Eigentümliches Verhältnis

Über den christlichen Weg zur Wahrheit
Eleanor Fortescue Brickdale (1871-1945): „Truth and Fiction“, 1915.  Foto: akg-images
Eleanor Fortescue Brickdale (1871-1945): „Truth and Fiction“, 1915. Foto: akg-images
In der Oktoberausgabe von zeitzeichen entwickelte Dietrich Korsch den Wahrheitsbegriff, indem er philosophische Kategorien zu Hilfe nahm. In dieser Ausgabe bringt der emeritierte Marburger Professor für Systematische Theologie nun den christlichen Glauben ins Spiel und warnt davor, sich in diesem Zusammenhang auf den Wertbegriff einzulassen.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus (Johannes 14,6). In dieser Aussage haben wir alles aufs Höchste verdichtet beisammen. Jesus ist der Weg zur Wahrheit - der als Weg nötig ist; und die Wahrheit ist die Grundlage eines gelingenden, freien - also wahren - Lebens. Jesus ist mit seinem Lebensweg der Weg zur Wahrheit. Denn: „Am Anfang war das Wort“ und „das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Johannes 1,14).

Übersetzen wir diese biblischen Worte in die Sprache unserer theologischen Begriffe, dann heißt das: In dem Menschen Jesus kommt Gott selbst zu Wort. Gott wird zum Inhalt der Rede Jesu. Er macht Gott, den Jenseitigen, philosophisch gesagt: das Absolute, unter den Bedingungen unserer endlichen Welt, mitten im Widerstreit unserer Wahrheiten gegenwärtig. Und er tut das, indem er seine eigene Person ganz und gar ins Spiel bringt. Durch Jesu Wort und Leben wird Gott erkennbar, wird Gott zu unserem Gegenüber in der Welt.

Doch damit wird unter uns modernen Menschen sogleich der Einspruch hervorgerufen, der besagt: Kann denn die Erkenntnis Gottes von der Gestalt Jesu abhängen, der ein Mensch ist wie wir? Woher wissen wir denn um die unbedingte Glaubwürdigkeit Jesu, dieses eigentümlichen Verkündigers des Reiches Gottes im antiken Judentum? Woher wissen wir, dass es zutrifft, wenn Jesus sagt: „Das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat“? In der Tat, die Glaubwürdigkeit Jesu ergibt sich nicht allein aus seinem Auftreten, aus seiner historischen Verkündigung. Sondern, wie er selbst sagt: „Der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Johannes 14,26). Die Wahrheit, von der Jesus redet, geht durch seine Person hindurch und ist nicht ohne ihn zu haben. Aber sie gründet in Gott selbst.

Durch den Tod hinaus

Auch das können und müssen wir theologisch ausformulieren. Gott wird durch Jesus unser Gegenüber in der Welt und damit Gegenstand unserer Erkenntnis. Eben: Gott selbst. Darum geht die Erkenntnis Gottes, wie sie durch Jesu Geschichte in die Welt kommt, über sein Leben als Mensch unter uns Menschen auch wieder hinaus. Die Wahrheit Jesu endet nicht mit seinem Tod. Sondern durch seinen Tod hindurch, ja: durch seinen Tod bekräftigt, ereignet sich die unverbrüchliche Erkenntnis Gottes als der Wahrheit. Durch Gott selbst, den heiligen Geist im Namen Jesu.

Das damit begründete Verhältnis erfüllt die Bedingungen wahrer Erkenntnis, die vorhin benannt wurden: Evidenz des Eindrucks, Gewissheit des eigenen Selbst, Permanenz der Wahrheitserkenntnis über unser aktuelles Erkennen hinaus. Durch Jesu Art der Rede von Gott wird evident, dass Gott uns betrifft. Denn er spricht von ihm als einem Anwesenden. Wer sein Wort hört, der wird auf Gott hin und von Gott her angesprochen.

Wenn aber Gott selbst so mein Gegenüber wird, dass nichts mehr dazwischen tritt, dann schafft das eine unüberbietbare Gewissheit im eigenen Herzen. Diese Gewissheit wiederum ist von der Art, dass ihre Wahrheit nicht mehr von meinem eigenen Empfinden abhängt, also etwa von der Lebhaftigkeit eines frommen Gefühls oder der Vertrautheit religiöser Vorstellungen oder der Überzeugungskraft theologischer Gedanken. Es ist Gott selbst, der mich ganz und gar, im Modus seiner Präsenz auf dem Grund meines Wahrheitsbewußtseins, erfüllt. Diese Präsenz Gottes im Menschen heißt: Glaube. Gott selbst ist im Glauben der Grund der Wahrheit.

Theologisch betrachtet kann man an dieser Stelle sehen, inwiefern die Trinitätslehre den passenden Ausdruck dafür gibt, dass Gott der Grund der Wahrheit ist. Der Vater selbst ist durch den Sohn in der Kraft des Geistes im Glauben gegenwärtig. Genau wenn das gegeben ist - und nur dann -, stellt sich die Evidenz der Erkenntnis ein, die von einer Gewissheit getragen ist, die nicht mehr auf sich selbst beruht. Gott ist im Glauben der Grund der Wahrheit. Das ist die Quintessenz der Geschichte Jesu Christi. Damit versetzt der Glaube selbst in ein eigentümliches Verhältnis zu den anderen Wahrheiten, in denen unser Leben sich vollzieht. Diese Wahrheiten sind, wie wir sahen, in sich selbst brüchig, weil sie von tiefsitzenden Selbstinteressen überformt und verzerrt werden. Diese Interessen geraten in Widerspruch zueinander. Daher treten die mit ihnen verbundenen Wahrheiten miteinander in einen Kampf, in dem alle nur verlieren können. Denn keine dieser partikularen Wahrheiten wird sich endgültig durchsetzen.

Die Gegenwart Gottes im Glauben dagegen eröffnet für das Verständnis der Wahrheit eine neue Ebene. Denn da, wo Gott als Wahrheit gegenwärtig ist, ist der Anspruch anderer Wahrheiten auf letzte Verbindlichkeit aufgehoben - weil diesen Ansprüchen ihre Basis entzogen ist. Daher werden alle Versuche, Wahrheit aus eigenem Interesse heraus zu erzeugen, als falsch erkannt, theologisch gesprochen: als sündig qualifiziert. Der Glaube aber nimmt es mit der Sünde auf, er ist die Aufhebung der Sünde, die Versetzung in ein neues, von der Sünde nicht mehr betroffenes Gottesverhältnis. Im Glauben geschieht die Vergebung der Sünde und die Rechtfertigung des Sünders.

Gewissheit des Herzens

Der christliche Glaube ist wahr, weil er an Gott als dem Grund der Wahrheit teilhat. Er lebt aus der Erkenntnis Gottes, des Absoluten und Unbedingten; es lässt sich kein Gegenstand möglicher Erkenntnis über ihn hinaus denken. Er lebt in der Gewissheit des Herzens, weil er sich von Gott angesprochen weiß; es kann kein tieferer Grund der Gewissheit imaginiert werden. Und er lebt in einer Unterscheidung zu sich selbst, weil er weiß, dass seine Wahrheit nicht von der subjektiven Beständigkeit im Herzen abhängig ist; damit verzichtet er darauf, die Wahrheit unter die Bedingung der Durchsetzung der eigenen Interessen stellen zu wollen. Gott ist im Glauben der Grund der Wahrheit. Darum kann und muss der christliche Glaube als wahr behauptet werden.

Von der Wahrheit des Glaubens gilt nun: Die Wahrheit wird euch frei machen (Johannes 8, 32). Die entscheidende Einsicht haben wir bereits gewonnen. Sie besteht darin, andere Wahrheiten, Wahrheiten, die wir zur Lebensführung benötigen, ins Verhältnis zur Wahrheit des Glaubens zu setzen. Es gibt verschiedene Wahrheiten über die Welt, die Gesellschaft und das menschliche Subjekt - und sie bestehen zusammen mit der Wahrheit des Glaubens in einem Verhältnis der Freiheit. Das sehen wir an den Dimensionen der Wahrheit, die wir eingangs in Betracht zogen (vergleiche zz 10/2018).

Erstens koexistiert der Glaube mit verschiedenen Erkenntnissen über die Verfasstheit der Welt. Er ist nicht von einer Weltanschauung abhängig, auch keiner biblischen. Der Glaube stellt sich ein auf neue, veränderte Einsichten über die Welt, wie sie in den Wissenschaften formuliert werden. Denn die Wissenschaften verfahren ja in methodischer Erkenntnis, die sich durch Innovation und Kritik auszeichnet. Jede Form des christlichen Glaubens lebt in einer Verbindung mit zeitspezifischen Erkenntnissen über die Gestalt, Zugänglichkeit und Veränderbarkeit der Welt. Das war in der Geschichte schon immer so und wird auch immer so sein; wir verstehen nun, warum das vom Glauben aus auch kräftig bejaht werden kann. Darum ist der Glaube an Gott, den Schöpfer, auch nicht von der antiken Weltanschauung abhängig, unter der er sich erstmalig artikulierte. Gott ist viel direkter gegenwärtig, als eine Weltanschauung vermitteln kann.

Zweitens verträgt sich der christliche Glaube mit unterschiedlichen Gestaltungen der humanen Welt. Auch die Ausformulierung von sittlichen Grundsätzen und gesellschaftlichen Grundmodellen unterliegt dem geschichtlichen Wandel. Die Moderne etwa hat die Sittlichkeit prinzipiell gefasst und die Einsicht in die unbedingte Pflicht gewonnen; zugleich steht neben der Pflichtethik auch eine Güterethik, die sich am erzielbaren Resultat orientiert, etwa dem größten Glück der größten Zahl von Menschen. Der christliche Glaube ist in der Lage, sich zu beiden Modellen zu verhalten, ohne die Unterschiede zu verwischen. Ebenso steht es mit den Grundlagen von Politik und Gesellschaft; die moderne Entwicklung zur Demokratie verdient tiefe Anerkennung, ohne dass sie aus dem Evangelium selbst hergeleitet werden könnte oder abgeleitet werden müsste. Dass die Pluralität von Wahrheitsansprüchen in der Demokratie ausgehalten werden kann und muss, ist selbst ein Indiz für die Überlegenheit der Wahrheit, wie sie vom Glauben verstanden wird.

Drittens sind unterschiedliche Selbstverhältnisse von Christenmenschen möglich, und sie verbinden sich mit verschiedenen Typen der Selbstdarstellung. Denn es gibt grundsätzlich eine Freiheit gegenüber sich selbst, und das macht geradezu den Inbegriff von Freiheit im subjektiven Verständnis aus. Diese Freiheit führt zur Selbstkritik, also der stets mitlaufenden Selbstbeobachtung der eigenen Lebensführung. Diese Selbstkritik wiederum verhindert eine Uniformität christlichen Aussehens. Daher ist die Tendenz zu einer stark individualisierenden Selbstdarstellung heute nicht prinzipiell zu verurteilen. Allerdings hilft der Glaube zugleich auch zu einer Kritik an der gesellschaftlich verbreiteten Verpflichtung, sich dieser Bewegung zu unterwerfen. Man muss, ganz schlicht gesagt, nicht alles mitmachen, um authentisch zu sein. Das heißt: Gerade die Unterscheidung zwischen dem im Glauben fundierten Grund der Wahrheit und den Wahrheiten, in denen wir uns lebensweltlich bewegen, eröffnet die Möglichkeit, sich hinsichtlich der Gestaltung dieser Wahrheiten frei zu bewegen.

Orientierende Leitlinie

Diese Freiheit erweist sich darin als kräftig, dass sie eine kritisch-normative Haltung vermittelt. Der Glaube als individuelles Gottesverhältnis eröffnet den Christenmenschen in der Welt durchaus orientierende Leitlinien. Hinsichtlich der Erkenntnis schätzt der Glaube eine (auch von ökonomischen Zwängen) freie und selbstkritische Wissenschaft. Vom Glauben her betrachtet, findet eine partizipative Demokratie als gesellschaftliche Matrix Zustimmung. Der Glaube sucht nach offenem Selbstausdruck ohne Selbstdarstellungszwang.

Diese Freiheit geht verloren, wenn sich der Glaube in weltanschauliche Kämpfe, in politische und gesellschaftliche Kontroversen so verstrickt, als sei seine Wahrheit abhängig von der Durchsetzung politischer oder kultureller Programme. Christlicher Glaube lebt nicht von einer Leitkultur. Das führt uns zum letzten Gesichtspunkt unseres Themas: Warum der Streit um die Wahrheit nicht nur unverzichtbar ist, sondern sich auch lohnt.

Die Wahrheit des christlichen Glaubens steht nicht wie eine Wahrheit neben anderen, so dass sie sich im Kampf bewähren und durchsetzen müsste. Die Wahrheit des christlichen Glaubens eröffnet vielmehr ein Verhältnis zu allen möglichen Wahrheiten von Weltanschauung, Gesellschaft und individuellem Leben. Darum zielt, nach christlichem Verständnis, der Streit um die Wahrheit nicht darauf, sich durchzusetzen und möglichst viel vom gesellschaftlichen Ganzen zu bestimmen. In dieser Hinsicht ist entschieden davor zu warnen, sich kirchlich und theologisch auf den Wertbegriff einzulassen. Werte sind der klassische Ausdruck für selbstgewählte Wahrheiten; darum stehen, wie schon Max Weber wusste, Werte immer im Krieg miteinander.

Wer den christlichen Glauben, die christliche Religion, als Wertesystem oder Werteordnung versteht, hat ihn nicht nur nicht verstanden, sondern schon verraten. Stattdessen heißt für die Wahrheit des christlichen Glaubens streiten, kritisch über die Bedingungen zu diskutieren, unter denen Wahrheitsansprüche erhoben werden. Auch auf dieser Ebene kommen Differenzen zur Sprache, aber solche, auf Grund derer sich Meinungen erst bilden. Es wird im Streit um die Wahrheit eine Differenz zugemutet, die alle Beteiligten in einen Unterschied zur eigenen unmittelbaren Identität versetzt.

Es stellt vielleicht die schwierigste Aufgabe im christlichen Streit um die Wahrheit dar, stets diese Differenz der Perspektiven im Sinn und im Kopf zu behalten - und nicht auf das bloße Widereinander von Meinungen herabzufallen. Was einen davor bewahren kann, ist die stetige Erinnerung daran, dass die Erkenntnis Gottes im Glauben nicht „eine Wahrheit“ ist, sondern der Grund aller möglichen Wahrheiten. So viel zum Verhältnis der Wahrheit des Glaubens zu anderen Wahrheiten und Wahrheitsansprüchen. Wir haben als Christenmenschen beste Gründe, in diese Debatte mit fester Gewissheit einzutreten, weil sie allen Beteiligten dazu hilft, sich über die Bedingungen möglicher Wahrheit ihrer eigenen Überzeugungen klar zu werden. Einen Streit um die Wahrheit brauchen wir nicht zu fürchten.

Für den Modus dieses Streitens ist die innere Selbstkritik des Glaubens maßgeblich, also das Bewusstsein, dass wir unterscheiden zwischen dem Glauben, wie er uns gewiss ist, wie wir ihn spüren und aussprechen können, und der Bedingung für seine Wahrheit, die Gott selbst ist. Die Wahrheit des Glaubens lässt sich nur so vertreten, dass deutlich wird: Die Zustimmung zum Glauben verdankt sich nicht unseren Behauptungen und Argumenten, sondern der Vergegenwärtigung Gottes selbst im Geist. Darum besitzt der Streit um die Wahrheit im christlichen Sinne die Gestalt des Zeugnisses, nicht die Form einer Beweiskette.

Schwach scheint das Zeugnis gegenüber dem Beweis nur auf den ersten Blick. In Wahrheit spricht es nicht nur die Differenz zwischen unserem Behaupten und der Wahrheit selbst aus - und ist darum der eigenen Wahrheit treu. Es zeigt überdies an, in welchem Maße die Wahrheit des Glaubens unsere individuelle menschliche Existenz zu durchdringen vermag. Darum können und müssen wir uns auch gar nicht um etwas anderes bemühen als um ein Zeugnis für die Wahrheit des Glaubens, die eben in und aus Gott besteht. Das ist anspruchsvoll, aber auch aussichtsreich genug.

Die Wahrheit wird euch frei machen: Das ist, schon sprachlich, eine Verheißung, die von Gott aus- und in unser Leben eingeht. Christenmenschen sind Menschen, die dieser Verheißung trauen.

Dietrich Korsch

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