Poetisches Maß

Lehnert: Neue Gedichte
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Lehnerts Gedichte sind Zeugnisse einer Anverwandlung, wie sie sich poetisch ereignen und in der Wandlung des Gebets wirklich werden kann.

Diese Gedichte von Christian Lehnert sind keine Verse über die Natur, sie wurden auch nicht in „einer natürlichen Sprache“ geschrieben, sie sind vielmehr von Natur aus Poesie. Der Lyriker Christian Lehnert weitet gleich eingangs seines neuen Gedichtbandes Cherubinischer Staub mit Zweizeilern aus dem Wörterbuch der natürlichen Erscheinungen die Natur zur Poesie.

Trotz der Bezüge zu dem Philosophen und Mystiker Jakob Böhme (1575-1624) intendiert er aber mit diesen auf hundert Seiten ausgebreiteten Gedichten alles andere als einen theologisch gedachten und mystisch gemeinten Lauschangriff auf die Natur. So heißt es im Gedicht „Wandlung“: „Der graue Schnee zerrinnt, er nährt den Schlamm, er dringt/ins Erdreich ein und lauscht, wie jede Pore klingt.“ Hier lauscht die Natur auf sich selbst. Im Kapitel „Baumgespräche“ beginnen sogar die Bäume zu sprechen: Junge Buchen klagen darüber, wie ihnen der Vaterbaum das Licht nimmt. Doch es keimt Hoffnung: „Warte noch! Niemand weiß, wann plötzlich die Herbststürme greifen./ Über dir hängt die Zeit.... Der Wind muss erst den Weg öffnen für die Sonne, die den kleinsten Baum erkennt und zum Heranwachsen erwählt.“

Indessen ist dieses Gedicht keine Regression in eine literarisch höchst riskante Märchenwelt, sondern eine geschickte Übertragung der Metapher des griechischen Dichters Pindar (517-438 v. Chr. ) von der Hängenden Zeit in die Pflanzenwelt. Die Vermenschlichung der Natur wird hier gerade poetisch möglich durch die aufscheinende Einsicht des Menschen und seiner Natur, dass wir mit der gesamten Schöpfung auf die Erlösung warten.

Lehnerts Gedichte sind somit Zeugnisse einer Anverwandlung, wie sie sich poetisch ereignen und in der Wandlung des Gebets wirklich werden kann.

Im Gedicht „Morgenandacht“ der Füchsin an der Autobahn sucht ein Raubtier Aas am Rand des schwarzen Asphalts. Der unentwegte Verkehr wird ihm zur unbegreiflichen jagenden Herde. Die Füchsin lauscht in ihrer Andacht Motoren, höherem Atem. Prägnant markieren in Lehnerts Gedichten Autobahnen den Weg von der ersten in die zweite Natur, in die unerlöste Zivilisation.

Damit kommen sie nie zeitlos daher, sondern sind stets auf der Höhe der Zeit: In der Elegie an den Baal von Palmyra erkundet Lehnert den Ort, an dem der IS eine Gegend der ehemals religiösen Verehrung durch eine brutale Sprengung auf einen Geländegewinn reduziert, eine Sprengung, die noch von Tauben gehört werden konnte. Lehnert löst aber den Zeitbezug seiner Gedichte nicht in Aktualität und formale Beliebigkeit auf. Seine Gedichte wahren die Form und kennen poetisches Maß. Viele sind in Paar- und Kreuzreimen und in anspruchsvolleren klassischen Formen geschrieben.

Doch verschwindet etwa bei den Sonetten auf ein böhmisches Flurkreuz das poetologische Kalkül ganz hinter der rhetorischen Gegenwart dieser Salven an die Glieder Christi. Hier ist kein literarischer Raum für religiös gemeinte „Bedeutungshuberei“ vor einem Kruzifix, sondern ein Sich-Aussetzen des Betrachters, der es riskiert, dass ihm die Worte fehlen.

Auch die einfachste literarische Form, ein schlichter Paarreim, wahrt im Gedicht Dorfkirche die verblüffende Konvergenz von Inhalt und literarischer Form:

„Gebunden und gepflockt, der Gott grast stumm im Tal./ So wird der Turm genannt: der aufgestellte Pfahl.“

Für den hermeneutischen Zusammenhang zwischen der Glaubenserfahrung und ihrer literarischen Gestalt im interpretierenden Danach gilt bei diesen Texten durchweg: Vom Flügelschlag der Cherubim wie der Falter bleibt nur der Staub.

Friedrich Seven

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