Friedlich

Philosophie für das Altern
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Ein Patentrezept für ein ideales friedliches und heiteres Alter kann dieses Buch nicht geben, aber eine lohnende Lektüre ist es allemal.

Es ist ja wahr: Zwar wollen (fast) alle älter werden und erst recht nicht jung sterben, die letztendliche Konsequenz daraus, nämlich alt zu sein, findet aber auch nicht allzu viel Anklang in der heutigen, an Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit orientierten Gesellschaft. Dabei könnte es so schön sein, das Alter, so „friedlich und heiter“, wie es in Hölderlins Gedicht „Abendphantasie“ heißt. Wie dies aber zuverlässig zu erreichen sei, bleibt hier letztlich offen: Nur eine Bedingung formuliert der Dichter, dass nämlich die „ruhelose, träumerische“ Jugend „endlich“ vergeht. Ob eine auf Fragen der Lebensführung und -kunst spezialisierte Philosophie hier weiterhelfen kann?

Der in diesem Themenbereich zum Erfolgsautor avancierte Wilhelm Schmid (siehe zz 8/2018) hat es in seinem schmalen Band Gelassenheit mit, im Ganzen gesehen, heiter gestimmten Überlegungen zu zeigen versucht. Der renommierte Fachphilosoph Otfried Höffe folgt ihm nun mit weiter ausgeführten und differenzierter argumentierenden Gedanken nach. Der vor allem mit Arbeiten zur praktischen Philosophie und Ethik zu weithin anerkannter Autorität gelangte Höffe kann dabei auf profunden Vorarbeiten aufbauen. Fragen des Alter(n)s ist er etwa schon in einer „Gerontologischen Ethik“ und in Teilen seiner Schrift „Kritik der Freiheit“ nachgegangen.

Höffe plädiert für einen unvoreingenommenen Blick, widerspricht negativen Altersbildern und ermuntert dazu, das Alter als „gewonnene Jahre“ anzunehmen. Griffig und lebenspraktisch empfiehlt er eine Lebensführung, die den „vier L“ größtmöglichen Raum gibt, dem Laufen, Lernen, Lieben und Lachen, und zwar im buchstäblichen wie davon abgeleiteten Sinn, woraus sich ein wertvolles Reservoir an körperlichem, geistigem, sozialem und emotionalem Kapital ergebe. Der Philosoph betont, dass dies im Grunde schon von Cicero formuliert worden sei, und gewinnt seine Argumente immer wieder in Auseinandersetzung mit der Geistesgeschichte. Die gerade heute brisanten Themen finden freilich ebenso Berücksichtigung, seien es die Situation in Alten- und Pflegeheimen oder die Vorzüge einer Patientenverfügung.

Alte Menschen müssten in die Gesellschaft besser integriert werden, fordert Höffe, denn das Alter sei nicht allein als eine Phase der Muße zu begreifen, die mit Aktivität und (sinnvoller) Arbeit nichts mehr zu tun habe. Dann könne auch der nahende Tod mit weniger Schrecken erwartet werden. Um ein glückliches, würdevolles Altern zu ermöglichen, empfiehlt Höffe eine erweiterte Form der ethischen goldenen Regel: „Was du als Kind nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem Älteren zu!“

Höffes „Blick auf die Religionen“, so der Titel eines Unterkapitels, fällt sehr knapp aus und erschöpft sich in Anmerkungen über die verschiedenen Formen des Abschiednehmens und Bestattens; gleich danach wird intellektuell engagierter die moralische Frage nach dem Suizid im Alter und die Rolle von Ärzten aufgeworfen. Auch Höffe ist überzeugt, würde die Palliativmedizin konsequent genutzt, ließen sich viele Suizide vermeiden. Seine Leitidee ist auch hier ein an Würde orientiertes Leben, das es bis zum Ende zu achten gelte. Eine demokratische Gesellschaft, so der Philosoph, sei es ihren Bürgerinnen und Bürgern schuldig, dies zu gewährleisten, und legitimiere sich nicht zuletzt dadurch. Ein Patentrezept für ein ideales friedliches und heiteres Alter kann dieses Buch nicht geben, aber eine lohnende Lektüre ist es allemal, und dies nicht nur für Menschen am Rande des Alters – ein verständliches, gut formuliertes Buch, das kurz und griffig daherkommt und bei aller Konzentration doch nicht zu kurz greift.

Thomas Groß

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