Zur Hölle mit Hitler

Über das rätselhafte Fresko in der Kirche von Rötenbach
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Den dickleibigen Glatzkopf in Anzug und Fliege, der genüsslich seine Zigarre schmaucht, kennt man aus den Geschichtsbüchern. Doch es kommt noch dicker.

Der Tourismus ist an dem kleinen 700-Seelen Dorf Rötenbach im Allgäu vorbeigegangen, nur selten verirrt sich ein Wanderer in die Dorfkirche. Das Deckenfresko in der Kuppel sieht auf den ersten Blick gewöhnlich aus. In der Mitte ragt der gekreuzigte Christus, umgeben von Engeln und Putten, darüber schwebend Gottvater und Heiliger Geist. Rechts von ihnen steht die Gruppe der Gerechten, Frommen und Erretteten. Es sind die üblichen Verdächtigen: Bischöfe und Mönche, Pilger und Nonnen.

Spannend wird es allerdings bei den Verdammten. Sie haben sich an ihrem zugewiesenen Platz links vom Kreuz eingefunden. Der Hohepriester Kaiphas und Judas Ischariot sind vertraute biblische Bösewichte. Dann aber treten ungewohnt moderne Zeitgenossen auf die Szene, die man in einem barocken Fresko nicht erwartet hätte. Sekt trinkende Herren im Frack umringen plaudernd eine Blondine in tief ausgeschnittenem rotem Abendkleid.

Was ist so schlimm an einer vergnügten Party, dass sie in der Hölle enden muss? Erst wenn man erfährt, dass der Maler hier eine Gruppe neureicher Kriegsgewinnler darstellt, die auf ihre prächtigen Profite anstoßen, während zur gleichen Zeit die einfachen Leute hungern und sterben mussten, kann man gut nachvollziehen, warum hinter den ahnungslosen Herrschaften schon ein garstiger Teufel mit Flügeln und Hörnern aus dem Abgrund hochkrabbelt, um sie zu holen.

Plötzlich aber bekommt der Betrachter fast eine Genickstarre: Da stehen doch alte Bekannte. Den dickleibigen Glatzkopf in Anzug und Fliege, der genüsslich seine Zigarre schmaucht, kennt man aus den Geschichtsbüchern. Unverkennbar ähnelt er Winston Churchill. Doch es kommt noch dicker. Direkt neben Churchill steht ein dunkel gekleideter Mann, das Haar seitlich streng gescheitelt, ein schwarzes Bärtchen über der Oberlippe, den rechten Arm krampfhaft in der Jacke verschränkt. Das ist unverkennbar Adolf Hitler, der wie ein Oberbuchhalter mit leerem Blick durch einen Zwicker in die Ferne schaut. Was geht hier vor?

Im Zweiten Weltkrieg hatten die Eheleute Rösch ihren einzigen Sohn Georg verloren, der am Weihnachtstag 1942 in Russland gefallen war. Aus Kummer, deutlich gemischt mit Verbitterung, gaben die frommen Leute ein Deckenfresko für die Dorfkirche in Auftrag. 4000 Reichsmark zahlten sie dem Wangener Maler August Braun dafür, eine ungeheure Summe, für die ein Fabrikarbeiter zwei Jahre hätte arbeiten müssen. Entstanden ist ein Gemälde, das künstlerisch gewagt und kunsthistorisch in Deutschland wohl einzigartig ist. Theologisch ist es hoch spannend und birgt reichlich Sprengstoff für Debatten, in denen man sich gerne den Kopf heiß reden möchte. Tatsächlich ist die Deutung des Freskos bis heute heftig umstritten.

Der Kirchenführer spricht vorsichtig lediglich von „modernen Atheisten, Interessenlosen und Genussmenschen“. Ganz anders dagegen der Stadtarchivar Michael Barczyk, der in dem Gemälde ohne Zweifel eine Anspielung auf Hitler erkennt und August Brauns Fresko in der Rötenbacher Pfarrkirche als „Zeichen des passiven Widerstands“ gegen das Hitler-Regime interpretiert, als versteckten antifaschistischen Protest.

Den Führer in die Hölle zu stecken, das bedeutete im Dritten Reich Lebensgefahr. Schon für kleinere Schmähungen, selbst für Witze wurden die Urheber an die Front geschickt oder verschwanden im Konzentrationslager. Wie konnte der Maler mit einer solch ungeheuren Attacke davonkommen? Warum blieb die Subversion unbemerkt? „Rötenbach - das ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Die Rötenbacher haben zusammengehalten“, begründet der Altbürgermeister Konnes die Tatsache, dass der Maler nicht denunziert wurde. Vielleicht aber lag es auch einfach daran, dass der NSDAP-Ortsgruppenleiter nie die Kirche besuchte.

Foto des Fresko bei Flickr

Martin Glauert

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