Geweitete Perspektive

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten in den kommenden Wochen stammen von Traugott Schächtele. Er ist Prälat in Schwetzingen.

Wahre Freiheit

16. Sonntag nach Trinitatis, 16. September

Siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.(Apostelgeschichte 12,7)

Spannend wie ein Krimi liest sich diese Geschichte. Sie schildert bis ins Detail eine Häftlingsbefreiung. Der Gefangene ist in Ketten gelegt worden. Ein Bewacher links. Ein Bewacher rechts. So ist jede Hoffnung auf ein Entkommen vergeblich. Trotzdem geschieht die Befreiung - und zwar auf so abenteuerliche Weise, dass nicht einmal derjenige, um den es geht, seiner Erfahrung traut. Petrus, der ansonsten eher ein Haudegen ist, hält seine Befreiung für einen Traum.

Dabei verbirgt sich hinter der abenteuerlichen Erzählung eine lupenreine Nachfolgegeschichte. Die neue Freiheit, die erlangt wird, ist größer als die, die das Volkslied „Die Gedanken sind frei“ beschwört. Denn sie wird als eine grundsätzliche Verwandlung erlebt, ja geradezu als eine Umkehrung der Lebensverhältnisse. Da fallen die Ketten wirklich zu Boden.

Voraussetzung dafür ist aber die Bereitschaft aufzustehen und aufzubrechen. Auch die Evangelien berichten ein ums andere Mal, wie sich für einen Menschen die Welt ändert. Und zwar wird denen, die auf irgendeine Weise gebunden sind, fast immer gesagt: „Kehre um! Steh auf! Nimm dein Bett und wandle! Verlasse deine enge Welt! Denn ohne den konkreten Aufbruch bleibt alles beim Alten!“ Ich kann mir die Welt natürlich schönreden. Aber sie wird dadurch kein Jota besser.

Selbst der fromme Petrus wird ja nicht in einer Sänfte aus dem Knast getragen. Er wird vielmehr in die Seite gestoßen, soll seinen Mantel anziehen und aufstehen. Erst dann fallen die Ketten. Schon beim Lesen werde ich in diese Geschichte so hineingenommen, dass sogar der Anführer der Befreiungsaktion - ein Engel - für mich ganz real zum Befreier wird. Womöglich hatte ja ein heimlicher Sympathisant der Jesusbewegung die Freiheit einer ihrer zentralen Führungsfiguren bewirkt (Engel müssen jedenfalls nicht Wesen mit Flügeln sein).

Dann wäre nicht nur die wiedererlangte Freiheit eine handfeste Erfahrung, sondern schon die ganze Befreiungsaktion selber. Dann wären dem Petrus diejenigen zum Engel geworden, die ihn unter Einsatz ihres Lebens aus einer lebensgefährlichen Lage befreit hätten. Auch diese Menschen hätten sich auf den Weg gemacht und ihrer Freiheit Gestalt verliehen.

Und die Freiheit, die aus dem Glauben an den Gott des Jesus aus Nazareth kommt, hätte sich einmal mehr als Aufstand aus den Kerkern unterschiedlichster Spielart erwiesen, auch aus denen im wörtlichen Sinn. Was für eine atemberaubende Kettenreaktion!

Wahre Knechte

17. Sonntag nach Trinitatis, 23. September

Ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde. (Jesaja 49,6)

Ein Sendungsbewusstsein ist der Figur, von der in Jesaja 49 die Rede ist, nicht abzusprechen. Auch wenn bis heute niemand mit Sicherheit sagen kann, wer sich hinter ihr verbirgt. Als „Knecht Gottes“ charakterisiert sie sich selber. Vielleicht erfüllt sie ihren Auftrag ja gerade dadurch, dass sie eine Platzhalterrolle einnimmt. Indem sie einlädt, selber diese Rolle einzunehmen und die Welt so ein klein wenig besser zu machen. Gefährlich ist das allemal.

Heute schlüpfen fast zu viele in diese Hülle. Selbsternannte Weltverbesserer und Weltveränderer, deren erster Programmpunkt immer „ich“ und „zuerst“ heißt. Ihre Sendung endet immer an der Grenze zu denen, die anders sind als sie. Heil bedeutet für sie gerade nicht das Glück der anderen, sondern ihr eigenes Wohlergehen.

Hier liegt das entscheidende Kriterium für die Unterscheidung der „wahren“ und der „falschen“ Gottesknechte und -mägde, der exklusiven von den inklusiven.

Die Aufgabe, die der besonderen und rätselhaften Figur des Gottesknechtes zugemutet wird, ist von einer göttlichen Globalisierung geprägt, die sich auf „alle Völker“ richtet. Sie weitet ihren Aktionsradius auf die ganze Erde aus. Und ihr verdanken auch wir unseren Platz in diesem Integrationsprojekt. Der Radius geht weit über die ursprüngliche Gruppe derer hinaus, die aus dem babylonischen Exil heimgekehrt sind und von denen Jesaja erzählt.

Wenn wir alle Priesterinnen und Priester sind, könnte die Rolle, im Auftrag Gottes die Welt zu entgrenzen und Konflikten ihre zerstörerische Brisanz zu nehmen, doch allen Menschen gleichermaßen auf den Leib geschrieben sein. So ermöglicht eine geweitete Perspektive die beglückende Erfahrung, die die ganze Welt in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Leerer Platz

18. Sonntag nach Trinitatis, 30. September

Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt?

(Jakobus 2,5)

Bei Empfängen und Festgottesdiensten hält man mir als Vertreter der badischen Landeskirche immer wieder einen Platz in der ersten Reihe frei, zusammen mit anderen, die Kirchen und öffentliche Einrichtungen vertreten und auf deren Erscheinen die Veranstalter stolz sind. So wird augenfällig, auf wen es, auch bei kirchlichen Empfängen und Festakten, anscheinend ankommt.

Mir ist das meist peinlich. Und ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn auch der Schreiber des Jakobusbriefes eingeladen wäre. Er käme wahrscheinlich schnell zu der Einsicht, dass seine Kritik bis heute wenig gefruchtet hat.

Die Zettel mit der Aufschrift „Reserviert“ liegen nur auf den Stühlen der ersten Reihen. Sollen sie sich doch hinten um die restlichen Plätze balgen. Dabei hat schon Jesus ziemlich deutlich darauf hingewiesen, dass für die Reichen im Himmel keine Plätze vorgehalten werden. Und die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat diesen Gedanken mit ihrer „Option für die Armen“ noch einmal unterstrichen.

Kaum einen anderen Gedanken aus der Botschaft der ersten Christen versuchen wir mit mehr Aufwand zu relativieren oder gar außer Kraft zu setzen. Kein anderer Satz der Bibel läuft uns ähnlich gegen den Strich wie der des Jakobus. Dabei erweist sich gerade am Umgang mit den Armen, ob wir am Ende, wenn’s um den Zugang zur Welt Gottes geht, außen vor sind oder nicht. Jesus verweist aber darauf, dass es noch eine Art Gnadenzugang gibt: Was bei den Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott. Und Jakobus argumentiert ähnlich. Bei ihm heißt es: Barmherzigkeit geht über das Gericht. Anders gesagt: Was wir uns mit den Tücken des materiellen Besitzes verbauen, lässt sich über die Barmherzigkeit außer Kraft setzen - aber nur dann, wenn wir uns die Einsicht Martin Luthers zueigen machen: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“

Dem Zwang, in der ersten Reihe zu sitzen, entziehe ich mich bisweilen einfach dadurch, dass ich mich zwischen den anderen verberge, die den Gottesdienst mitfeiern oder bei dem Empfang zu Gast sind. Da fühle mich meist wohler. Und ein anderer, der zu spät kommt, freut sich vielleicht über den leeren Platz, den er vorne vorfindet. Wenn ich dann von den Einladenden doch noch entdeckt werde, entsteht eine heilsame Irritation. Und die ist manchmal nachhaltiger als viele Worte einer Predigt.

Brisantes Fest

Erntedank, 7. Oktober

Alles was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. (1. Timotheus 4,4)

Diese Aussage ist eigentlich viel mehr als eine Verstehenshilfe für das Erntedankfest. Vielmehr enthält sie in komprimiertester Form eine kleine Ethik. Es geht um die zentrale Unterscheidung von Gut und Böse. Mehr noch: Das Böse ist zunächst gar nicht im Spiel. Denn am Anfang ist alles gut. Weil am Anfang nur Gott ist.

Ein gefährlicher Befreiungssatz ist das. Ich muss mich in der Welt nicht ängstlich in vermeintlich sichereren Zonen einrichten. Alles ist mir erlaubt, alles ist möglich. Das ist sozusagen die biblische Variante des „Yes, we can!“ Mit einer einzigen Einschränkung: Ich muss dankbar sein können für das, wovon ich Gebrauch machen und was ich für mich nutzen möchte.

Da stellt sich die Beziehung zum Erntedankfest dann ganz von alleine ein. Dankbar sein für Nahrung, die genmanipuliert ist - das muss ich nicht. Dankbar sein für Produkte, die irgendwo auf unserem Planeten in Monokulturen angebaut werden, während die einheimische Bevölkerung hungert, weil keine Anbauflächen für ihre Nahrung zur Verfügung stehen - das muss ich nicht. Dankbar sein für stabile Preise auf den Weltmärkten, weil die Anbaumenge künstlich begrenzt gehalten wird oder Getreide und Früchte einfach entsorgt werden - das kann und darf ich nicht. Die Möglichkeit zum ehrlichen Dank als Qualitätssiegel meines Tun und Lassens ist doch kein schlechtes Kriterium, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Was für mich im Kleinen funktioniert, taugt auch im Großen. Wenn ich nur auf den Vorteil meiner Nation, meines Landes, meines Wirtschaftsraums aus bin und damit kurzfristig Erfolg habe, ist das kein Anlass zur Dankbarkeit. Denn wahrer Dank kann nicht den eigenen Vorteil im Blick haben, sondern die gelungene Balance der weltweiten Gerechtigkeit. Und darum ist Erntedank auch nicht einfach nur ein Fest für erfolgreiche Schrebergartenbesitzer und damit eine moderne Variante antiker Erntefeste. Es ist ein hochpolitisches Fest, bei dem das Wohlergehen und der Frieden, der Schalom, der ganzen Schöpfung im Blick sind. Und damit ist es womöglich das brisanteste Fest im Kirchenjahr überhaupt.

Traugott Schächtele

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