Elefant im Münster

Neue Herausforderungen für Europas Protestanten
Die Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) tagte im Basler Münster.  Foto: Oliver Hochstrasser
Die Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) tagte im Basler Münster. Foto: Oliver Hochstrasser
Einwandererkirchen, die keiner evangelischen Konfession zuzuordnen sind, haben die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) bei ihrer Vollversammlung beschäftigt, die vom 13. bis 18. September in Basel tagte. Angesprochen wurde auch der wachsende Nationalismus in Europa.

Auf dem Hügel über dem Rheinknie, wo der Hochrhein in den Oberrhein übergeht, thront das Basler Münster. Die Aussicht von der „Pfalz“, der Terrasse hinter dem Chor, beschrieb der badische Theologe und Dichter Johann Peter Hebel um 1806 in einem Gedicht, das zu Basels Stadthymne geworden ist: „Uf der Basler Pfalz, alle Lyte gefallt’s. O, wie wechsle Berg und Tal, Land und Wasser iberal.“ Schaut man von der Pfalz hinunter zum Rhein, sieht man am anderen Ufer Kleinbasel, das früher das Viertel der kleinen Leute war. Hebt man die Augen, wandert der Blick zum Wiesental, Hebels Heimat, die zu Deutschland gehört. Und am Horizont taucht der Schwarzwald auf. Nur der Blick nach links, ins Elsass, wird von Betonklötzen der chemischen Industrie verstellt.

Schon die Lage im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Schweiz sprach dafür, eine Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in Basel abzuhalten. Aber es gab auch historische Bezüge. Im Münster begann 1431 das Basler Konzil, das 1449 zu Ende ging. 1432 bestätigte es den Beschluss des Vorgängerkonzils in Konstanz, wonach auch der Papst einem Konzil „gehorchen“ müsse. Und 1439 wurde die Schrift Reformatio Sigismundi diskutiert, deren anonymer Verfasser die Abschaffung des Pflichtzölibats für Pfarrer forderte.

Weil im Basler Münster keine Bänke mehr stehen, konnte es so umgestaltet werden, dass die 96 Vertreter der 94 Mitgliedskirchen der GEKE einander an langen Tischen gegenübersaßen.

Gestärkte Zentrale

Michael Bünker erstattete zum letzten Mal seinen Bericht als Generalsekretär. Dieses Amt hatte der Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche Österreichs seit zwölf Jahren nebenher wahrgenommen. Im kommenden Jahr tritt der 64-Jährige als Bischof in den Ruhestand. Und seit dem Abschluss der Basler Vollversammlung hat die GEKE mit dem hessen-nassauischen Pfarrer Mario Fischer (42) erstmals einen hauptamtlichen Generalsekretär. Darüber hinaus wird die Zentrale der GEKE in Wien dadurch gestärkt, dass sie - in Anwendung des österreichischen „Protestantengesetzes“ - den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes erhalten hat.

In Bünkers Bericht tauchte erstmals ein „Elefant im Raum“ auf, wie man im Englischen sagt, wenn ein Problem angesprochen wird, das jeder kennt, aber dessen Verursacher man nicht nennt. So beklagte der Generalsekretär das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte in Europa und „die Rede von illiberaler Demokratie“. Eine solche propagiert bekanntlich Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban. Und der ist Mitglied der evangelisch-reformierten Kirche, die ihn, anders als die kleine evangelisch-lutherische Kirche Ungarns, stark unterstützt. Beide Kirchen waren in Basel durch einen Delegierten vertreten.

Der „Elefant“ tauchte bei der Vollversammlung mehrmals auf. Zum Beispiel in der Erklärung der GEKE zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Die Verfasser, zu denen der ungarisch-reformierte Ethiker Sandor Fazakas gehört, stellen fest, „in manchen Ländern“ würden „die Nachkommen der sog. Verlierer“ durch Generationen hindurch „um das verlorene kulturelle Erbe und um Territorialverluste trauern“.

Aber das ist nur in Ungarn der Fall. Jedenfalls dürfte kein Deutscher mehr um Eupen-Malmedy trauern, das seit 1925 zu Belgien gehört. Und die Österreicher haben sich damit abgefunden, dass Südtirol/Alto Adige eine italienische Provinz ist. Aber als indirekte Kritik der Orbanisierung kann man die Aufforderung des GEKE -Papiers verstehen, „die reformatorischen Kirchen in Europa sollten dort ihre Stimme erheben, wo das Verhältnis zur Vergangenheit instrumentalisiert wird“.

Am vierten Tag wurde die Arbeit der Vollversammlung wegen des „Eidgenössischen Dank-, Buß- und Bettags“ unterbrochen. Anders als der deutsche Buß- und Bettag ist er ein vom Staat verordneter Feiertag, der - praktisch und sparsam wie Schweizer sind - auf einen Sonntag fällt, den dritten im September. Und er wird in allen Kirchen gefeiert, nicht nur in den evangelischen.

Die Regierungen vieler Kantone verfassen zum Feiertag wie zur Zeit Gottfried Kellers Botschaften, „Bettagsmandate“. Die Regierung des Kantons Basel-Land beklagte in ihrem diesjährigen Bettagsmandat „die wachsende Grundaggression in der Gesellschaft“ und forderte, „Kirche und Staat sollten gemeinsam gegen Ausgrenzung sowie verbale und physische Gewalt antreten“.

Am Bettag lud der gastgebende Schweizerische Evangelische Kirchenbund Delegierte und Gäste der GEKE zu einem „Schweizertag“ ein, ließ Raclette und andere Spezialitäten des Landes reichen. Aber zuvor wurde im Münster eine evangelische „Jodel-Messe“ gefeiert: Ein Trachtenchor sang auf Schwyzerdütsch die Hauptteile der Messe wie das Gloria in excelsis: „Zur Ehr vom Höchschte Hallejua, da stimme mir das Lied jitz aa.“ Begleitet wurde der Chor von einer Ländlerkapelle aus zwei Klarinetten, „Schwyzerörgeli“ (ein kleines Akkordeon) und Bassgeige. Die Inbrunst der Singenden und Jodelnden und die Töne der Instrumente rührten den Reporter fast zu Tränen.

Die evangelisch-reformierten Kirchen der Schweiz hatten im 19. Jahrhundert die Verpflichtung abgeschafft, im Gottesdienst das Apostolische Glaubensbekenntnis zu verlesen (siehe zz 1/2013). Aber im Münster wurde es gesprochen, und die Gemeinde bekannte sogar den Glauben an die heilige „katholische“ Kirche. Das passte zur Internationalität, sprich: Katholizität der GEKE.

Deren Präsident, Pfarrer Gottfried Locher, und der Präsident des päpstlichen Einheitsrates, Kardinal Kurt Koch, unterzeichneten anschließend eine „Erklärung über die Absicht, einen gemeinsamen Dialog aufzunehmen“. Dies ist bemerkenswert, weil der Vatikan Lehrgespräche bisher nur mit den evangelischen Weltbünden geführt hat, nicht mit einem regionalen Zusammenschluss wie der GEKE. Dass gerade Locher und Koch eine ökumenische Erklärung unterzeichneten, hat auch eine symbolische Bedeutung. Der eine stammt aus dem überwiegend reformierten Kanton Bern, der andere aus dem Kanton Luzern, dessen Bewohner meist römisch-katholisch sind. Im Sonderbundskrieg von 1847 standen sich beide Kantone feindlich gegenüber.

Die rund 600 Gottesdienstbesucher, unter ihnen der Schweizer Außenminister Ignazio Cassis, erhoben sich und quittierten die Unterzeichnung der Absichtserklärung mit Beifall. Aber das Scheitern des Basler Konzils mahnt zu Nüchternheit und Geduld. Der Vatikan lehnt noch immer die Priesterehe ab, die schon vor fast sechshundert Jahren in Basel gefordert wurde. Gleichzeitig erinnert das Konzil daran, dass die absolute Herrschaft des Papstes nicht so alt und gottgegeben ist, wie römisch-katholische Traditionalisten behaupten. Bei dem angestrebten Dialog könne „ehrlich alles auf den Tisch kommen, auch die vielleicht unverhandelbar scheinenden Positionen“, sagte GEKE -Präsident Locher.

Dumpfer Ton

Während die Gottesdienstbesucher zum Abendmahlstisch gingen und ihnen nach reformierter Sitte Weißbrot gereicht wurde, erklang ein Alphorn. Sein dumpfer Ton erinnerte an das Nebelhorn eines Schiffes. Und das weckte Assoziationen an den Nebel, in dem „das Schiff, das sich Gemeinde nennt“, navigieren muss. So gehören in der Stadt Basel, die 1529 evangelisch wurde, nur noch 17 Prozent der Bevölkerung der reformierten Landeskirche an.18 Prozent sind katholisch und 47 Prozent konfessionslos. Anders als im benachbarten Kanton Basel-Land wurden Staat und Kirche im Kanton Basel-Stadt 1911 getrennt. Und so müssen die Kirchen ihre Steuern selber einziehen.

Bei der Vollversammlung der GEKE dominierten die Deutschsprachigen. Das liegt an der starken Präsenz der deutschen Landeskirchen und des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Außerdem wurden die Kirche von Schottland und die Vereinigte Protestantische Kirche Frankreichs von Auslandsdeutschen vertreten, und die Osteuropäer verstehen und sprechen Deutsch. Englisch spielt in der GEKE auch deswegen eine geringere Rolle, weil ihr die vier anglikanischen Kirchen Großbritanniens nicht angehören.

Alle Delegierten der Vollversammlung hatten eine weiße Hautfarbe. So fielen die zwei schwarzen Briten auf, die Grüße der „Cherubim-und-Seraphim-Kirche“ (Cherubim&Serphim Church) überbrachten. Exotisch wie der Kirchenname klingt für Mainstreamprotestanten auch die Amtsbezeichnung der beiden Männer: Special Apostle and General Secretary und Most Senior Apostle. Die 1925 gegründete Kirche, mit der die GEKE seit zwei Jahren das Gespräch pflegt, geht auf Visionen einer siebzehnjährigen Nigerianerin zurück. 1965 errichteten Einwanderer die ersten Gemeinden in Großbritannien. Dort gehört die Kirche ökumenischen Zusammenschlüssen an. Und sie ist auch Mitglied in der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und im Weltkirchenrat (ÖRK).

Eine Expertengruppe der GEKE, deren Bericht von der Vollversammlung „entgegengenommen“ wurde, empfiehlt, mit Einwandererkirchen, die für Gespräche offen sind, „Sondierungs-Dialoge“ zu führen. Dabei sollten sich die Teilnehmer kennenlernen, zentrale Fragen klären und Vertrauen aufbauen. Diese Dialoge unterscheiden sich von den Lehrgesprächen, die mit dem Vatikan geführt werden und die auch zur Gründung der GEKE geführt haben. Deren Grundlage ist die Leuenberger Konkordie, mit der lutherische, reformierte und unierte Kirchen 1973 ihre volle Kirchengemeinschaft besiegelten. 1997 kam die Evangelisch-Methodistische Kirche dazu.

Kirchen, die afrikanische Einwanderer nach Europa mitgebracht haben, gehören meist zu keiner klassischen evangelischen Konfessionsfamilie. So dürften sie mit dem Augsburger oder dem Helvetischen Bekenntnis fremdeln und - mit der historisch-kritischen Auslegung der Bibel.

Dem neuen Rat der GEKE, den die Basler Versammlung wählte, gehören aus Deutschland der bayerische Lutheraner Michael Martin, der reformierte Westfale Georg Plasger, die Thüringer Lutheranerin Miriam Rose und die unierte Rheinländerin Barbara Rudolph an. Dazu kommen von lutherischer Seite eine Dänin, ein Franzose, eine Österreicherin und eine Ungarin, jeweils ein Reformierter aus England, Italien und der Schweiz und ein irischer Methodist.

Der Rat bestätigte den Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes Gottfried Locher (52) in seinem Amt als GEKE -Präsident und stellte ihm den Cambridger Pfarrer John Bradbury (41) und die Jenenser Theologieprofessorin Miriam Rose (44) zur Seite.

Die Vollversammlung möchte, dass der neue Rat prüft, inwieweit die GEKE „Kirche“ ist. Dänemarks Lutheraner werden das mit Argusaugen verfolgen, warnen sie doch regelmäßig vor der Entwicklung der Vollversammlung zu einer „europäischen Synode“.

Der Rat soll auch einen Studienprozess zum Thema „Ethische Differenzen und Kirchengemeinschaft“ einleiten. Zur Brisanz dieses Themas gehören nicht nur Genderfragen und der Umgang mit Schwulen und Lesben, sondern die Aufforderung „über das evangelische Verständnis von Demokratie nachzudenken“. Auch das betrifft den „Elefanten im Raum“. Die „Regionalgruppe Südost“ der GEKE, der die ungarisch-reformierte Kirche angehört, „wird gebeten, sich an diesem Studienprozess zu ‚Demokratie als Herausforderung von Kirchen und Gesellschaften‘ durch Fallbeispiele aus dieser Region zu beteiligen“.

Konfliktstoff enthält auch das „Studiendokument zur Pluralität der Religionen“, das die Vollversammlung den Mitgliedskirchen „zum Studium“ empfohlen hat. In Basel war in einer Arbeitsgruppe die Aussage kritisiert worden, dass Gottes „radikale und universale Gnade, wie Jesus Christus sie repräsentiert und vermittelt, über die christliche Religion hinausreicht“, und Christen „aufgrund ihres Glaubens an Christus ,Gnadengestalten‘ (Tillich) in anderen Religionen entdecken“ könnten. Bischof Stein Reinertsen, der zum konservativen Flügel der lutherischen Staatskirche Norwegens gehört, fragte, ob er muslimischen Persern, die die Taufe begehren, sagen solle, dass „wir alle“ (das heißt: auch die Muslime) „an denselben Gott glauben?“ Die Arbeitsgruppe stimmte dem Papier mit 15 gegen fünf Stimmen zu.

Lokale Ebene

Mindestens so wichtig wie Personal-entscheidungen und die Themen, die in Basel diskutiert wurden, waren Begegnungen in den Sitzungspausen. Da konnte man einen lutherischen Pfarrer aus Schweden treffen, dessen Vater, einen ägyptischen Christen, es nach Schweden verschlagen hatte, wo er eine Einheimische heiratete. Der Sohn, der in Cambridge studiert hat, spricht BBC-Englisch. Oder man kam mit einem reformierten Pfarrer aus Polen ins Gespräch, der in Heidelberg studiert hat und akzentfrei Goethes Faust rezitieren kann.

So - und durch andere Delegierte - ließ sich die Universalität oder Katholizität der Kirche in Basel unmittelbar erleben. Nun können nur wenige Protestanten an einer internationalen Kirchenkonferenz teilnehmen. Umso wichtiger ist, dass zum Beispiel deutsche Kirchengemeinden Partnerschaften mit ausländischen eingehen. So würde auf lokaler Ebene beherzigt, was GEKE -Präsident Gottfried Locher, der auch Herausgeber von zeitzeichen ist, in seiner Bettagspredigt gesagt hat: „Wenn die politische Union in Frage gestellt wird, kommt der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa noch mehr Bedeutung zu.“

Jürgen Wandel

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