Staunenswert

Huber über Bonhoeffer
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Wer Huber verstehen will, muss Bonhoeffer lesen.

Wenn der Theologe Wolfgang Huber, früherer Bischof von Berlin-Brandenburg, EKD-Ratsvorsitzender und Herausgeber von zeitzeichen, über Dietrich Bonhoeffer schreibt, hat das seine ganz eigene Dramatik. Der Jahrhundert-Theologe und NS-Widerstandskämpfer Bonhoeffer (1906-1945) ist ein Lebensthema Hubers. Seit seiner Jugend studiert, beschreibt und interpretiert er Bonhoeffers Leben und Theologie. Huber ist Sprecher des Herausgeberkreises der Neuausgabe der Werke Bonhoeffers, ein Mammutwerk, das Huber Jahrzehnte seines Lebens beschäftigt hat.

Wer Huber, eine der führenden Gestalten des deutschen Protestantismus in der Nachkriegszeit, verstehen will, muss Bonhoeffer lesen. Denn des früheren Bischofs Theologie ist durchdrungen von Bonhoeffers Denken. In seinem Dienstzimmer als Bischof in Berlin stand ein von dem Künstler Hans Breker geschaffener Kopf Bonhoeffers. Vor 17 Jahren erklärte der Autor einmal in einem Interview, er wolle gar nicht entscheiden, ob Bonhoeffer für ihn eine Art zweiter Vater oder „sehr viel älterer Bruder“ sei. Der Satz hat um so mehr Gewicht, als Hubers wirklicher Vater, Ernst Rudolf Huber, einer der führenden NS-Staatsrechtler war - ein bedrückendes familiäres Erbe, mit dem der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende jedoch ernsthaft, ehrlich und öffentlich ringt.

Vor diesem Hintergrund ist die Bedeutung des neuesten Buches von Wolfgang Huber, nämlich über Bonhoeffer, kaum zu überschätzen - zumindest für den Autoren des rund 330 Seiten starken Werkes selbst. Es darf als eine Art Bilanz der lebenslangen Auseinandersetzung Hubers mit seinem großen Vorbild gelesen werden. Womöglich ist es - zwischen den Zeilen - sogar des früheren Bischofs persönlichstes Buch. Denn, wer sich, wie etwa der Autor dieser Rezension, als Verfasser einer Huber-Biographie intensiv mit dem Autor beschäftigt hat, wird in dem, was dieser über Bonhoeffer schreibt, immer auch leise mithören, was Huber über sich selbst sagt und schreibt. Auch das macht einen Reiz dieses Buches aus.

Das Wesentliche aber ist, dass der Autor hier ein Zweifaches versucht: Er will in Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit sowohl das Leben wie die Theologie Bonhoeffers schildern, und zwar so genau und umfassend, wie es ihm eigen und wichtig ist. Huber will zudem zeigen, wie Bonhoeffers Leben und Theologie sich gegenseitig prägten. Die Einheit von Lehre und Leben ist bei Bonhoeffer mit Händen zu greifen und fasziniert die Kirche, Theologie und Geschichtswissenschaft seit der Hinrichtung Bonhoeffers im KZ Flossenbürg am 9. April 1945, keinen Monat vor Ende des Krieges. Übrigens ermordeten die Nazischergen Bonhoeffer auf ausdrücklichem Befehl Hitlers, denn der christliche Märtyrer Bonhoeffer war nicht nur ein scheinbar harmloser Theologe, sondern auch ein Mann im Widerstand - auch wenn man seine konkreten Widerstandstaten aufgrund ihres notwendig geheimen Charakters und fehlender Quellenlage nicht mehr nachzeichnen kann.

Es gehört zu den Stärken von Hubers Bonhoeffer-Biographie, dass ihm die Schilderung des Wechselspiels zwischen Leben und Theologie des evangelischen Heiligen, wie ihn manche auch ohne Anführungsstriche nennen, fast immer meisterhaft gelingt. Zwar ist man anfangs ein wenig enttäuscht, dass des Autors erster Überblick über Bonhoeffers Leben fast skizzenhaft und doch sehr knapp wirkt. Später aber, bei der Entfaltung von Bonhoeffers Theologie, kommt Huber immer wieder geschickt auf Bonhoeffers konkrete Lebenssituationen zurück, die Anlass oder Grund für die jeweiligen theologischen Ideen und Thesen waren oder gewesen sein mögen. Der Bonhoeffer-Biograph geht dabei im Wesentlichen thematisch vor - und die Kapitelüberschriften zeigen jeweils, wohin die Lektürereise in etwa geht: „Christlicher Pazifismus“, „Widerstand mit theologischem Profil“, „Mut zur Schuld“, und so weiter.

Huber verschweigt dabei nicht manche heute zweifelhaften Ansichten Bonhoeffers, beispielsweise ein gewisser paternalistisch-unemanzipatorischer Ton, der manchmal zu finden ist. Wenig überzeugend ist etwa auch der eher absurde Gedanke Bonhoeffers, die Musik Bachs habe irgendwie viel mehr mit einem reinen und zu fördernden Glauben zu tun als die Musik Beethovens, der eher für eine pompöse und äußerliche Religion stehe, die abzulehnen sei. Aber das sind alles nur kurze Irrwege oder winzige Lächerlichkeiten eines insgesamt atemberaubend klugen, sensiblen und weit denkenden Theologen, dessen Gesamtwerk von einer staunenswerten Stringenz und Sprachkraft ist. Theologie ist bei Bonhoeffer eine überaus spannende Angelegenheit. Und Huber schafft es, sie ebenso spannend zu vermitteln.

Philipp Gessler

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