Gott allein

Kluge Reformationsnachlese
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Vorträge über das Verstehen von Gott und seiner Gegenwart.

Diesmal muss die Kritik am Anfang stehen. Der Titel ist schlicht geschmacklos. Zwar reißerisch genug, um manchen Interessenten zum Kauf zu bewegen, zudem mit einer ironisch bissigen Kampfansage verbunden. Doch sind die Zeiten zu ernst, um sich auf ein solches Sprachniveau zu begeben. Dies vorweggesagt, ist der Inhalt aber alles andere als langweilig oder trivial. Im Gegenteil. Ingolf Dalferth, als Theologe für seine klaren Zuspitzungen und pointenreichen Formulierungen bekannt, betreibt auf kluge Weise Reformationsnachlese. Nicht, indem noch einmal das Für und Wider des vergangenen Jubiläums aufgerufen würde, sondern indem dem spirituellen Kern der „reformatorischen Revolution der christlichen Denkungsart“ nachgegangen wird. Dabei geht es um nichts Geringeres als das Solus Deus, um das „Gott allein“. Ohne Gott kein neues Verständnis von Glaube, Vernunft und Freiheit, nicht bei den Reformatoren und erst recht nicht bei uns.

Das Buch ist aus einer Reihe von Vorträgen entstanden, die der Autor im Umfeld des Reformationsjubiläums gehalten hat. Das merkt man ihm auch an, hat aber den Vorteil, dass sich die einzelnen Kapitel selbstständig lesen lassen. Dabei sind sie für theologische Laien von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Alle aber kreisen um ein Verstehen von Gott und seiner Gegenwart, wie ihn der christliche Glaube versteht, indem er das Leben der Menschen neu orientiert.

Überhaupt ist Orientierung der entscheidende Begriff, um zu verstehen, inwiefern der Glaube die Vernunft neu ausrichtet und noch die Theologie allererst zu ihrer Aufgabe bringt. Wie das? Durch die Art und Weise, wie der Glaube Denk- und Lebensformen hervorbringt, die von einer „Tiefenpassivität“ gekennzeichnet sind. Wer sich als Gottes Geschöpf samt der ihn umgebenden Welt versteht, der begreift sich als Resonanzraum für Gottes schöpferisches Wirken an ihm und an ihr. Darin gründet seine Freiheit, eine Freiheit von allerlei Zwängen und existentiellen Nöten, eben die Freiheit eines Christenmenschen.

Wer dies verstanden hat, muss nicht mehr verzweifelt einen Gott zu denken beweisen. Er kann vielmehr von Gott her neu denken lernen: sich selbst, unser Leben, die Welt. Denn der „Bezugspunkt seiner Orientierung sind nicht die Abgründe, Irrtümer und Plagen der Welt, sondern die Güte Gottes, der sie nicht überhandnehmen lässt“. Das ist alles andere als trivial, setzt es doch seine Zuversicht nicht aus der Wiederkehr der Religion. Der „Ich Jetzt Da Bei Dir Für Dich Durch Mich“, dieser konkrete christliche Monotheismus „der Liebe Gottes im menschlichen Leben“, verdankt sich hingegen dem Ernstnehmen der alles entscheidenden Differenz zwischen Gott und Welt. Weil Gott weder des Menschen noch der Welt bedarf, weil aber umgekehrt weder der Mensch noch die Welt ohne Gott sein könnten, darum ist dem Glauben inmitten einer säkularen Welt ein Leben etsi Deus daretur möglich. Leben - als ob es Gott gibt. Einem solchen Glauben, so er recht orientiert ist, wozu ihm nicht zuletzt theologischen Nachdenken helfen kann, stehen Möglichkeiten offen, die selbst revolutionär sind. Zum Beispiel eine Praxis der Liebe, die ohne Privilegierung „nicht einmal beim Feind, bei den Verstorbenen, bei den Noch-Nicht-Geborenen an ihr Ende oder an ihre Grenzen“ kommt. Nicht um höhere Moral geht es hier, sondern um eine wirkliche Möglichkeit, die aber nur denen offensteht, die nichts von sich aus, dafür aber alles allein von Gott erwarten. Das meint die spirituelle Revolution der Reformation. Sie bleibt nicht nur frommer Wunsch, auch ist sie nicht unvernünftig, wie Dalferths Buch auf eindrückliche Weise zeigt. Aber sie lebt von einer sachgemäßen Verwegenheit. Der alte Madensack hätte seine Freude daran gehabt.

Christian Polke

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