Niederste Instinkte

Punktum

Das Bedürfnis, auf langen Reisen bequem zu sitzen, ist verständlich, aber es fördert die niedersten Instinkte des Menschen zu Tage. Besonders, seitdem die Deutsche Bahn mit ihrem elektronischen Reservierungssystem die Möglichkeit eröffnet hat, einen Platz auch noch bis kurz vor Abfahrt zu reservieren. Das geht, aber es hat seinen Preis und zwar abgesehen von den mindestens 4,50 Euro Gebühr auch noch den, dass dann nicht zum Beispiel „Berlin-Hannover“ auf dem elektronischen Leuchtfeld über dem Platz zu lesen steht, sondern nur „ggf. freigeben“.

Mit diesem Marker „ggf. freigeben“ pflastert die Deutsche Bahn seit Neustem ganze Züge, und so gerät das Platznehmen zum Glücksspiel - jedenfalls, wenn man nicht reserviert hat. Bei jeder Station und bis zu 15 Minuten danach, so die Regel, kann jemand kommen, sich räuspern und sagen: „Entschuldigen Sie bitte, aber das ist mein Platz“. Und dann heißt es mit Schimpf und Schande selbigen zu räumen.

Aber nicht nur für das Räumopfer ist das beschwerlich und erniedrigend, nein, auch für den Räumer, denn wer verjagt schon gerne andere oder gar ältere Leute? Peinlich! Wenn noch woanders Plätze frei sind, setzt man sich dann unauffällig woanders hin, auch wenn man sich zumindest still über die nutzlose Reservierung ärgert.

Doch nun zur Sache: Letztens saß doch wieder ein älterer Herr auf meinem reservierten Platz, den ich mir extra noch kurz vorher geholt hatte! Es war voll, ach, was sage ich, picke-packe-voll und ich musste - wichtig, wichtig - unbedingt diese gut 90 Minuten Zugfahrt im Sitzen am Laptop nutzen. Man ist ja nicht irgendwer, der beim Reisen aus dem Fenster die Schönheiten Brandenburgs und Sachsen-Anhalts bestaunt. Ich checke also nochmal die Reservierung, kein Zweifel, dieser Wagen, dieser Zug und ich sage höflich-säuselnd: „Entschuldigen Sie bitte, aber das ist mein Platz, den habe ich reserviert.“ Und der ältere Herr? Der sagt ganz entspannt: „Ich auch...“

So etwas! Also, vielleicht hätte ich noch Gnade vor Recht ergehen lassen, aber das ist mir einen Tick zu dreist. Das lass ich den Schaffner klären, da vorn ist er ja. Und wenn er den Betrüger und Lügner überführt hat, dann ertöt‘ ich ihn durch mein Güte und lass ihn natürlich da sitzen, sich errötend schämen zwischen all den ihn sicher zu Recht grimmig anschauenden Menschen... haach, das ist es mir glatt wert, die 90 Minuten - sind es ja auch längst nicht mehr - auf dem Boden zu sitzen ...

Da, da ist der Schaffner, schnell das Ticket aufschlagen, Wagen 37, Platz 93 am ...Freitag. - Sch...! Das ist erst übermorgen! Während ich mich reumütig Richtung Wagentür quäle, mich auf dem Fußboden einrichte und Arbeit Arbeit sein lasse, geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: „Das Bedürfnis, auf langen Reisen bequem zu sitzen, ist verständlich, aber es fördert die niedersten Eigenschaften und Instinkte des Menschen zu Tage .“

Reinhard Mawick

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