Unterschiedliche Arten achten

Nur durch Dialog können ökumenische Beziehungen nachhaltig verbessert werden
Delegation des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes bei Papst Franziskus in Rom am 4. Juni 2018. Links neben dem Papst Gerhard Ulrich, der Leitende Bischofs der VELKD. Ebenfalls dabei der Vorsitzende der  Vollkonferenz der UEK, Kirchenprä
Delegation des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes bei Papst Franziskus in Rom am 4. Juni 2018. Links neben dem Papst Gerhard Ulrich, der Leitende Bischofs der VELKD. Ebenfalls dabei der Vorsitzende der Vollkonferenz der UEK, Kirchenprä
Ungeduld ist auf dem Parkett der ökumenischen Beziehungen ein schlechter Ratgeber, meint Gerhard Ulrich, Leitender Bischof der VELKD und Herausgeber von zeitzeichen. Er traf jüngst in Rom mit Papst Franziskus zusammen und wurde dort vom Brief des Vatikans gegen die Erleichterung des Eucharistieempfangs in konfessionsverbindenden Ehen in Deutschland überrascht.

Von einer „ökumenischen Notbremse im Vatikan“ war in den vergangenen Wochen zu lesen, von vielerlei überraschten Menschen und von einer enttäuschten Kirchenbasis. Der Auslöser war der sonst so beliebte Papst Franziskus. Per Brief aus Rom nach Deutschland stoppte er die greifbar nahe Erleichterung des Eucharistieempfangs in konfessionsverbindenden Ehen.

Zufällig wurde dieser Brief öffentlich, als sich gerade eine Delegation des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) in Rom aufhielt - unter anderem zu Gesprächen mit dem Papst. Die Botschaft aus diesen Gesprächen war dann völlig anders: Franziskus mahnte dazu, den ökumenischen Weg mit dem Schwung des Jahres 2017 fortzusetzen und betonte das Ziel: die „völlige Überwindung der Divergenzen“. Wie passen solch gegenläufige Botschaften zusammen?

Die Initiative der Deutschen Bischofskonferenz zur erwähnten Eucharistiefrage war vor allem der Versuch einer pastoralen Lösung für Deutschland. Schritte der pastoralen Ökumene werden in einer komplexen Welt immer wichtiger. Allerdings zeichnet solche Lösungen gerade aus, dass sie von der seelsorgerlichen Einzelsituation ausgehen und nicht im kanonischen Recht geregelt sind. Jüngst hatten der Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB), Bischof Munib Younan, und Papst Franziskus die Dringlichkeit dieser Frage angesprochen: „Wir erfahren den Schmerz all derer, die ihr ganzes Leben teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart im eucharistischen Mahl nicht teilen können. Wir erkennen unsere gemeinsame pastorale Verantwortung, dem geistlichen Hunger und Durst unserer Menschen, eins zu sein in Christus, zu begegnen.“ Der Versuch der deutschen Katholiken - maßgeblich unterstützt von evangelischer Seite - eine einheitliche Regelung in dieser Frage in allen deutschen Bistümern zu erreichen, scheiterte. Das müssen wir Evangelischen mit Trauer, aber auch mit kühlem Kopf feststellen. Aber wir hoffen auch weiterhin auf konkrete pastorale Erleichterungen vor Ort, solange wir die dogmatischen Fragen noch nicht vollständig gelöst haben.

Optimistischer stimmt die Entwicklung in den offiziellen Beziehungen auf Weltebene: Seit über fünfzig Jahren befinden sich LWB und Vatikan auf einem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft. Vorläufiger Höhepunkt: Das gemeinsame Reformationsgedenken am 31. Oktober 2016 in Schweden, bei dem Katholiken und Lutheraner für Verfehlungen Buße getan, für Glaubensgeschenke der Reformation gedankt und sich zu weiteren gemeinsamen Schritten verpflichtet haben.

Zentral auf dem Weg bis hierhin waren und sind zunächst die theologische und die geistliche Ökumene mit ihrer gegenseitigen Befruchtung: Begegnung und gemeinsames Gebet haben den Boden für den theologischen Dialog bereitet. Dieser hat die Überwindung früherer Verletzungen und dogmatischer Kontroversen ermöglicht, was wiederum eine neue Tiefe der geistlichen Gemeinschaft eröffnet hat - in den Ortsgemeinden und auf Weltebene. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER) von 1999 ist sicherlich die wichtigste theologische Wegmarke in diesem Prozess, auf der alle weiteren Gespräche aufbauen. Der gemeinsame Gottesdienst am 31. Oktober 2016 in Lund stellt wiederum eine geistliche Wegmarke dar. Er hat - wie später auch der Gottesdienst in Hildesheim - dem gesamten Reformationsjahr eine einmalige ökumenische Prägung gegeben.

Ebenfalls am 31. Oktober 2016 wurde zudem die diakonische Ökumene noch einmal bestärkt. LWB und Vatikan haben sich im Anschluss an Lund verpflichtet, ihr gemeinsames diakonisches Zeugnis weiter voranzutreiben und, wo immer möglich, zusammen zu handeln und zu helfen. Die letzten Jahre haben gelehrt, dass die Kirchen sich gegenseitig zwar gründliche theologische Debatten schulden. Der Welt schulden sie aber zuerst den Dienst der Liebe für die Armen und Unterdrückten. Und das, wo immer möglich, miteinander.

Diese kontinuierliche Annäherung zwischen Lutheranern und Katholiken machen die bestärkenden Äußerungen von Papst Franziskus an die Delegation des DNK/LWB verständlich. Einigkeit bestand auch, dass dieser Weg fortgesetzt werden soll, indem LWB und Vatikan jetzt mit dem Schwung von 2017 entschlossen die noch kontroversen dogmatischen Themen angehen: Amt, Eucharistie und Kirche. Das DNK/LWB hat seine Unterstützung und Mitarbeit bei dieser wichtigen Aufgabe versichert, die Geduld bedarf sowie „eingehende und gut abgestimmte Überlegungen“, wie der Papst selbstverständlich und zu Recht festhielt.

Vier Dimensionen

Dass LWB und Vatikan eine solche substantielle Annäherung miteinander begehen können, ist gerade in dem spezifisch bilateralen Verhältnis begründet, das alle vier genannten Dimensionen der Ökumene umfasst. Gerade im Bereich der theologischen Ökumene haben bilaterale Dialoge nämlich unverzichtbare Chancen.

Zunächst ist einsichtig, dass die jeweiligen Positionen in den spezifischen kirchentrennenden Fragen von den beiden Partnern mit dem jeweiligen theologisch-dogmatischen Gehalt sowie der historischen Verwurzelung passgenau und kohärent eingebracht werden. Zugleich können Gemeinsamkeiten leichter gestärkt und Übereinstimmungen gefunden werden. Daher haben gerade bilaterale Dialoge zu verbindlichen ökumenischen Errungenschaften geführt. Man denke nur an die Schauenburger Lehrgespräche zwischen Lutherischem und Reformiertem Weltbund in den Sechzigerjahren, die schließlich 1973 zur Leuenberger Konkordie führten. Oder an die Erklärungen von Meißen, Porvoo oder Waterloo, die eine bis dato undenkbare Tiefe der Gemeinschaft zwischen anglikanischen und evangelischen Kirchen bewirkten.

Zu beachten ist allerdings: „Bilateral“ darf nie „isoliert“ bedeuten. Dialoge werden dem ökumenischen Auftrag nie gerecht, wenn sie sich des gesamtökumenischen Horizonts verschließen. Gute bilaterale Beziehungen interagieren stets mit ihrem multilateralen Umfeld. So haben sich beispielsweise die Methodisten Europas die theologischen Erkenntnisse der Leuenberger Konkordie zueigen gemacht und sind heute fester Teil der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Ähnlich hat die multilaterale Lima-Erklärung zu Taufe, Eucharistie und Amt bereichernd auf bilaterale Gespräche gewirkt.

Gerade auch die GER zeigt eine multilaterale Interaktion, die anfangs kaum denkbar war: 2006 schloss sich zuerst der Weltrat Methodistischer Kirchen an. 2017 folgten die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen als auch die Anglikanische Gemeinschaft. Bilaterale Ergebnisse erhalten so multilaterale Effekte, die wiederum die ursprünglichen Gesprächspartner bereichern. Bei der GER ist daraus eine spannende Dynamik erwachsen. Die nächsten multilateralen Schritte werden 2019 folgen, wenn erstmals alle fünf Partner zusammenkommen.

Besondere Möglichkeiten

Blickt man auf diese Chancen und fruchtbaren Wechselwirkungen, sollte man unterschiedliche Arten der Ökumene nicht gegeneinander ausspielen. Ebenso wäre es kontraproduktiv, die konfessionellen Weltgemeinschaften, die diese Dialoge führen, angesichts ihrer vertieften Zusammenarbeit einfach in den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) oder neue multikonfessionelle Strukturen aufgehen zu lassen. Konfessionelle Weltgemeinschaften werden weiterhin die Aufgabe haben, die Beziehungen und Gemeinschaft innerhalb ihrer Konfession zu vertiefen. Sie sind auch der Garant, dass die besonderen Möglichkeiten der bilateralen Ökumene genutzt werden und die Gaben der Konfessionen in die multilaterale Ökumene wie des ÖRK oder des Global Christian Forums eingebracht werden. Außerdem ist eine nicht zu unterschätzende Anforderung an Weltgemeinschaften, dass sie einer Vielzahl regionaler Realitäten gerecht werden müssen, zum Beispiel wenn sie die regionalen Dialoge ihrer Mitgliedskirchen mit verschiedenen Konfessionen begleiten. Wer in welcher Region natürlicher Gesprächspartner ist, unterscheidet sich stark. So wird aus deutscher Perspektive häufig übersehen, dass in Nordamerika und Nordeuropa Lutheraner ganz selbstverständlich enge Beziehungen mit Anglikanern pflegen. Aus dortiger Perspektive wäre eine Verbindung von LWB und Reformierter Weltgemeinschaft so fernliegend wie aus deutscher Perspektive die von LWB und Anglikanischer Gemeinschaft.

Eigenständigkeit in enger Beziehung zu den anderen Weltgemeinschaften ist für den LWB daher unabdingbar. In diesem Beziehungsgeflecht, in allen Dimensionen der Ökumene, profiliert und im Dienst der einen Kirche Christi, wird er den gemeinsamen Weg mit der römisch-katholischen Kirche und den anderen Konfessionen weitergehen. Das DNK/LWB und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) werden sich in diese Prozesse weiter einbringen und sie auch für andere dienstbar und fruchtbar machen.

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Gerhard Ulrich

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Gerhard Ulrich

Gerhard Ulrich war bis vor kurzem Landesbischof der evangelischen Nordkirche und ist Herausgeber von zeitzeichen.


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