Antimoderne und Avantgarde

Der Protestantismus und die Kultur in der Weimarer Republik
Conrad Veit in „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Der expressionistische Stummfilm aus dem Jahr 1920 gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. Foto: akg-images?/?Album?/?Decla Bioskop
Conrad Veit in „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Der expressionistische Stummfilm aus dem Jahr 1920 gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. Foto: akg-images?/?Album?/?Decla Bioskop
Es gibt ein neues öffentliches Interesse an der Weimarer Republik, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert. Nicht nur die damalige Politik, sondern auch die Kultur stehen im Fokus der Erinnerung. Die Frankfurter Kirchenhistorikerin Katharina Kunter schildert das schwierige Verhältnis des damaligen deutschen Protestantismus zur Gegenwartskultur der Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie legte die Weimarer Reichsverfassung 1919 die Grundlagen für einen modernen Staat. Sie wollte die Macht und die Privilegien der alten Oberschicht brechen und eine sozial gerechtere Gesellschaft. Dafür warb sie mit Grundrechten, Demokratie und Föderalismus. Diese wiederum eröffneten neue gesellschaftliche Chancen, vor allem für die Mittel- und Unterschichten. Mit dem Artikel 142 der Weimarer Reichsverfassung, der die Freiheit von Kunst, Wissenschaft und ihrer Lehre garantierte, begann ein frischer Wind in Gesellschaft und Kultur Deutschlands zu wehen. Zugleich provozierten weiterhin links und rechts radikale politische Kräfte; träumten die Gegner der Republik vom Rollback der nationalen Revolution. Mehrheitlich gehörte auch der deutsche Protestantismus zu diesen konservativen Kräften. Sein bildungsbürgerlicher Kulturbegriff stand im Widerspruch zur Demokratisierung von Kunst und Kultur, die jetzt Programm war. Und seine Mittel, die Kultur der Breite und der Außenseiter aufzuhalten, waren begrenzt: Es gab keine Staatskirche mehr; die Weimarer Reichsverfassung bestand auf weltanschaulicher Neutralität. Vor allem in den Städten entstand eine urbane Avantgarde, die Weimarer Kultur. Sie nahm auch Trends aus den USA auf, zum Beispiel den Jazz, der seit 1922 deutsche Tanzkneipen und Lokale eroberte. Die Kirchen sahen in ihm allerdings eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Neu war auch die rasante technische Entwicklung der neuen Medien. Neben dem Fernsprecher, der sich nach und nach als neues Kommunikationsmittel durchsetze, gehörten dazu das Radio und der Film. Mit der Gründung der neuen Republik begannen die goldenen Jahre des deutschen Kinos. Große Filmpaläste entstanden, wie etwa in Berlin 1925 und 1926 die Kinopaläste Capitol und der Palast der 1917 gegründeten Universum Film AG (Ufa) am Zoo. 1925 gab es bereits 3700, 1930 mehr als 5000 Kinos. Die deutsche und die amerikanische Filmindustrie boomte. Neben dem kommerziellen Unterhaltungsfilm entstanden expressionistische deutsche Filme von Weltniveau, in denen sich die Ängste und die Ruhelosigkeit der jungen Republik spiegelten. Zu ihnen zählten etwa „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Robert Wiene (1920), „Nosferatu - eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau (1922) oder „Metropolis“ von Fritz Lang (1927).

Kirche gegen Kino

Vier bis fünf Millionen deutsche Besucher begaben sich in den Sog des neuen Massenunterhaltungsprogramms Kino. Die beiden christlichen Kirchen lehnten dieses jedoch entschieden ab. Sie hielten am Buch und dem Theater fest. Das Kino war für sie eine kommerzielle, die Massen befriedigende Gefahr; eine unsittliche, unmoralische und unzüchtige Versuchung. In der Frontstellung gegen das Kino mobilisierte der deutsche Protestantismus Stereotypen: Etwa das des kapitalistischen Juden, der sich die amerikanische Filmtechnik zu Eigen machte, um das deutsche Volk zu einer nur konsumierenden Masse herabzuwürdigen. In Feindbildern wie diesen trafen sich, wie der Berliner Theologe Rolf Schieder treffend zusammengefasst hat, Antiamerikanismus, Antisemitismus, Antikapitalismus zu einen mentalen Komplex des deutschen Protestantismus. Deshalb gab es auch kaum Schnittmengen zwischen evangelischer Kirche, Film und Kino in der Weimarer Republik. Unabhängig davon war für Schauspieler und Regisseure Konfession unwichtig. Das galt für die Schauspielerin Marlene Dietrich, die einem preußisch-protestantischen Elternhaus entstammte und 1923 in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche den ursprünglich katholischen amerikanischen Regieassistenten Rudolf Sieber heiratete, ebenso wie für den Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau. Er hieß ursprünglich Friedrich Wilhelm Plumpe und war in einer evangelischen Bielefelder Tuchfabrikantenfamilie aufgewachsen. Gegenüber dem zweiten großen Massenmedium der Weimarer Republik verhielt sich die Evangelische Kirche aufgeschlossener. Am 23. Oktober 1923 wurde die erste Sendung des öffentlichen Rundfunks übertragen. Schon drei Wochen später hielt ein evangelischer Pfarrer die erste Rundfunkansprache. Noch war das Radio neu und seine technischen und kulturellen Möglichkeiten nicht vorhersehbar. Kirchliche Kritiker, vor allem Pfarrer, Theologen und Professoren, kritisierten die Privatheit des Mediums. Dem Radio und seinen Hörern fehle die lokale Gemeinde. Deshalb trage der Rundfunk auch zu Kirchenflucht und Verflachung der Kultur bei. Dagegen sahen die kirchlichen Befürworter im Radio ein großes volksmissionarisches Potenzial. Um dieses zu stärken, begann 1924 die Rundfunkarbeit der Evangelischen Kirche. Von nun an gab es regelmäßige evangelische Rundfunkandachten, Morgenfeiern und Rundfunkgottesdienste.

Einsamkeit der Moderne

Die neuen Massenmedien unterstützen den neuen Geist der Kunst- und Kulturfreiheit. Die Themen und Stile wurden breiter und vielfältiger, sachlicher und abstrakter. Sie thematisierten Alltagserfahrungen, die neue Rolle der Frau, aber auch die Einsamkeit des modernen Menschen in der Großstadt und die Grenzen einer technisierten Welt. Literatur und bildende Kunst suchten nach den Verursachern des Ersten Weltkrieges und prangerten das große Elend, das daraus entstanden war, an. Die Kirchen standen dabei für die alte, kriegstreibende und antimoderne Elite. Das wurde zum Beispiel in dem bekannten Ölgemälde „Die Stützen der Gesellschaft“ von George Grosz von 1926 deutlich. Groszs Anklage ging jedoch noch weiter: In seiner Bilderserie „Ecce Homo“ von 1922 gab es eine Zeichnung, auf der Jesus am Kreuz mit Gasmaske und Soldatenstiefeln abgebildet war, mit dem Titel „Maul halten und weiter dienen“. Sie gehört heute zu den gängigen, für den Pazifismus werbenden Bildern in evangelischen Religionsbüchern. Damals jedoch wurde Grosz in einem in der Öffentlichkeit stark beachteten Prozess wegen Gotteslästerung verurteilt; die evangelische Kirche sprach etwas später von einem „entarteten Zeitgeist in der Kunst“. Das Bild des leidenden und ohnmächtigen Christus traf jedoch einen Nerv der Weimarer Gesellschaft, die nach wie vor von großen sozialen Spannungen gekennzeichnet war: Vor Grosz hatte bereits Karl Schmidt-Rottluff mit seinen Kristus-Holzschnitten von 1918/9 einen erniedrigten, hässlichen Christus gezeigt und Lovis Corinth mit seinem blutspritzenden „Der rote Christus“ von 1922 schockiert. Längst hatten sich jedoch die Künstler der Weimarer Republik aus ihren konfessionellen und kirchlichen Wurzeln gelöst. Zwar fragten ihre Arbeiten oft radikal nach dem Sinn der menschlichen Existenz und gebrauchten religiöse Bildmotive, wie etwa der Künstler Ernst Barlach in seinen Kruzifixen oder Skulpturen. Doch Glauben oder Kirche trugen nicht mehr als künstlerische und reale Antwort. Der Graben zwischen der künstlerischen Avantgarde der Weimarer Republik und der Evangelischen Kirche war tief. Das galt auch für den Bereich der Architektur, der vor allem durch die beiden Architekten Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe sowie das Bauhaus verkörpert wurde. Stellvertretend für viele in der Evangelischen Kirche formulierte 1928 der evangelische Kunsthistoriker und Architekt Cornelius Gurlitt, dass das Christentum nicht modern und ein Ergebnis dieser Zeit sei, sondern sich in der Nachfolge historisch zurückverstehe. Dem Neuen Bauen müsse alte Sachlichkeit gegenübergestellt werden. Entsprechend blieben beim Bau neuer Kirchen konventionelle und historisierende Formen vorherrschend. Einer der prominentesten evangelischen Architekten war German Bastelmeyer, der in den Zwanzigerjahren zahlreiche evangelische Kirchenneubauten plante und dabei bewusst auf ein konservatives Bauprogramm setzte. Das entsprach dem Mainstream des deutschen Protestantismus. Eine Ausnahme war dagegen der Architekt Otto Bartning, der mit modernen Kirchenbauten wie der Christuskirche in Brandenburg (1928) oder der Auferstehungskirche Essen (1930) einer der wenigen wurde, die man zur protestantischen Avantgarde zählen konnte (siehe auch zz 3/2019). Ähnlich wie in Bildender Kunst und Architektur eröffnete die Weimarer Republik auch für Literatur und Theaterwesen neue Gestaltungsräume. Vor dem Hintergrund der Revolution von 1918 thematisierten Schriftsteller wie Alfred Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ von 1929 oder Thomas Mann in „Der Zauberberg“ von 1924 grundlegende Krisenphänomene der Moderne, wie das Verhältnis von Masse und Individuum, Angst und Zerfall. Erstmals in der Literaturgeschichte Deutschlands traten nun auch Frauen als Schriftstellerin oder Dichterin öffentlich auf; eine Auswirkung der Frauenbewegung, des 1919 in Kraft getretenen Frauenwahlrechtes und der zunehmenden Berufstätigkeit von Frauen. Bücher von Marie Luise Fleißer oder Vicky Baum zeigten die Gratwanderung, die die „Neue Frau“ zwischen bürgerlichen und künstlerischen Ansprüchen gehen musste; Gedichte von Lyrikerinnen wie Else Lasker-Schüler oder Nelly Sachs drückten tiefe innere, auch religiöse Zerrissenheit und Identitätssuche aus. Der Protestantismus war in der Literatur sichtbar, aber gebrochen. Sein herusragender Repräsentant war Thomas Mann. Er hatte 1929 den Nobelpreis für Literatur bekommen. Verliehen war ihm dieser vor allem für seinen Roman „Die Buddenbrooks. Verfall einer Familie“, der bereits 1901 erschienen war. In ihm spielte das sich der Moderne verweigernde, leblose evangelische Milieu lutherischer wie auch reformierter Prägung und seine bürgerliche Religiosität eine wichtige Rolle. Eine weitere evangelische Persönlichkeit war der Schriftsteller Hermann Hesse. Sein Vater war Missionar der Basler Mission gewesen, er selber hatte das evangelisch-theologische Seminar in Maulbronn besucht. In seinem 1927 erschienen Buch „Der Steppenwolf“ ging es um die Sinnsuche des Menschen in einer rationalen und technikorientierten Welt. Neben Thomas Mann erhielt später auch Hermann Hesse den Literaturnobelpreis. Dreimal nominiert für diesen war auch die evangelische Schriftstellerin Ricarda Huch. Sie war eine Vertreterin der konservativen Revolution. In ihren geschichtlich erzählenden Werken machte sie sich für ein aus der Romantik stammendes Ideal von Mensch und Reich stark. Parallel dazu war sie seit 1916 auf religiöser Suche. 1916 war ihr Buch „Luthers Glaube. Briefe an einen Freund“ erschienen, jetzt wurde sie mit ihrem Buch „Entpersönlichung“ von 1921 bewusst evangelisch. 1926 wurde sie als erste Frau in die Preußische Dichter Akademie aufgenommen. Neben Huch gehörte Ina Seidel zu den bekanntesten evangelischen Schriftstellerinnen dieser Zeit. Wie Huch vertrat sie in ihren Büchern ein romantisches und preußisch-konservatives geprägtes Bild von Deutschland, in das mehr und mehr Gedanken einer völkischen „Blutgemeinschaft“ eingewoben waren. Ihr 1930 erschienenes zweibändiges Hauptwerk „Das Wunschkind“ erreichte eine Millionenauflage und markierte zugleich die Nähe dieser antimodernen evangelischen Literatur zur aufkommenden nationalsozialistischen Bewegung.

Alter Oberschicht nachgetrauert

Viele Künstler der Weimarer Republik nutzten die neuen Freiheiten der Verfassung, um am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft mitzuwirken und durch Kultur soziale Spannungen zu liberalisieren. Die Mehrheit der evangelischen Christen sah in der Kultur der Weimarer Republik allerdings vor allem Verflachung, Kommerzialisierung und Amerikanisierung. In Kunst, Literatur und Musik trauerten sie den alten Oberschichten und der protestantischen Leitkultur des Kaiserreiches nach. Sie sehnten sich nach einer konservativen Revolution und beharrten auf dem traditionellen Bildungsbegriff. Damit verpasste der Protestantismus in der Weimarer Republik jedoch den Schulterschluss mit der Moderne. Die Orientierung an der Vergangenheit verhinderte, die Gegenwart als bunt, frivol und ruhelos wahrzunehmen, in ihr zu experimentieren und Neues zu wagen. Wenn in diesem Jahr 100 Jahre Weimarer Republik gefeiert wird, tut der deutsche Protestantismus gut daran, sich an diese konservative Tradition zu erinnern. Denn die Anfälligkeit der Evangelischen Kirche für den nur wenige Jahre später heraufziehenden Nationalsozialismus hängt damit ebenso zusammen, wie auch die Distanz, die der deutsche Protestantismus lange gegenüber der Bonner Republik und der Demokratie zum Ausdruck brachte.

Katharina Kunter

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