Wirklichkeiten

Deutsch-israelisches Verhältnis
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An alle Ränder und mitten hinein in ein Leben...

Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, ist trotz ihres bisher noch schmalen Œuvres keine Randerscheinung. Nach Schipino (2010) und Das letzte Land (2014) hat sie nun mit Staub einen Roman vorgelegt, der an alle Ränder und mitten hinein geht in ein Leben. In dem stupend aufreibenden und dabei immer klarsichtig eingefangenen Grenzerfahrungsszenario und der fortwährend pulsenden Unruhe im gleichschwebenden Nichts/Staub der Zeit macht sie die schicksalhafte Verflechtung von existentieller Einsicht bei gleichzeitiger alltäglicher Ohnmacht grandios fühl- und erlebbar.

Die Story wird in substantiell verdichteten Kapiteln wechselnd erzählt: Als Kind eines Arztes verbringt Jonas Blaum 1984 ein Jahr in Saudi-Arabien. Der Familie fällt es nicht leicht, sich den ungewohnten Landessitten anzupassen. Als eines Tages Jonas’ jüngerer Bruder spurlos verschwindet und wenig später verstört wieder auftaucht, kehrt die Familie traumatisiert nach Deutschland zurück. 2014 reist Jonas, inzwischen selbst Arzt, erneut in den Nahen Osten, diesmal nach Amman. Dort wird ihm ein Junge anvertraut, der ihn an den größten Verlust seines Lebens erinnert. Jonas kann dem Jungen nicht helfen, und als er ihn bei einem Aufenthalt in Jerusalem verliert, scheint sich eine Geschichte zu wiederholen.

Zwischen Kindheit und Gegenwart liegt 1993-1999 Jonas’ Studienzeit in Berlin. Er lebt hier scheinbar bodenlos, absolviert wie nebenher sein Studium, sucht und verschenkt körperliche Stillung und seziert Sein und Wandel der Stadt - „Zustand und Farbe im Ostteil der Stadt entsprechen exakt meinem Innenleben. Abbröckelndes, Brachen, Zerfall. … immerhin im Dornröschenschlaf“. Maria, eine Kaufhallen-Verkäuferin, wird seine Geliebte. Wird das ein Märchen? Nein. Dem Dornröschenschlaf folgt ein zu spätes, jähes Erwachen: „Westdeutsche Anwälte und Ärzte, meine Väter und Onkel also, kauften ihr das Leben unterm Arsch weg, während sie sich noch die Augen rieb.“

In allen Sequenzen ist Svenja Leibers Sprache stelzenfrei und uneitel. Sie ist von einer zugewandten Direktheit, die sowohl alle Zwänge der thematischen Verhüllung als auch die der narzisshaften Nacktheit abwirft. Sie ist angstfrei, von hoher Dringlichkeit und erkenntnishungrig. Starke Bilder und Meinungen fordern inmitten des Geschehens immer wieder zur eigenen Positionierung auf. Dabei gestattet Svenja Leiber keinen schnellen Überflug - man würde sich verschlucken!

Geradezu weise, mythisch bebildert und mit zärtlichem Wissen zeichnet sie aus der Männerrolle heraus ein beschämend schönes Bild mütterlicher Liebe und Fürsorge, das sie mit behütendem „Mutterraunen“ beschreibt, womit offenbar wird, was mit ihrer Geringschätzung verlorengeht: „das Gemüt, die Sanftheit, die Uneindeutigkeit, der murmelnde Raum“.

Svenja Leiber hat einen wachen Blick auf das deutsch-israelische Verhältnis, einen befreienden auf Europa, einen kritischen auf Jerusalem und den religiösen Tourismus, die „idiotische Suche nach etwas, was hier längst nicht mehr ist. Der, den ihr sucht, ist nicht hier“.

„Eine Nadel im Heuhaufen findet man nicht mit Philosophie“ - wohl aber am Ende des Buches einen denkwürdigen Vergleich der Mauern um Jericho und in Berlin. „ … Wegen der Mauern von Jericho. Eine Posaune sei das Volk gewesen, hast du gesagt. Eine Volksposaune habe die Mauer zum Einsturz gebracht … Und eine Posaune ist etwas anderes als eine Fußballsirene. Und ich denke, es war auch nicht wirklich das Volk. Denn dann wäre es eben doch eine Fußballsirene gewesen, und nichts wäre passiert.“

Ein starkes Buch. Eine erkenntnistönende Posaune. Aber nicht laut.

Klaus-Martin Bresgott

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