Hervorragend

Der Mythos von Adam und Eva
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Eine lesenswerte Zeitreise durch die Deutungsgeschichte der paradiesischen Mythologie.

Adam und Eva im Garten Eden. Gerade einmal zwei Kapitel widmet das Buch der Bücher seinem ersten Menschenpaar. Doch obwohl diese Erzählung gemessen am Umfang der Bibel recht kurz gehalten ist, zieht sie die Leser seit jeher auf unterschiedliche Weise in ihren Bann. Dass dieser Bann weiterhin ungebrochen ist, zeigt der US-amerikanische Literaturwissenschaftler und Pulitzerpreisträger Stephen Greenblatt mit seinem mächtigen und eindrucksvollen Buch über The Rise and Fall of Adam and Eve, das nun in einer sprachlich ansprechenden deutschen Übersetzung vorliegt.

Eingerahmt von Prolog und Epilog befasst sich Greenblatt in 14 Abschnitten mit der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte oder, wie er es ausdrückt, mit der „Lebensgeschichte“ Adams und Evas. Sein Leitgedanke ist schon zu Beginn erkennbar: Obwohl der Mythos von Adam und Eva Fiktion in Reinform ist, zeigt sich in dieser Geschichte die besondere Fähigkeit des Menschen, sich selbst im Modus des Erzählens zu verstehen und zu verwirklichen. Dies wird bereits im zweiten und dritten Abschnitt ersichtlich, in dem Greenblatt genial die - in der Forschung umstrittene - Entstehungsgeschichte der Paradieserzählung sowie der Tora allgemein in ein lesenswertes Narrativ kleidet und zugleich den religiösen Wert der biblischen Textkomposition hervorhebt.

Folgerichtig geht der Literaturwissenschaftler in seinen Analysen selbst vom Endtext aus. Dies lässt auf der Kehrseite jedoch gelegentlich die Schichtungen des Bibeltextes miteinander verschwimmen. So wird die Erzählung von Adam und Eva bisweilen mit Inhalten anderer biblischer Texte überlagert, zum Beispiel mit der Idee der Gottesebenbildlichkeit des Menschen aus Genesis 1, die in Genesis 2-3 keine Rolle spielt. Dies ist von der Rezeptionsgeschichte aus betrachtet zwar verständlich, erweitert die eigentlichen Motive der Paradieserzählung allerdings. Dieser kleine Kritikpunkt macht das Buch aber keinesfalls weniger lesenswert.

In den folgenden elf Kapitel zeichnet Greenblatt nun die Stationen der Rezeptionsgeschichte der Adam-und-Eva-Erzählung nach, die von der Antike bis ins 19. Jahrhundert einen regelrechten Auf- und Abstieg erfuhr: Beginnend als archaische Spekulation wurde sie auf dem Höhepunkt zum Dogma und zur historischen Wahrheit erhoben, bis sie als vielfach kritisierte Fiktion endete. Schwerpunkte dieser Zeitreise bilden insbesondere die Rezeptionen des Theologen Augustin, des Renaissancemalers Albrecht Dürer, des Schriftstellers John Milton und des „Präadamisten“ Isaac de La Peyrère. Dem Autor gelingt es in diesem historischen Durchgang meisterhaft, die jeweiligen Deutungen in die unmittelbaren Lebensgeschichten der Interpreten einzufügen. Die dabei aufgeworfenen anthropologischen Motive der Paradieserzählung wie Liebe, Sexualität, Sünde, gut und böse, Frauenbild, Schmerz, Lebensmühen, Sterblichkeit erfahren durch die biographische Rückbindung in gewisser Weise einen rezeptionsgeschichtlichen Sitz im Leben. Dies gilt auch für die Kritiken der Aufklärungszeit und des Darwinismus, mit denen sich das Buch zum Ende hin befasst.

Zum Schluss nimmt Greenblatt sein Leitmotiv vom Anfang wieder auf, wenn er erklärt, dass die Bedeutung dieses Mythos’ nicht in der Frage der Historizität erschöpft bleibt. Vielmehr liegt ihr bleibender Wert in der sinnstiftenden Narrativität, die über das Menschsein selbst Auskunft gibt. Damit legt der Autor nicht nur eine spannende Interpretation der Paradieserzählung vor, sondern formuliert gleichsam eine eigene literaturwissenschaftlich begründete These über das Wesen des Menschen. Diese Pointe macht das stilistisch hervorragend geschriebene Buch äußerst lesenswert.

Gregor Bloch

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