Das Brühwürfel-Prinzip

Punktum
Mit dem Küchenmesser in der Hand sollte man lieber nur positiv denken, wer weiß, wo das sonst endet.

„Kinder, was wollt Ihr heute essen?“ Zumindest für die Erstklässlerin, die gerade mit Freude lesen lernt, war die Antwort klar: „Buchstabensuppe!“ Ein Impuls, den man aus pädagogischen und ernährungswissenschaftlichen Gründen nicht ablehnen kann. Also ab in den Supermarkt, alphabetisierte Nudeln und frisches Suppengemüse muss her. Letzteres gibt es leider nur noch in Plastik abgepackt, macht nix, die Nudeln sind ja schon bio. Und dann zu Hause die Überraschung: Unter Möhre, Lauch und Petersilie versteckt, gleich neben dem Selllerie, liegt eine kleine Beigabe in der Packung: Ein Brühwürfel! Echt wahr!!

Nun könnte man sich aufregen über den verwahrlosten Gaumen des Durchschnittsdeutschen, der immer seine Dosis Glutamat braucht, damit er überhaupt etwas schmeckt. Oder über den Suppengrünlieferanten, der denkt, dass es schon so weit gekommen ist. Oder seinem Gemüse nichts zutraut.

Aber mit dem Küchenmesser in der Hand sollte man lieber nur positiv denken, wer weiß, wo das sonst endet. Eigentlich ist es ja auch sehr fürsorglich vom Gemüsebauern, dass er gleich eine zweite Lösung mitliefert. Falls die Kinder doch kein Gemüse mögen. Oder man beim Schnibbeln den eigenen Finger erwischt und wegen des Verbandes nur noch einen Brühwürfel ins Wasser werfen kann. Oder das Gemüse in den Kühlschrank legt und erst wieder daran denkt, wenn es sich schon verpuppt hat. Was auch immer passieren mag, man hat eine zweite Chance.

Wenn das Schule machen würde! Zum Obst gibt es Vitamintabletten gratis, bei jedem Haarschnitt eine Perücke. Jeder VW-Diesel hätte künftig einen Benzinmotor im Kofferraum, falls mal wieder die Werte nicht so stimmen. Und statt einem Flughafen baut man lieber gleich zwei, könnte ja sein, dass der eine nicht fertig wird. Die volkswirtschaftlichen Effekte wären jedenfalls gigantisch!

Der gestandene Protestant fragt sich an dieser Stelle, welche Chancen das Brühwürfel-Prinzip für seine Kirche böte. Zum Beispiel: Eine Extra-Predigt über Godspot, die sich die Gottesdienstbesucher auf ihrem Handy angucken können, falls ihnen die Live-Predigt nicht gefällt? Na ja... Oder: Könnte der Pfarrer bei der Taufe nicht nur eine Kinderbibel überreichen, sondern auch einen Koran, falls es mit der einen Religion nicht so klappt? Hmmm... Oder wie wäre es, wenn die Pfarrerrin beim Traugespräch nach möglichen Ersatzpartnern im Falle einer Trennung fragt und sie gleich ein wenig mitverheiratet? Au weia...

Nein, das Brühwürfel-Prinzip funktioniert für Protestanten nicht. Denn wer dasteht und nicht anders kann, beißt sich gefälligst lieber durch, egal wie hart die Knolle ist. Wir brauchen keinen aromatisierten Plan B in der Hosentasche. Das wäre ja noch schöner! Und spielt nicht mit den Buchstaben in der Suppe. Sonst gibt es zum Abendessen in Zukunft und bis in alle Ewigkeit nur noch Schwarzbrot. Merkt Euch das!

Stephan Kosch

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