Herz auf der Hand

Stereotypen dürfen uns nicht unberührt lassen

Es war ein doppelt irritierendes Bild, das sich bot, wenn man in diesem Sommer die Ausstellung im Europäischen Roma-Institut für Kunst und Kultur in der Reinhardtstraße im Zentrum Berlins betrat. Eine riesengroße silberne Hand streckte sich einem da entgegen, flehend geöffnet. Eine Hand, die ich zu kennen meine von den vielen, nicht selten südländisch aussehenden Menschen, die vor dem Parkscheinautomat, an Kaufhaustüren und auf Kirchenstufen auf mein Wechselgeld aus sind - oder auf mein Mitleid oder mein schlechtes Gewissen.

Immer neu bin ich unsicher, was ich tun soll. Es heißt, viele würden mit falschen Versprechungen eigens zum Betteln hierher gelockt- und dann müssen sie doch fast alles abgeben an die, die sie ausbeuten. Auch wenn ich das weiß oder wenigstens ahne, behält die Geste des Bittens ihre unmittelbare Kraft. Sie rührt mich an und rüttelt an mir und stellt mich in Frage. Und egal, ob ich dieses Mal etwas gegeben habe oder nicht - ich gehe verunsichert weiter.

Sieht man die silberne Hand im Europäischen Roma-Institut für Kunst und Kultur genauer an, folgt die zweite Irritation. Denn auf der offenen Handfläche liegt ein silbernes Herz, mit deutlich erkennbaren Adern und Kammern. Dieses Herz streckt mir die Hand hin. Dieses Herz fordert mich auf zu nehmen, ja überhaupt erst einmal zu sehen. „Das ist keine bettelnde, das ist eine gebende Hand“, sagt die Kuratorin der Ausstellung.

Hand und Herz stammen von dem Kölner Künstler Kálman Várady. Sie stellen die klassischen Sehgewohnheiten in Frage. Als Teil der Ausstellung weisen die Hand und das Herz auf den großen und buchstäblich beherzten Beitrag hin, den Sinti und Roma zur Kultur unseres Kontinents geleistet haben und weiterhin leisten.

Doch ist dieser Beitrag weithin unbekannt, und Europas größte ethnische Minderheit ist nach wie vor mit rassistischen Stereotypen und immer öfter auch mit unverhohlenen politischen Anspielungen an die Verfolgung während des Nationalsozialismus konfrontiert. In Bulgarien etwa verglich der Vorsitzende des nationalen Rates für die Integration von Minderheiten die Roma mit Straßenhunden.

Mag sein, dass bei uns nicht so schamlos gegen Sinti und Roma gehetzt wird - jedenfalls nicht so prominent. Aber was der Duisburger Politikwissenschaftler Volker Heins jüngst als ein prägendes Kennzeichen des Rechtspopulismus bezeichnete, nämlich eine „Verpanzerung gegen die Empathie“ und den Versuch, „eine Kultur der Mitleidlosigkeit“ zu etablieren, betrifft beileibe nicht nur Süd- und Südosteuropa. Und es trifft über die Sinti und Roma hinaus viele Notleidende und Minderheiten.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die beherzte Hand von Kálman Várady eine weitere Dimension. Wo Minderheiten abgestempelt und Bedürftige verunglimpft werden, da geht es ebenso um deren Herz wie um unser eigenes. Es geht um ihre und meine Menschlichkeit.

Es geht darum, mich verunsichern, berühren und aufrütteln zu lassen im Nehmen und Geben und dabei in mancher Hinsicht überrascht zu werden. Ich soll mir ein Herz fassen, das liegt auf der Hand.

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Annette Kurschus ist Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und Herausgeberin von zeitzeichen.

Annette Kurschus

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