Stadt in der Stadt

Der Neubau der Mannheimer Kunsthalle will anders sein
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Nicht nur der Kunst will die neue Halle Raum bieten, sondern auch den Diskussionen über die wesentlichen Fragen des Zusammenlebens.

Superlative schaffen Aufmerksamkeit: Den Verantwortlichen der Stadt Mannheim sowie besonders denjenigen der dortigen Kunsthalle kam es deshalb gelegen, dass die Medienberichte über den Neubau des Museums betonten, dieser sei der derzeit größte in Deutschland. Erst recht günstig für die Stadtspitze wirkt der Umstand, dass das von den Architekten Gerkan, Marg und Partner entworfene bronzefarbene Gebäude dank einer 50-Millionen-Euro-Spende weniger öffentliche Gelder verbraucht hat, als sie die Sanierung eines ungeliebten Museumsanbaus aus den Achtzigerjahren gekostet hätte. Also wurde dieser abgerissen und an seiner Stelle der im vergangenen Juni eröffnete Kubus erstellt. Ein wenig wuchtig wirkt er, fügt sich aber dennoch gut in die vom Jugendstil-Wasserturm geprägte Bebauung des zentral gelegenen Friedrichsplatzes ein.

Auch der Anschluss an den ebenfalls den Jugendstil bezeugenden Altbau passt; im Inneren wird man sanft von Alt in Neu und umgekehrt geleitet. Und immer wieder blickt der Besucher aus der „Neuen Kunsthalle“ dank großer Fensterflächen ins Offene – und wird so daran erinnert, dass er sich in städtischem Raum befindet. Seine tiefere Bedeutung hat auch dies, denn Direktorin Ulrike Lorenz sagt, der Bau stehe für ein neues Museumskonzept, das sie „Stadt in der Stadt“ nennt. Kunst zu sammeln und auszustellen sei nur noch das Eine, im Ganzen gehe es darum, einen Raum für die Diskussion der wesentlichen Fragen des Zusammenlebens zu bieten. Sinnbild hierfür ist das große, lichte Atrium, das ohne Eintrittsgeld zugänglich ist und um das herum sich auf drei Etagen die Ausstellungsflächen gruppieren.

In die Zukunft weisen soll auch die „Digitale Strategie“ des Museums: Dazu zählen etwa eine große Computerwand, an der man Informationen zur Sammlung recherchieren kann, sowie eine Besucher-App fürs Smartphone, die weit mehr bietet als die gewohnten Audio-Guides.

Immerhin behält die Kunst, die seit langem auch Denkanstöße bieten möchte, den zentralen Platz. Zum Auftakt hatte das Haus mit einer Schau des kanadischen Fotokünstlers Jeff Wall einen Akzent gesetzt. In der Präsenzausstellung ragt das bekannteste Werk der Sammlung, Edouard Manets „Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“, hervor. Bemerkenswert auch eine Reihe düsterer Werke Anselm Kiefers, ebenso die dichte Aufstellung prominenter Plastiken, von Auguste Rodin oder Wilhelm Lehmbruck, denen der Besucher und die Besucherin auf Augenhöhe, wie in einer Menschenmenge gegenübertritt, oder das „Schaudepot“, das viele hochwertige Werke in dichter Hängung zeigt.

Auch der Altbau präsentiert sich neu und zeitgemäß: Die Provenienzforschung wird in der Sonderschau „(Wieder-) Entdecken“ vorgestellt. Zurück blickt zudem die Ausstellung „Erinnern. Aus der Geschichte einer Institution“, denn wer ein Museum für die Zukunft gestalten will, muss auch zeigen, worauf es aufbaut. Drei wichtige Ausstellungen werden hier dokumentiert, darunter die Schau „Neue Sachlichkeit“ aus dem Jahr 1925, die einer Strömung der Moderne ihren Namen gab.

Die Graphische Sammlung zeigt sich ebenfalls historisch interessiert und präsentiert jetzt den bedeutenden Kupferstecher Jacques Callot (1592–1635). Dass Kunstmuseen noch immer Schulen des Sehens und der Besinnung sind, bestätigt sich hier erneut. Und so zeigt das als „Neue Kunsthalle“ apostrophierte Museum, dass bei aller Innovation erhalten bleiben soll, was sich bewährt hat. Einen Besuch wert ist es auch deshalb.

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Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, 68165 Mannheim, Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr, 1. Mittwoch bis 22 Uhr

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Thomas Groß

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