Bizarrer Identitätsstreit

Jetzt doch kein deutscher Weg beim Abendmahl

Die katholische Kirche liebt das große Drama - wie könnte es auch anders sein in einer Kirche, die halb absolutistisch, halb italienisch, halb hysterisch, halb chaotisch, vor allem aber (und gottseidank) nicht deutsch und leider nicht demokratisch ist. Der Streit um das Abendmahl für evangelische Partner katholischer Kirchgänger hat im Juni völlig überraschende Volten geschlagen. Bizarr nannte dies zurecht der Dogmatiker Michael Seewald aus Münster, selbst Priester der Kirche Roms.

Rom hat gesprochen - aber entschieden ist wenig. Und um es sportlich zu fragen: Wer hat den bizarren Streit denn nun wirklich gewonnen? Gewonnen haben sicherlich die konservativen Kräfte: im deutschen Episkopat, in Rom und im Kreis der superfrommen Laien hierzulande, denen die ganze Linie von Papst Franziskus von Anfang an gestunken hat und stinkt.

Sie fühlen sich nun bestätigt in ihrer Überhöhung der Eucharistie, die in den Wochen der Diskussion dieser Streitfrage zu einer Art Fetisch der eigenen katholischen Identität hochgejazzt wurde - bis zu der absurden Behauptung vom Kölner Kardinal Woelki, die Eucharistie sei eine Sache von „Leben und Tod“.

Verloren haben viele, vor allem aber der sich um Einheit mühende Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, der die Signale aus Rom für eine größere Synodalität offenbar etwas zu wörtlich genommen hat - und doch tatsächlich glaubte, wenn etwas mit Dreiviertelmehrheit der deutschen Bischöfen abgenickt worden ist, würden sich die unterlegenen Bischöfe in dieser seelsorgerlichen Frage kleinerer Ordnung fein demokratisch unterordnen, nach Jahrzehnten der Debatte und einer theologisch ordentlich geführten Argumentation der Mehrheit der Bischöfe wohlgemerkt. Weit gefehlt.

Im Nachhinein haben wir gelernt: Wer sich, wie offenbar Kardinal Woelki, selbst zunehmend als gottberufener Widerstandskämpfer gegen die böse säkulare Welt begreift, wer demokratische Umgangsformen weder gelernt noch nötig hat und dies alles zu einer Entscheidungsschlacht um den Kurs der Kirche hochstilisiert, der kann sich in der Eucharistie-Frage nicht unterordnen - denn die eigene Identität ginge dann ja flöten!

Keine Frage, die Eucharistie ist wichtig. Aber sie macht nicht den Kern der Botschaft Jesu Christi aus, der, nur zur Erinnerung, doch stets die frommen Pharisäer ermahnte, zuerst die Menschen zu sehen, dann den Ritus. Oder, um es mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“

Im Grunde sagt Papst Franziskus etwas sehr Ähnliches mit seiner Forderung, die Kirche müsse die Kirche der Armen sein. Das Problem: In der katholischen Kirche gewinnen offenbar mal wieder die Leute die Oberhand, die angesichts der Angriffe von außen unsicher werden, die Reihen schließen und am liebsten nur noch um sich selbst kreisen wollen. So wird ein internes Problemchen zum allerwichtigsten Streitfall überhaupt - und alles, was außerhalb passiert (wie Krieg, Flüchtlingselend, Klimawandel etc.), zu etwas Sekundärem.

Papst Franziskus war vor fünf Jahren angetreten, diese irre Selbstbezogenheit der katholischen Kirche zu durchbrechen. Es ist zu befürchten, dass er auf dem Weg ist, damit zu scheitern.

Philipp Gessler

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