Von der Dienerin zur Königin Eine kleine Geschichte der Orgel

Eine kleine Geschichte der Orgel
Seit über 300 Jahren in klangvollem Einsatz: Die Silbermann-Orgel im Freiberger Dom. Foto: dpa/Hendrik Schmidt
Seit über 300 Jahren in klangvollem Einsatz: Die Silbermann-Orgel im Freiberger Dom. Foto: dpa/Hendrik Schmidt
Die ersten Orgeln gab es schon in der Antike, doch erst im 14. Jahrhundert begann der Siegeszug des Instrumentes, das heute aus keiner Kirche mehr wegzudenken ist. Karl-Heinz Göttert, emeritierter Professor für Germanistik an der Universität zu Köln und Autor mehrerer Bücher zur Orgel, beschreibt ihre Geschichte.

Man kann die Erfindung der Orgel der Antike zusprechen. Im dritten Jahrhundert vor Christus entdeckte ein Ingenieur die Möglichkeit, Luft durch Wasserdruck zu komprimieren und für die Betätigung von tönenden Pfeifen zu nutzen. Abbildungen und auch Funde wenig später belegen Instrumente mit mehreren Tonreihen („Registern“), die jeweils unterschiedliche Tonarten zur Verfügung stellten. Die antike Orgel war also ein reines Melodieinstrument, die Register konnten nicht zusammen erklingen. Genau damit aber beginnt die Geschichte der Orgel, wie wir sie heute kennen. Im 14. Jahrhundert taucht ein Instrument auf, das Register nicht isoliert zur Benutzung anbietet, sondern in Kombination, als "Block". Wer eine Taste drückte, brachte nicht den Ton eines einzelnen Registers, sondern mehrerer zum Tönen, und zwar Registern, die nicht in verschiedenen Tonarten, sondern in verschiedenen Tonlagen (Oktaven, Quinten) gestimmt waren. Letztlich entstanden damit statt Töne Klänge. Die Orgel tritt im Spätmittelalter nicht als Melodieinstrument auf, sondern als Chor.

Oder Chorersatz. Denn der Ort der Erfindung ist sehr klar und wird durch zahlreiche Zeugnisse belegt: Die neue Orgel, „unsere“ Orgel, tritt in Klöstern und Kathedralen auf, in Nachbarschaft zum dort vorhandenen Chorgesang, der genau in dieser Zeit eine frühe Mehrstimmigkeit entwickelte. Natürlich konnte man Mehrstimmigkeit auch mit mehreren Instrumenten erzeugen, mit einem Orchester. Die Orgel bringt demgegenüber jedoch einen unschlagbaren Vorteil ins Spiel. Sie kann von einem einzigen Spieler bedient werden. Und so wird die Orgel am Anfang Partnerin des Chors, wechselt sich mit ihm im Vortrag der liturgischen Stücke ab, es bildet sich die Alternatim-Praxis. Daneben aber gewinnt die Orgel ein zweites Betätigungsfeld. Sie kann mit ihren starken Klängen Festlichkeit erzeugen, zum Beispiel beim Ein- und Auszug des Klerus. Und wieder ist es zu betonen: all dies ausgeführt von einem einzigen Musiker, der lediglich einige Helfer benötigt, um die Blasebälge zu füllen.

Eines der frühen Großinstrumente dieser Art, eine Orgel mit drei Manualen und einem Pedal, nicht zu vergessen mit einer Windanlage, die zehn Balgtreter benötigte, stand in Halberstadt. Sie war als „Blockwerk“ gebaut, verfügte daneben aber auch schon über ein einzelnes getrennt zu spielendes Register. Es war zwischen 1359 und 1361 von einem ehrgeizigen Bischof für den groß angelegten gotischen Umbau seiner Kathedrale errichtet worden, blieb auch nach Ende der Spielbarkeit erhalten und wurde von Michael Praetorius in dessen Orgelbuch von 1619 genau beschrieben. Noch im 14. und vor allem 15. Jahrhundert füllen sich die Kirchen in ganz Europa mit Orgeln dieses Typs, meist kleiner, aber eben immer nach dem Vorbild des Chors. Die Orgel wird buchstäblich zum Muss bei der Gestaltung der Gottesdienste. Die Entwicklung ging jedoch rasch weiter, die Orgelbauer übertrumpften sich mit technischen Neuerungen. Vor allem löste sich das anfängliche Blockwerk auf, die einzelnen Register werden getrennt spielbar. Zugleich vermehrten sich die Registertypen. Während man am Anfang Pfeifen kannte, die nach dem Prinzip der Blockflöte gebaut waren, ihre Töne also durch Brechung an einem Kern erzeugen, treten nun Pfeifen auf, die der Oboe folgen, ihren Ton durch die Schwingung eines Metallblatts hervorbringen. Den Labialregistern (Lippenregistern) stehen damit Lingualregister (Zungenregister) gegenüber. Weiter kann man die labialen Pfeifen dicker und damit flötenartig formen oder dünner und damit schärfer, nach Art von Streichern. Neben Registern in verschiedenen Tonhöhen (Oktaven, Quinten) existieren nun Register in verschiedenen Klangfarben.

Es ist ein eigenes Kapitel, wie sich in der frühen Neuzeit, speziell im Barock, nationale Stile entwickelten - genau zeitgleich mit der Entstehung der Nationalstaaten. Italien hielt an einer eher kleinen Orgel mit labialen Registern fest. In Spanien liebte man die Zungenstimmen und entwickelte sie in ganzen Chören (also auf verschiedenen Tonstufen). Bis heute spricht man von „spanischen Trompeten“, die nicht im Inneren des Orgelgehäuses stehen, sondern aus dem Prospekt hervorlugen. In Frankreich experimentierte man mit einem Register, bei dem jeder Ton von Pfeifen verschiedener Tonstufen gebildet wurde: dem Kornett, dem auf einem weiteren Manual ein Echokornett antwortete. England brachte den Schweller und damit einen dynamischen Klang, die Niederlande entwickelten eine farbenreiche Orgel. Von Deutschland wird noch die Rede sein. Erst im 19. Jahrhundert entstand wieder eine eher überregionale Orgel, die sich den damaligen Orchesterklang zum Vorbild nahm: die „sinfonische“ Orgel der Spätromantik, wie sie Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) in Frankreich oder Eberhard Friedrich Walcker (1794-1872) in Deutschland bauten. Auch darüber ging die Geschichte hinweg. Im Elsass begann im frühen 20. Jahrhundert eine Reformbewegung, die wieder die Barockorgel zum Vorbild nahm. In Deutschland wurde dies von der Orgelbewegung aufgegriffen und führte zum so genannten Neobarock, ehe ein erneuter Umschwung wieder die Romantik favorisierte. Ein einheitlicher Stil entstand damit nicht, im Gegenteil etablierte sich die Universalorgel mit der Möglichkeit einer Realisierung möglichst vieler Stile (neben der Stilkopie). All dies wiederum steht neben der Restaurierung der wirklich alten Orgeln aus der Zeit des Mittelalters bis zur jüngsten Vergangenheit.

Wofür aber stand die Orgel im Wandel der Zeiten, wofür steht sie in der Gegenwart? Die Erfindung oder Neuerfindung im Mittelalter spricht eine eindeutige Sprache: Die Orgel wird im westlichen Europa als Partnerin des Gesanges das liturgische Instrument des Christentums schlechthin. Mit der Reformation kam es zur ernsten Krise, sofern sich der damalige Bildersturm auch gegen die Orgel richtete. Während Luther den Bildersturm erfolgreich abwehrte und sich für eine qualitätsvolle Kirchenmusik einsetzte, wurden in reformierten Gegenden wie etwa der Schweiz und den Niederlanden, später auch England Orgeln systematisch zerstört - ehe die Rückbesinnung im 17. Jahrhundert oder (wie in der Schweiz) noch später einsetzte. Deutschland aber blieb Orgelland, ja entwickelte sich sowohl im katholischen wie im evangelischen Umfeld zu einem der führenden Orgelländer Europas.

Das bedeutendste Beispiel liefert Norddeutschland mit den Zentren Hamburg und Lübeck. Hier trat mit Arp Schnitger (1648?-?1719) der Orgelbauer auf, der die Barockorgel zu einem ersten Höhepunkt führte. In den Hamburger Hauptkirchen entstanden die größten Instrumente der damaligen Zeit. Während in den reformierten Niederlanden die Großorgeln eher städtische Repräsentationswerke darstellten und für Konzerte genutzt wurden, dominierte in Deutschland die Rolle der Orgel in den Gottesdiensten. Der Gesang verlangte kraftvolle Unterstützung, aber es gab auch Gelegenheit zu kunstvollen Intonationen der Choräle, wozu vielfältige solistische Möglichkeiten dienten. Daneben trat das Konzert, in Lübeck in Form von Feierstunden, an denen Chor und Orgel gleichermaßen beteiligt waren. Ähnliche Voraussetzungen waren in Mitteldeutschland gegeben, wo Gottfried Silbermann (1683-1753) wirkte und im Freiberger Dom sein erstes Großinstrument bauen durfte, ehe er dank seiner Privilegien auch sächsische Dörfer ausstattete - dank ihrer Restaurierungen heute noch erfahrbar. Wir sind damit in der Zeit des Wirkens von Johann Sebastian Bach, der mit Silbermann nicht ohne Probleme zusammenarbeitete, weil Silbermann die alte Stimmung bevorzugte, während Bach die moderne Temperierung protegierte. Aber Bach spielte Silbermanns Orgeln, zum Beispiel in der Dresdner Frauenkirche. Und Bach steht vor allem für eine Entwicklung der Orgelmusik, die mit ihm einen ihrer absoluten Höhepunkte erreichte. Zwar hatte Bach alles dafür getan, sich vom Organisten zum Kantor zu entwickeln, weil damit die höhere Verantwortung für die Kirchenmusik verbunden war. Aber Bach hatte stets für die Orgel komponiert und spielte das Instrument selbst virtuos.

Im katholischen Bereich war der Kontakt zur Orgel nie gefährdet gewesen, nie abgerissen. Auch hier diente sie der Bereicherung der Kirchenmusik sowohl in den großen Klöstern wie in Kathedralen und städtischen Kirchen. Zu den bedeutendsten Orgelbauern des Barocks gehört Joseph Gabler (1700-1771), der sein Meisterwerk in Weingarten errichtete. Als im 19. Jahrhundert die Technik des Orgelbaus neue Großinstrumente ermöglichte, waren die konfessionellen Unterschiede eingeebnet. Der evangelische Orgelbauer Walcker arbeitete für den Petersdom und auch die damals größte Kirchenorgel der Welt in Passau wurde von einem evangelischen Orgelbauer errichtet, nämlich von Steinmeyer. Umgekehrt wirkten katholische Orgelbauer in evangelischen Kirchen. Im Übrigen war im 19. Jahrhundert eine ganz andere Art von Konkurrenz entstanden, nämlich innerhalb der Orgeln selbst: zwischen denen in Kirchen und denen in Konzertsälen. Längst nämlich hatte sich das Konzertieren gewissermaßen verselbständigt und auch seine eigenen Räume gefunden.

Wer zum Schluss die Frage nach der Zukunft der Orgel stellt, wird in erster Linie an die Kirchenorgel denken, die während der gesamten Zeit ihrer Entwicklung im Vordergrund gestanden hatte. Man sollte sich dabei daran erinnern, dass diese Frage nicht neu ist. Als Cavaillé-Coll im 19. Jahrhundert seine Orchesterorgel schuf, stand er unter dem Druck der Konkurrenz durch das damalige Virtuosentum im Bereich des Klaviers, das die Musik gewissermaßen aus den Kirchen in die Konzertsäle zog. In seiner Pariser Werkstatt gingen sowohl Liszt wie Chopin ein und aus. Und Cavaillé-Coll fürchtete, dass die Orgel das Schicksal des Cembalos erleiden könnte, das dem Klavier hoffnungslos unterlegen war. Er konzipierte deshalb die Orchesterorgel, die mit ihren technischen Voraussetzungen Virtuosentum ermöglichte und Gottesdienste auf diese Weise mit einem musikalischen Niveau ausstattete, das der Besucher von den Konzerten her kannte. Organisten wie César Franck, Charles-Marie Widor oder Louis Vierne, allesamt an seinen Orgeln in Paris tätig, erfüllten diese Wünsche optimal. In Deutschland steuerte etwa zeitgleich Max Reger auf Großorgeln von Walcker und Sauer Virtuoses bei.

Es war Albert Schweitzer, der in dieser Entwicklung einen Irrweg witterte und zur Umkehr aufrief - als eine der führenden Persönlichkeiten der Orgelreform. Die Orgel sollte wieder zum Instrument des Gottesdienstes werden, und dies in bescheidenerer Weise ohne Virtuosentum, an Instrumenten ohne übermäßige technische Ausstattung. Man kann nicht sagen, dass diese Forderungen in Erfüllung gegangen sind. Aber man kann sagen, dass bloße Virtuosität und reine Größe nicht mehr alleiniges Leitbild sind. Die Orgel hat am ehesten Überlebenschancen als das dienende Instrument, mit dem sie einst ihren Höhenflug begann. In dieser Form aber ist das „Ein-Mann-Orchester“ wohl noch lange Zeit unverzichtbar.

Karl-Heinz Göttert

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