Wahrhaftigkeit und Wagemut

Auf dem Weg zu einer erneuerten liberalen Theologie
Martin-Luther-King-Denkmal in Washington. Der Bürgerrechtler war ein liberaler Theologe. Foto: AP Photo/J. Scott Applewhite
Martin-Luther-King-Denkmal in Washington. Der Bürgerrechtler war ein liberaler Theologe. Foto: AP Photo/J. Scott Applewhite
An evangelisch-theologischen Fakultäten Deutschlands ist seit einiger Zeit eine Renaissance der liberalen Theologie zu beobachten. Dabei geht es nicht nur um eine große Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft einer theologischen Strömung, die für den Protestantismus und darüber hinaus wichtig ist.

Im Christentum, Judentum und Islam gibt es theologische Strömungen, die sich selber „liberal“, „progressiv“ oder „modern“ nennen oder von anderen so bezeichnet werden. Bei allen Unterschieden sind sie darin einig, dass die heiligen Schriften ihrer Religionen nicht vom Himmel gefallen sind, sondern sich in einer bestimmten Zeit entwickelt haben. Und dasselbe gilt für Dogmen und Riten. Weil religiöse Traditionen historisch gewachsen sind, ist also historisches Denken und Wissen nötig, um sie zu verstehen.

Die historisch-kritische Erforschung der Bibel und der kirchlichen Traditionen ist im westlichen Christentum kein liberales Alleinstellungsmerkmal mehr. Aber liberale protestantische Theologen verteidigen besonders die Religiosität des Einzelnen gegen jeden Zwang von außen. Und sie würdigen auch Religiosität am Rand und außerhalb der Kirche.

Liberale Theologen sind sich der Grenzen menschlicher Erkenntnis und damit der Relativität aller religiöser Überzeugungen bewusst. „Gott selbst übersteigt unser Verstehen und Fühlen“, hat Jörg Lauster, der an der Evangelisch-Theologischen Fakultät München Systematische Theologie lehrt, vor der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Bayern hervorgehoben. Die „verschiedenen religiösen Auffassungen“ sind für ihn „Perspektiven auf die göttliche Wahrheit“. Und liberale Theologie trete Personen und Gruppen entgegen, die beanspruchen, „die Wahrheit des Christentums ganz allein vertreten zu können“.

An der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität München, die vor 50 Jahren den Lehrbetrieb aufnahm, hat die liberale Theologie eine stärkere Rolle gespielt als anderswo. Daher lag es nahe, dass sie im Sommer einen Kongress über „Liberale Theologie heute“ veranstaltete. Und das Thema sollte auch kritisch reflektiert werden. Das tat Isolde Karle, die an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum Praktische Theologie lehrt: Sie lobt, dass sich liberale Theologie um ein Verständnis und eine Darlegung des Christentums bemüht, die „den intellektuellen Herausforderungen“ der Moderne „gerecht wird“. Und hinter diese Errungenschaft dürfe es „theologisch kein Zurück geben“. Als „Gewinn und zentrale Horizonterweiterung“ betrachtet die Professorin für Praktische Theologie auch das Bemühen, „das diffus Religiöse“ außerhalb der Kirchen „wertzuschätzen“, mit denen zu sprechen, die es pflegen, und nach Anschlüssen an die christliche Tradition zu suchen.

Karle begrüßt, dass sich liberale Theologie im Bereich von Kirche und Religion für „die Freiheit des Individuums“ einsetzt. Aber mit der Wertschätzung individueller Religiosität gehe oft eine Unterschätzung der Kirche und ihrer Ortsgemeinden einher. Dabei bildeten diese „einen Rahmen für die individuelle gelebte Religiosität“. Das Christentum wäre „ohne kirchliche Praxis“ gar „nicht überlebensfähig“. In den Ortsgemeinden werde der Glaube „alltagsnah“, durch die Begegnung unterschiedlicher Menschen und ein vielfältiges ehrenamtliches Engagement, zum Beispiel für Flüchtlinge.

Die liberale Theologie sieht Karle in der Gefahr, bei der Betonung der individuellen Religiosität zu übersehen, dass diese sich „nur in einem kommunikativen Kontext entfalten kann“, zum Beispiel in der Kirche. Religion brauche besondere Orte und Zeiten, „eine markante Physiognomie“, wie das Friedrich Schleiermacher (1786-1834) ausgedrückt habe, auf den sich liberale evangelische Theologen berufen. Karle forderte diese auf, sich nicht nur kritisch mit den biblischen Erzählungen auseinanderzusetzen, sondern „von dort her neue Anregungen“ für eine bildhafte, erfahrungsgesättigte Sprache zu „gewinnen“. Denn liberale Theologie drohe sich oft „in blutleeren Abstrakta“ zu verlieren. Sie solle ihre „Angst vor einer nicht restlos aufgeklärten Theologie“, zum Beispiel vor anthropomorphen Gottesvorstellungen, überwinden. Gott sei eben „nicht nur ein prinzipielles Symbol für Unverfügbarkeit, sondern Adressat für Gebete und Hoffnungen, für Dankbarkeit und Klage“.

Nur für Männer

Karle beklagte in München auch, dass die liberale Theologie bei ihrer Bemühung um die Freiheit des Individuums „auf halbem Wege stehen geblieben ist“. So hätten ihre Vertreter über der „Freiheit des männlichen Bildungsbürgers“ die Freiheit von Frauen vergessen, von Lesben und Schwulen und anderen marginalisierten Gruppen der Gesellschaft.

Ebenfalls kritisch äußerte sich in München Klaus von Stosch. Der römisch-katholische Theologieprofessor, der an der Universität Paderborn tätig ist, pflegt den Dialog mit dem Islam. Gemeinsam mit seinem liberalen muslimischen Kollegen Mouhanad Khorchide, der in Münster lehrt, hat er ein Buch über „Jesus im Koran“ geschrieben. Von Stosch vertritt eine Komparative Theologie, die das Bezeugen des eigenen Glaubens mit dem interreligiösen Dialog verbindet. Und das erfordere, „niemals zu denken, dass ich das Wort Gottes schon ganz verstanden habe“. Diese Aussage ähnelt derjenigen, die der liberale Protestant Lauster vor der bayerischen ack machte. Und von Stoschs Kritik an der liberalen Theologie berührt sich mit der von Isolde Karle. Er möchte, wie er in München betonte, die „Liberalisierung der liberalen Theologie“ befördern. So wendet sich von Stosch dagegen, die Religiosität des Individuums gegenüber dem Äußeren zu „privilegieren“. Dieser Einwand dürfte die Wertschätzung des katholischen Theologen für die Institution Kirche, ihre Traditionen und Riten spiegeln und Einsichten aus dem Dialog mit dem Islam, für den „Äußeres“ - der Koran, Gebetszeiten und andere religiöse Vorschriften und Bräuche - ebenfalls wichtig ist.

Von Stosch warnte auch davor, das eigene Denken zu „verabsolutieren und universalisieren“. Dieser Gefahr waren liberale evangelische Theologen zumindest zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlegen. Sie verstanden ihren Protestantismus als höchste Stufe der Religionsgeschichte. So meinte der angesehene liberale Kirchenhistoriker Karl Heussi (1877-1961) in seinem Lehrbuch der Kirchengeschichte, die „häretischen orientalischen Nationalkirchen“ seien „fast durchweg in völlige Barbarei versunken“. Nur die Armenier stünden „auf einer höheren Kulturstufe“. Und US-Missionaren „gelang die Protestantisierung von 40?000 Armeniern“, schrieb Heussi triumphalistisch.

Für Professorin Karle hat die liberale Theologie bei marginalisierten Gruppen der Gesellschaft einen blinden Fleck. Da unterscheide sich Deutschland von den USA, unterstrich in München Gary Dorrien, der den Reinhold-Niebuhr-Lehrstuhl am angesehenen Union Theological Seminary in New York innehat. In den USA hätten liberale Theologen, die soziologisch und politisch beschlagen und zugleich im Evangelium verwurzelt waren, „gospel-centered modernists“, die Bewegung des Social Gospel geprägt. Unter Berufung auf das Evangelium wollten sie Menschen von Armut und Diskriminierung befreien und ihnen ein Leben in Freiheit ermöglichen. Diese Spielart liberaler Theologie beeinflusste auch den vor 50 Jahren ermordeten Pfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King. Der Nietzschespezialist Andreas Urs Sommer, der an der Universität Freiburg im Breisgau lehrt, zeigte sich in München verwundert darüber, dass liberale Theologen Martin Luther und die Reformation einfach als Autorität anerkennen. Der Kulturphilosoph forderte die liberalen Theologen zu mehr „intellektuellem Wagemut“ auf. Und er erinnerte daran, dass im 19. Jahrhundert die evangelischen Kirchen seiner Schweizer Heimat unter liberalem Einfluss die Bindung an das Apostolische Glaubensbekenntnis (Apostolikum) abgeschafft haben.

In Deutschland ist das nicht gelungen. Als Legenden bezeichneten zwei liberale Berliner Pfarrer 1871/72 das „geboren von der Jungfrau Maria“ und das „niederfahren zur Hölle“ (seit 1970: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“), das das Apostolische Glaubensbekenntnis Jesus Christus zuschreibt. Weil einer der beiden Geistlichen, Emil Lisco (1819-1887), das Apostolikum nicht mehr im Gottesdienst verwenden wollte, wurde er aus dem Pfarrdienst entlassen. Und 1891 erging es seinem württembergischen Kollegen Christoph Schrempf (1860-1944) genauso. Daraufhin wollten Berliner Theologiestudenten den Preußischen Oberkirchenrat mit einer Petition auffordern, die Pflicht zum Gebrauch des Apostolikums abzuschaffen. Sie baten Adolf von Harnack (1851-1930), den bedeutenden Vertreter der liberalen Theologie, um Rat. Von einer Petition riet er ab, schlug aber öffentlich vor, die Kirchenleitung solle Geistlichen, die es möchten, ein zeitgemäßes Glaubensbekenntnis für den Gottesdienst anbieten.

Der Konflikt, der bis heute schwelt, macht deutlich, wie wichtig liberalen Theologen „Wahrhaftigkeit“ war. Sie wollten keine überkommenen Formeln und Formulierungen gebrauchen, hinter denen sie nicht standen. Das galt auch für die Auslegung der Bibel, im Hörsaal wie in der Kirche. Der Neutestamentler Rudolf Bultmann (1884-1976) löste sich nach dem Ersten Weltkrieg von der liberalen Theologie. Aber er blieb ihr zeitlebens dankbar. „Wir hätten keine Theologen werden oder bleiben können, wenn uns in der liberalen Theologie nicht der Ernst der radikalen Wahrhaftigkeit begegnet wäre“, erinnerte sich Bultmann später. Die traditionelle Universitätstheologie empfanden er und seine Freunde „als einen Kompromißbetrieb“, den sie nur als „innerlich gebrochene Existenzen“ überlebt hätten. In der liberalen Theologie habe dagegen eine „Atmosphäre der Wahrhaftigkeit“ geherrscht, „in der wir allein atmen konnten“. Dieses Erbe der liberalen Theologie pflegen heute aber auch evangelisch-theologische Fakultäten, die anders geprägt sind.

Einseitiges Urteil

Liberale Protestanten engagierten sich im 1890 gegründeten „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. Und Adolf von Harnack unterstützte dessen Bestrebungen. Aber in seinen 1899/1900 gehaltenen Vorlesungen über Das Wesen des Christentums verzeichnete er das Judentum zur Zeit Jesu als erstarrte Gesetzesreligion, aus der sein Held, Jesus, „rein und kraftvoll“ heraustritt. Leo Baeck (1873-1956), der bedeutende Vertreter des liberalen Judentums, reagierte 1905 mit dem Buch Das Wesen des Judentums. Er gab von Harnack den Rat, „nicht die eigene Religion nach ihren edelsten, reinsten und höchsten Elementen zu beurteilen, das Judentum dagegen nach gelegentlichen Auswüchsen und zeitweiligen inferioren Erscheinungen“.

Obwohl die beiden großen Gelehrten in derselben Stadt, in Berlin lebten, suchten sie nie das direkte Gespräch. Sie trafen sich nicht einmal im Cafe, um miteinander zu plaudern. Heute sind die Schwellen niedriger. Also sollte die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität München, oder eine andere, in absehbarer Zeit eine Konferenz veranstalten, bei der liberale Theologinnen und Theologen aus Christentum, Judentum und Islam ihre Gemeinsamkeiten ausloten und überlegen, wie sie dem Fundamentalismus widerstehen.

Jürgen Wandel

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