Differenziert

Assistierter Suizid in der Schweiz
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Differenziert, ausgewogen und trotz der komplexen Thematik sehr gut verständlich.

Sterbehelfer und Assistierter Suizid im kirchlichen Altenheim? Ja, sagte 2001 die Reformierte Kirche der Kantone Bern-Jura und erlaubte nach intensivem Diskurs Sterbehilfeorganisationen den Zugang zu ihren Pflegeeinrichtungen. Es war der Beginn einer Entwicklung, in deren Verlauf das Schweizer Bundesgericht 2016 das Recht aller Bürger auf Suizid auch in Pflegeeinrichtungen schwerer gewichtete als die Selbstorganisationsrechte gemeinnütziger (Religions-) Gemeinschaften. Sehr konsequent, dass die Reformierte Kirche ihren Weg verantwortungsbewusst weitergeht und nun einen lesenswerten und äußerst feinfühlig konzipierten Zwischenbericht zum Thema vorlegt.

In diesem wird, wissenschaftlich fundiert, die aktuelle Situation rund um den Assistierten Suizid in der Schweiz faktenreich beschrieben. Mit kommentierten Fallbeispielen gewährt Christoph Morgenthaler, emeritierter Professor für Seelsorge und Pastoralpsychologie an der Universität Bern, einen Einblick in die Arbeit von Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern, die Menschen und deren Angehörige bei einer „Abdankung“ begleiten. Die Gespräche finden im Kontext vom ersten noch ganz unsicheren Gedanken an einen Suizid bis zur Gestaltung eines Trauergottesdienstes und dessen Nachsorge statt. Verbatim-Auszüge und Kommentare machen diese Sektion zur lohnenswerten Poimenik-Lektüre für alle Seelsorgenden, die Menschen in Sterbe- und Trauerphasen - weit über das Umfeld eines Suizids hinaus - beistehen.

Im Anschluss beleuchtet Matthias Zeindler, Systematischer Theologieprofessor an der Universität Bern, ethische und theologische Grundsatzfragen, die bei der Begleitung Sterbewilliger berührt sind. Etwa anthropologische Fragen, wie die Geschöpflichkeit des Menschen und die Reichweite seiner Entscheidungskompetenz über Leben und Tod. Schließlich gelingt es David Plüss, Professor für Homiletik und Liturgik, ebenfalls in Bern, die Verknüpfung von Reflexionsebene und pastoralen Praxiserfahrungen nicht aus den Augen zu verlieren. Er schärft den Blick von Gemeindeseelsorgern für kirchliches Handeln im gesellschaftlich wie theologisch kontrovers diskutierten Suizidumfeld und thematisiert zu Recht, dass Sterbebegleitung durch Kirchenvertreter neben der höchstprivaten auch eine öffentliche Dimension aufweist. Welchen Auftrag wollen Sterbewillige, welchen Angehörige den Seelsorgern erteilen? Wie soll, wie darf im Rahmen der kirchlichen Bestattung vom Suizid gesprochen werden? Mit welcher Haltung lässt sich ressourcenorientiert gleichzeitig vom Ja zum Leben und von der Akzeptanz eines Sterbewunsches sprechen? Und was bringen gerade Religionsvertreter als Gesprächspartner mit, wenn es um die Einordnung von und eine rituelle Schau auf Leben, Sterben und die Zeit danach geht? Welche biblischen Texte und Sprachbilder sind angemessen?

Differenziert, ausgewogen und trotz der komplexen Thematik sehr gut verständlich: Assistierter Suizid und kirchliches Handeln. Fallbeispiele - Kommentare - Reflexionen.

Michael Friess

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