Die stete Kröte

Über die Unart des unausgesetzten Rezensenten-Nervens
Foto: dpa/ Erwin Elsner
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"Darf ich nachfragen, ob Sie schon mein Buch gelesen haben?" Nein, das dürfen Sie nicht!

Zum taedium (für Nichtlateiner: die Kröte, die man schlucken muss) oder schlicht zum stetigen Störfall des Daseins als Rezensent gehört die seit der Erfindung des elektronischen Briefverkehrs explodierende Kommunikation über zugesandte Bücher. Die Kernbotschaft dieser Mails lautet: „Hatten Sie schon Gelegenheit, mein Buch über (folgt ein Spezialthema der Goethe-Forschung, eine Biographie aus dem George-Kreis, etwas zur Gartenkultur des 18. Jahrhunderts und tausend andere Themen) anzusehen?“ „Wie haben Ihnen meine Gedichte gefallen?“ „Darf ich fragen, für wann Sie die Rezension vorsehen?“

Nein, dürfen Sie nicht. Und auch Ihr, Romanciers und Essayisten sollt wissen: „Fragt nicht beim Rezensenten nach!“ Denn dem ist schon klar, dass Ihr ihm Euer kostbares Geistesprodukt nicht seiner schönen braunen Augen wegen geschickt habt, sondern weil Ihr auf eine Rezension von Gustav Seibt hofft. Vor allem Ihr Professoren: Denn Ihr wisst ja, Euer unattraktiv in einem akademischen Verlag eng gedrucktes, umwegig formuliertes, viel zu langes Werklein wird unter den Augen gerade dieses Rezensenten funkelnd interessant, leichtfüßig und verlockend, geradezu unterhaltsam zugänglich.

Nun trifft es sich, dass nach 31 Berufsjahren und fast 500 Rezensionen immer mehr Buchpost diesen gutwilligen Kritiker erreicht. Ja, er ist grenzenlos verführbar. Aber – rechnet nach, werte Akademiker, wie viele Bücher ein seriöser Rezensent maximal pro Jahr besprechen kann, selbst wenn ihm sämtliche Zeitungsspalten dieses Sprachraums unbegrenzt offen stünden Wie viel glaubt Ihr?

Lasst Euch das von einer schlecht bezahlten Hilfskraft an Hand der Werkausgaben von Rezensionsriesen wie Kerr, Tucholsky oder Reich-Ranicki mal nachprüfen. Ja, genau, es ist, wie jeder gesunde Menschenverstand es im Vorhinein wissen könnte: Mehr als alle zwei Wochen, das macht 25 Rezensionen im Jahr, ist nicht drin. Und selbst fleißigste Dauerbesprecher schaffen nach ein paar Jahren meist nur anderthalb Dutzend Buchbesprechungen pro Jahr, die Kurzhinweise eingerechnet.

Indem Ihr also für Eure De-Gruyter-Springer-transcript-xxxx-yyyy-zzz-Bücher eine begleitende Korrespondenz einleitet, jetzt muss ich zum Sie wechseln: indem Sie das tun, glauben Sie also, unter den zwanzig Begünstigten zu sein, bei einem Angebot und engerer Wahl von mehr als dem Zehnfachen pro Halbjahr.

Da ich Mails meistens beantworte, unter anderem. weil ich weiß, dass Nichtbeantwortung solcher Mails den Arbeitsaufwand vervielfacht, weil dann in dicht getakteter Folge weitere Nachfragen kommen, tue ich es so kühl belehrend, dass die Frager – von sehr hartgesottenen Charakteren abgesehen – alsbald verstummen. „Ja“, schreibe ich dann, „Ihr Buch ist in meinen Händen. Dummerweise werden gerade die Programme aller großen Verlage gleichzeitig ausgeliefert, das sind mehr als 500 Bücher an einem Tag, davon hat mich schon fast die Hälfte erreicht.“

Wenn der Zudringling Glück hat, hat er mich nicht endgültig demotiviert, sein Buch auch nur anzublättern. Und ich bin ja imstande, entlegenste Fachliteratur aufzugreifen und reinen Herzens zu würdigen. Aber dieses Gemahne und Gedrängel, dieser kindisch-narzisstische Glaube, das Buch sei jetzt beim Rezensenten und ab jetzt ticke die Termin-Uhr, bis endlich die ersehnte Hymne erscheine, macht mich fassungslos. Man kann ja auf vielen Kulturveranstaltungen den Abend nicht mehr genießen, ohne dass einem ein Baby aus Papier in die Arme gelegt wird. Nach dem dritten Nachfragen ist ein Buch für mich in der Regel gestorben. Ich fühle mich dann wie ein Abc-Schüler, den die Volksschullehrerin an sein Hausaufgabenheft erinnert: urtümlicher Trotz.

Zum Schluss sei hier noch eine wahre Geschichte erzählt: Ich kannte mal eine betagte Lyrikerin, die ein äußerst schmales Lebenswerk in einem Bändchen bei einem hochrenommierten Verlag gesammelt hatte. Alles hing für sie daran, dass diese 70 Seiten beachtet würden. Ich fand die Gedichte nicht überragend, aber respektabel und hatte eine freundliche Rezension schon geschrieben. Aber das Gedrängel, die Nachstellungen, der damit verbundene Briefaufwand, die Störungen etlicher Gespräche mit Dritten durch die besessene Lyrikerin wurden so unerträglich, dass ich diesen Text mit einem Hass, den ich bis heute fühle, zerstört, gelöscht, zerrissen habe. Kein anderer hat das Büchlein beachtet, die Dichterin läuft ergraut heute noch auf allerlei Lesungen herum und hat immer noch keine Ahnung, dass sie ihre einzige Chance selbst vernichtet hat.

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Gustav Seibt, Jahrgang 1959, ist Historiker, Schriftsteller und Journalist. Er gehört zu den bekanntesten deutschen Literaturkritikern. Als solcher arbeitet er vordringlich für die Süddeutsche Zeitung.

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Gustav Seibt

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