Unheiliger Zeitgeist?

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Jürgen Wandel.

Jüdische Wurzel

Reminiszere, 17. März

Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht. (Johannes 3,21)

Schaut man in der Lutherbibel auf den Abschnitt des Johannesevangeliums, über den an Reminiszere gepredigt wird (3, 14-21), fällt Vers 16 ins Auge. Hervorgehoben, fettgedruckt sind die Worte: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Die Vertonung durch Heinrich Schütz hat dazu beigetragen, dass sich diese Worte vielen Protestanten eingeprägt haben. Weil Vers 16 das Thema der Passionszeit verdichtet, dominiert er Predigten dieses Sonntags. Aber Vers 21 wird leicht übersehen. Dabei zeigt gerade er, worin sich das Christentum von anderen Religionen und von Philosophien unterscheidet. Diese begnügen sich oft mit der Erkenntnis der Wahrheit oder was sie dafür halten. Im Christentum geht es dagegen auch darum, die Erkenntnis der Wahrheit - des Gottes, der die Liebe ist - umzusetzen.

Dass man Wahrheit „tun“ kann, klingt ungewöhnlich, seltsam. Aber in dieser Vorstellung wird die jüdische Wurzel des Christentums sichtbar, die Christen, auch Theologen, oft verdrängt haben. Um sie freizulegen und fruchtbar zu machen, brauchen Christen den Dialog mit den Juden. Sie erinnern daran, dass Gott von denen, die an ihn glauben, etwas erwartet.

Die untrennbare Verbindung von Glauben und Tun hat auch der Reformator Ulrich Zwingli betont. Vor 500 Jahren wurde er Pfarrer am Zürcher Großmünster. Deswegen begehen Schweizer Protestanten 2019 als Zwingli-Jahr. Wie wichtig für diesen Reformator das Tun der Wahrheit war, zeigte auch sein Taufverständnis. Dieses Sakrament war für Zwingli „ein verpflichtendes Symbol für eine Neugestaltung des Lebens nach der Regel Christi“.

Aber die Fähigkeit von Menschen, die Wahrheit zu erkennen und zu tun, ist beschränkt. Wer sich das klar macht, wird vor Absolutheitsansprüchen, Intoleranz und Fanatismus bewahrt. Und ihm wird bewusst, dass er auf den Gedankenaustausch mit seinen Mitmenschen angewiesen ist.

Vergeblich gewarnt

Okuli, 24. März

Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle. (Jeremia 20, 10)

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.“ Dieser Satz leuchtet ein, weil er eine allgemeine menschliche Erfahrung auf den Punkt bringt. Er geht auf eine Erzählung des Markusevangeliums zurück: Jesus lehrt in der Synagoge seiner „Vaterstadt“ Nazareth und stößt dabei auf Ablehnung. Und er sagt: „Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause“ (Markus 6,4). So macht Jesus die gleiche Erfahrung wie die Propheten, von denen das Alte Testament erzählt. Sie kritisierten ihre Landsleute und Religionsgenossen, prangerten Lüge, Unterdrückung und Ausbeutung an, warnten davor, so weiterzumachen, forderten Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, eine Veränderung des Einzelnen wie der Gesellschaft. Das stieß auf Ablehnung bei den Mächtigen in Politik und Religion und selbst bei Freunden und Bekannten (siehe oben).

Natürlich muss man sich hüten, jede Kritik, die Kirchenleute an Politikern und Konzernen äußern, mit der der Propheten gleichzusetzen. Aber bei der Reaktion der Kritisierten fallen Ähnlichkeiten auf. Diejenigen, die kritisieren und warnen, werden als „Gutmenschen“ verspottet, als „Alarmisten“ abgetan, als „Ideologen“ verleumdet, als „Nestbeschmutzer“ beschimpft. Oder sie werden einfach ignoriert.

Als die Nazis Juden vertrieben und ermordeten, als Wehrmachtssoldaten fielen und deutsche Städte zerstört wurden, und als nach dem Krieg auch nichtjüdische Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben wurden, bewahrheitete sich, wovor die spd und andere Demokraten schon vor 1933 gewarnt hatten: „Hitler bedeutet Krieg.“

Starkes Vertrauen

Lätare, 31. März

Jesus Christus spricht. Wer glaubt, der hat das ewige Leben. (Johannes 6,47)

Was für ein Vertrauen.“ Unter dieser Losung, die dem Alten Testament (2. Könige 18,19) entnommen ist, steht der Kirchentag, der am 19. Juni in Dortmund beginnt. Vertrauen ist die Grundlage des Lebens, zumindest für ein gelingendes. Der Säugling vertraut der Mutter, Kinder ihren Eltern und/oder anderen Bezugspersonen. Freunde und Eheleute vertrauen einander, Patienten dem Arzt, Staatsbürger Beamten und Richtern. Und bei Wahlen geben sie Politikern einen Vertrauensvorschuss.

Vertrauen ist so notwendig wie das tägliche Brot. Wir vertrauen dem Busfahrer oder Lokführer, dass er uns sicher ans Ziel bringt. Der Chef vertraut darauf, dass wir unsere Arbeit tun, ohne dass er sie laufend kontrollieren muss, und dass wir das, was er uns anvertraut, für uns behalten. Und wenn wir einkaufen, vertrauen wir bestimmten Geschäften und Marken.

Dass Vertrauen enttäuscht werden kann und Kontrolle sinnvoll ist, ändert nichts an seiner Bedeutung für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Die Fähigkeit des Menschen, vertrauen zu können, und die positiven Erfahrungen, die er dabei macht, sind ein Anknüpfungspunkt für den christlichen Glauben. Denn dieser ist in seinem Kern nichts anderes als Vertrauen. Aber dieses beschränkt sich nicht auf das, was Menschen vermögen. Der Glaube an Gott stärkt nicht nur das Grundvertrauen des Menschen, sondern übersteigt und steigert es. Was die Evangelien von Jesu Leben, Leiden, Sterben und Auferweckung überliefern und was zum Beispiel Paulus schreibt, stärkt das Gottvertrauen bei denen, die diese Worte, lesen, hören und im Abendmahl schmecken. So können sie ewiges Leben schon hier und heute erfahren.

Neues Verstehen

Judika 7. April

Spricht Pilatus zu Jesus: Was ist Wahrheit? (Johannes 18,38)

Um die Frage des Pilatus zu verstehen, denkt man sich am besten das Wort „schon“ dazu: „Was ist schon Wahrheit?“ Mit anderen Worten: Pilatus interessierte nur die Macht, des römischen Reiches und seine eigene. Nach den historischen Quellen war er kein skrupulöser, sondern ein skrupelloser Herrscher. Aber in der Passionsgeschichte des Johannesevangeliums bekundet Pilatus gegenüber „den Juden“ und ihren Hohepriestern dreimal, dass er Jesus für unschuldig hält. Und so wird „den Juden“ der schwarze Peter zugeschoben. Hier spiegeln sich wohl die Auseinandersetzungen, die Christen und Juden während der Abfassung des Johannesevangeliums führten. Losgelöst von diesem historischen Hintergrund hat dies bei Christen zuerst antijüdische Ressentiments befeuert und dann Antisemitismus religiös unterfüttert.

Heutzutage gibt es im Westen glücklicherweise keine Gewaltherrscher wie Pontius Pilatus. Aber selbst in demokratischen Staaten bekleiden notorische Lügner wichtige Ämter. Und sie stellen nicht einmal rhetorisch die Frage nach der Wahrheit. Denn sie ist ihnen und ihren Wählern vollkommen egal.

Für das Johannesevangelium ist „Wahrheit“ dagegen ein Schlüsselwort. Nach ihm ist Jesus „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6). Von daher lässt sich Wahrheitsfindung als ein dynamischer Prozess interpretieren. Und das legt auch die Kirchengeschichte nahe. Protestanten, die sich als „bibeltreu“ verstehen, tun so, als könne man die Wahrheit einfach so der Bibel entnehmen. Und Veränderungen, die sie ablehnen, bezeichnen sie als Anpassung an den „Zeitgeist“. Dabei übersehen sie, dass sich hinter dem Zeitgeist nicht immer ein Ungeist verbirgt, sondern immer wieder der Heilige Geist. Heute halten es viele Evangelikale für christlich, dass Frauen ein Pfarramt bekleiden können. Ihre geistigen oder leiblichen Ahnen hatten das unter Berufung auf das Neue Testament noch abgelehnt.

Die Frauenordination wurde in den meisten evangelischen Landeskirchen Deutschlands nicht zufällig um 1968 herum eingeführt. Der damalige Zeitgeist hatte dazu beigetragen, dass Christen, auch Theologen, das Neue Testament neu verstanden. Das gleiche gilt für die theologisch begründete Ablehnung des Krieges, die unter Christen bis zum Zweiten Weltkrieg alles andere als selbstverständlich war. Es ist also falsch, den Zeitgeist generell schlechtzumachen und sich über ihn zu erheben. Vielmehr muss man ihn prüfen und das Gute behalten.

Siegreiche Sanftmut

Palmarum, 14. April

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meinen Wangen denen, die mich rauften. (Jesaja 50,6)

Diese Worte ähneln dem, was Jesus in der Bergpredigt fordert (Matthäus 5,39). Dass sie im Alten Testament stehen, müsste diejenigen wachrütteln, die mit dem ersten Teil der Bibel Vorstellungen von Zorn und Rache verbinden und - wenn sie „alttestamentlich“ meinen - das Adjektiv „alttestamentarisch“ gebrauchen, das schon lautmalerisch bedrohlich klingt.

Christliche Theologen haben das Alte Testament oft so interpretiert, als habe es schon Jesus im Blick gehabt. Und so haben sie die Juden geistig und geistlich enteignet. Aber davon sind die Assoziationen zu unterscheiden, die Jesaja 50,4-9 auslöst. Was dort über das Leiden eines „Gottesknechtes“ steht, ähnelt dem Schicksal Jesu. Und es passt für eine Predigt am Palmsonntag, mit dem ja die Karwoche beginnt. Die Evangelien erzählen, wie Jesus in Jerusalem einzieht. Er sitzt auf einem Esel. Und das soll verdeutlichen: Jesus ist für die Evangelisten der messianische Friedenskönig, der im Alten Testament erwartet wird: „Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend“ (Sacharja 9,9). Pferde sind für Sacharja dagegen Symbole des Krieges; er denkt an Schlachtrosse.

In Sacharja 9,10 heißt es, Gott werde mit der Ankunft des Friedenskönigs alle Kriegsgeräte zerstören und dieser werde „Frieden gebieten den Völkern“. Weil die Welt aber immer noch friedlos ist, können die Juden in Jesus nicht den messianischen Friedenskönig erkennen.

Christen weisen dagegen darauf hin, dass Jesus mit der Bergpredigt Menschen inspiriert, verändert und ermutigt, sich für den Frieden einzusetzen. Man denke an den Quäker William Penn (1644-1718) oder den liberalen Baptistenpfarrer Martin Luther King (1929-1968). Und Christen glauben, dass „die Sanftmütigen“ am Ende „das Erdreich besitzen werden“ (Matthäus 5,5).

Jürgen Wandel

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