafte Person das unerwünschte Verhalten nicht ab, sondern meidet einfach die entsprechende Situation und zeigt weiter das unerwünschte Verhalten, wenn keiner es sieht.

• Harte Strafen können bei den Bestraften Aggressionen auslösen, die lange nachwirken kann.

Die Nachteile des Strafens sind deutlich. Seit einiger Zeit verlangen Pädagogen und Psychologen daher als erzieherische Maßnahme gegenüber unerwünschtem Verhalten eines Kindes Konsequenzen. Es herrscht Konsens darüber, dass ohne Konsequenzen in der Erziehung wenig erreicht wird. Deshalb sollten Eltern und Erzieher keine Regeln aufstellen oder Grenzen setzen, ohne gleichzeitig festzulegen, welche Konsequenzen es hat, wenn sie nicht beachtet werden. Denn Konsequenzen sollen pädagogisch wirken, indem das Kind eine Beziehung zwischen diesen und seinem Fehlverhalten erkennen und über sein Verhalten nachdenken kann. Darüber hinaus soll es lernen, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen und Werte zu entwickeln, die nicht auf Angst, sondern auf Einsicht, Respekt und Verantwortung aufbauen.

Dabei zu unterscheiden sind "natürliche" und "logische" Konsequenzen. Eine "natürliche Konsequenz" ergibt sich daraus, dass ein Kind etwas tut oder unterlässt, ohne dass Eltern oder Erzieher eingreifen. Wenn sich also ein Kind verschläft und in der Folge den Schulbus verpasst, wäre die natürliche Konsequenz, dass es zu Fuß zur Schule gehen muss. Wer seine Hausaufgaben nicht ordentlich erledigt, bekommt vom Lehrer Tadel oder eine schlechte Zensur. Meistens genügen Kindern ein paar wenige solcher Erfahrungen, damit sie sich an bestimmte Regeln, Erwartungen oder Grenzen halten. Bei natürlichen Konsequenzen wirkt somit der Druck der Wirklichkeit, ohne besondere erzieherische Maßnahmen. Allerdings sind nicht immer natürliche Konsequenzen möglich, und nicht immer können Eltern oder Erzieher es wagen, Kinder etwa in offenkundige Gefahren laufen zu lassen. In solchen Fällen sollten sie mit logischen Konsequenzen auf unerwünschtes Verhalten reagieren.

Eine logische Konsequenz zeichnet sich dadurch aus, dass sie sachlogisch aus der jeweiligen Situation abgeleitet wird. Dabei gilt es, die folgenden Punkte zu beachten:

• Logisch "Strafen". Wenn Eltern ihrer Tochter eine Woche Fernsehverbot erteilen, weil sie pampig zu ihnen gewesen war, steht das in keiner logischen oder unmittelbaren Beziehung zu ihrem Verhalten und wird als ungerecht empfunden. Da wäre es sinnvoller, sie auf ihrem Zimmer zu Abend essen zu lassen, damit die Familie nicht unter ihrer schlechten Laune zu leiden hat. Diese Logik könnte noch erweitert werden mit dem Hinweis, dass sie an diesem Abend keine Freunde mehr treffen darf. Und der Tochter könnte gesagt werden, dass sie morgen wieder die Chance hat, es besser zu machen. Derart sollten Kinder ihr unangemessenes Verhalten täglich korrigieren dürfen. So zeigen Eltern ihrem Kind, dass sie seinen Fähigkeiten, einsichtig zu sein, vertrauen. Das spornt Kinder an, und sie beginnen, Eigenverantwortung für ihr Tun zu entwickeln.

• Logische Konsequenzen sollen unmittelbar erfolgen. Die logische Konsequenz sollte unmittelbar auf das Fehlverhalten folgen. Es wäre wenig sinnvoll von der Mutter, wenn sie ihrem Kind androht: "Warte nur, bis der Vater nach Hause kommt!". Eine logische Konsequenz wäre unwirksam, wenn sie Stunden oder Tage danach, oder durch eine unbeteiligte Person geahndet würde. In einigen Fällen, etwa bei älteren Kindern und bei relativ komplexen Problemsituationen scheint jedoch eine verzögerte Konsequenz ebenso effektiv oder gar noch wirksamer zu sein.

• Keine Macht demonstrieren. Logische Konsequenzen dürfen keine Demonstrationen elterlicher Macht sein, auch wenn wütenden Eltern manchmal danach ist. Sie sollen dem Vergehen angemessen sein. So sollten Eltern alle Formen von "Da siehst du mal, was du jetzt davon hast" sowie Freundesverbote, wochenlangen Hausarrest, Streichung des Taschengeldes oder tagelanges Fernsehverbot usw. vermeiden. Solche Reaktionen bringen keinen Lerneffekt, sondern bewirken bei den Kindern Ohnmacht, Wut und Ärger. In der Folge kann sich eine unheilvolle Konfliktspirale entwickeln ohne guten Ausgang.

• Die Tat, nicht die Person "bestrafen". Logische Konsequenzen sollten sich immer an der Tat orientieren, nicht am "Täter" selbst. So ist eine Aussage wie "Das war dumm" anders als "Du bist dumm", und "Du hast da etwas falsch gemacht, bitte mach es besser" kommt anders an als "Immer machst du alles falsch". In dem Sinne sind Verallgemeinerungen und Beschuldigungen demütigend und kränkend. Sie greifen das Kind in seinem Selbstwert und seiner Selbstachtung an.

• Realistische und dem Entwicklungsstand angemessene logische Konsequenzen. Wer logisch konsequent "straft", sollte das nicht im Affekt, sondern mit Bedacht tun. Die Konsequenzen sollten für Kinder wie Eltern machbar und auf den Entwicklungsstand des Kindes abgestimmt sein. Konsequenzen wie etwa drei Wochen totales Fernsehverbot ist weder für Kinder noch für Eltern durchzuhalten. Zudem werden Eltern, die drohen oder in der Folge nicht konsequent bleiben, rasch unglaubwürdig und verlieren an Autorität.

Allerdings können mit Kindern immer wieder Situationen und Probleme entstehen, in denen selbst den kreativsten Eltern keine logischen Konsequenzen einfallen - und das ist der Fall, wenn es keine gibt. Was immer jedoch Eltern oder Erzieher tun, wenn Kinder sich unerwünscht verhalten: Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass willkürliche, harte und als ungerecht erlebte, weil nicht sachlogisch begründete Strafen, die Beziehung der Eltern zu ihren Kindern belasten. Erzieherisch kompetente Eltern sind weder nachgiebig noch überstreng, gewähren und fördern Freiheiten, aber in bestimmten Grenzen. Kinder erwarten und brauchen Orientierung und Halt, aber sie benötigen ebenso eine ermutigende Förderung ihres Strebens nach Eigenständigkeit. In diesem Sinne sind logische Konsequenzen, die dem Verhalten unmittelbar folgen, am wirksamsten.

Literatur

Urs Fuhrer: Erziehungskompetenz. Was Eltern und Familien stark macht. Verlag Hans Huber, Bern 2007.

Urs Fuhrer, Lehrbuch Erziehungspsychologie (2. überarb. Aufl.). Verlag Hans Huber, Bern 2009.

Laurence Steinberg, Die zehn Gebote der Erziehung. Was Eltern wissen müssen. Walter-Verlag, Düsseldorf 2009.

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