Die Super-Kolumne

Punktum

Wer Kinder - oh, Sorriiieee!, ich meine natürlich: Jugendliche im Pubertätsalter, hat und zwangsläufig täglich mit empörten Ausbrüchen wie „Mein Leben!“ oder „chill mal!“ umgehen muss (während ein Lob wie „Ehrenmann“ oder „Ich küss’ deine Augen“ nur selten zu hören sind), der musste Mitte Januar über das „Starke-Familien-Gesetz“ stolpern. Familienministerin Franziska Giffey (spd) hat es in Berlin vorgestellt. Nicht, dass meine Familie oder gar meine Kinder - oh, Sorriiieee!, natürlich: die Jugendlichen in meiner Wohnung, die sie für ein Hotel halten, wirklich von diesem Gesetz profitieren würden. Dafür liegt das Einkommen der Menschen zu hoch, mit denen sie leider verwandt sind, die sich aber Papa und Mama nennen. Nein, das eigentliche Faszinierende, ja Bahnbrechende am „Starke-Familien-Gesetz“ ist das wording, um diese schöne englische word mal zu nutzen, weil es bisher kein besseres deutsches gibt, was meine Kinder - Sorriiieee!, die Jugendlichen in meiner Wohnung sicherlich verstehen würden.

Das „Starke-Familien-Gesetz“, das ist der zweite, sagen wir es ruhig: geniale Streich aus der PR- oder Presse-Abteilung des Familienministeriums. Der erste war das „Gute-KiTa-Gesetz“, das seit Anfang Januar in Kraft ist. Auch hier profitieren die - puh! - Jugendlichen in meiner Wohnung nicht mehr davon. Aber dieses wording! Es ist eigentlich wie mit dem lieben Gott bei der Schöpfung: Allein sein, in dem Fall: ihr Wort erschafft die Welt. „Ex verbo conditi sumus“, wie Luther es sagt, nachzulesen im Band 44 der Weimarer Ausgabe seiner Werke, um mal den Hobby-Theologen und Lateiner raushängen zu lassen. Das „Gute-KiTa-Gesetz“ kann demnach vieles sein, aber wesensmäßig eines nicht: nicht gut. Ebenso bei dem „Starke-Familien-Gesetz“. Es richtet sich nicht an alle, klar. Aber klar ist: Es führt zu starken Familien. Sonst hieße es doch anders.

Nun habe ich mir den lieben Gott ehrlich gesagt immer etwas anders vorgestellt als die zupackende Ex-Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln. Aba ditte issja ejal, wa: Das Wort an sich, und sei es das von Frau Giffey, ist im politisch-gesellschaftlichen Diskurs seinschaffend, um es ein wenig theologisch zu sagen. Faszinierend. Wenn Heinz Hilgers, Verbandspräsident des Deutschen Kinderschutzbundes, gegen das „Starke-Familien-Gesetz“ ätzt, es sei vor allem ein „Starke-Bürokratie-Gesetz“, so ist das ehrenwert - nicht zuletzt weil er die deutsche Sprache offenbar ernster nimmt als die Familienministerin. Aber Hilgers und alle, die ernsthaft versuchen, das wording von Ministerin Giffey gegenzuworden, haben schon verloren. Denn sie lassen sich auf ihr Spiel mit den Worten und den hinter ihnen schimmernden Bedeutungen ein. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, in diese verlorene Schlacht nicht mehr zu gehen. Und gegenüber den Jugendlichen in meiner Wohnung werde ich zukünftig nur noch von „Wir Super-Familie“ sprechen. Ich bin sicher, das wird seinschaffend.

Philipp Gessler

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