Rollenkämpfe

Familiendrama aus Nigeria
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"Szenen einer Ehe" in Afrika, die berühren, fesseln und nachwirken.

Ein Romandebüt, das in 16 Sprachen übersetzt wird: Wenn das einer jungen Autorin gelingt, liegt auf der Hand, dass sie sowohl gut schreiben kann als auch einen Stoff gefunden hat, der länder- und kulturübergreifend von Bedeutung ist. In diesem Falle ist es die ungewollte Kinderlosigkeit von Yejide und Akin.

Die Autorin Ayobami Adebayo, Jahrgang 1988, beschreibt die Geschichte des jungen Paares, das im Nigeria der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts versucht, sich dem steten Zugriff der Herkunftsfamilien zu entziehen, die noch von Polygamie und traditionellen Rollenvorstellungen geprägt sind. Und für die Kinderlosigkeit eine Schande darstellt, der mit allen Mitteln begegnet werden muss. Mehr oder minder wohlmeinende Tipps, emotionaler Druck, verletzende Worte, magische Rituale - alles muss die junge Frau Yejide, deren leibliche Mutter bei ihrer Geburt verstarb, von ihren Schwieger- und Stiefmüttern ertragen.

Sie versucht sich mit „millionenfachem Lächeln“ dagegen zu wappnen: „dem Vergebt-mir-Lächeln, dem Habt-Mitleid-Lächeln und dem Ich-vertraue-auf-Gott-Lächeln. Mit jedem nur erdenklichen Lächeln, das man braucht, um einen Nachmittag mit einer Gruppe von Menschen zu überstehen, die vorgibt, nur das Beste für einen zu wollen, während sie mit einem Stock in offenen Wunden stochert“. Dass es der Familie gelingt, Akin zur Heirat einer weiteren Frau zu überreden, ist nur der erste Akt eines Dramas, das sich einer antiken Tragödie gleich entwickelt und in der alle Versuche, der Katastrophe zu entkommen, nur neue Verstrickungen in Schuld und Lüge nach sich ziehen. Selbst die Geburt dreier Kinder retten das Paar und seine Liebe nicht aus diesem Strudel. Denn sie alle leiden an einem genetischen Defekt, der so genannten Sichelzellenanämie, die zu einer veränderten Form der roten Blutkörperchen führt. Die Krankheit, die vor allem Menschen aus Zentral- und Westafrika und dem östlichen Mittelmeerraum betrifft, führt in vielen Fällen zum Tode.

Das alles beschreibt die in Nigeria lebende Adebayo in sensibler, bisweilen poetischer Sprache. Dabei kann sie nicht nur auf ihr Talent, sondern auch auf eine fundierte Ausbildung zurückgreifen. Sie studierte Englische Literatur und Kreatives Schreiben unter anderem bei Margaret Atwood und Chimamanda Ngozi Adichie, einer der modernen feministischen Autorinnen aus Afrika.

Sicher legt Adebayo auch deshalb in ihrem Roman den Fokus auf die Frauen und die ihnen zugeteilten Rollen, lässt den Leser mitleiden im Kampf der starken Yejide gegen die Vereinnahmungsversuche. Doch sie wagt den Blickwechsel, schreibt immer wieder auch aus der Perspektive des Mannes Akin, der selber den alten Rollenvorstellungen entkommen will, aus Verzweiflung zu ungewöhnlichen Mitteln greift, die jedoch schlimme Konsequenzen haben.

Aber er bleibt im Grund ein sensibler, reflektierender Mann, dem Adebayo glaubhaft Sätze wie diese zuteilt: „Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe.“

Der Übersetzung durch Maria Hummitzsch angesichts solcher schönen Worte zu verzeihen, ist der doch missglückte Versuch, immer wieder nigerianischen Slang abzubilden: „Brother Akin... Bei allem nötigen Respekt-o, aber was du da redest, ist völliger Quatsch.“ Darüber gilt es hinwegzulesen, denn die Geschichte, die bei aller persönlichen Tragik auch noch vor dem Hintergrund steter politischer Unruhen spielt, berührt, fesselt und wirkt nach. Und - es ist nach all den familiären Katastrophen kaum zu glauben - sie endet nicht hoffnungslos.

stephan kosch

Stephan Kosch

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