Überzeugend

Neurobiologische Orientierung
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Man spürt die Freude des Verfassers, seine Leserinnen und Leser an den Erkenntnissen seiner Disziplin teilhaben zu lassen.

An der Frage, was der Mensch sei, haben sich vor den Neurowissenschaften schon die Metaphysik, die Psychologie, die Sozialwissenschaften und natürlich auch die Theologie versucht. Nun also ist es die Neurobiologie, die sich anschickt, den klassischen Grundfragen der Anthropologie auf den Leib zu rücken: Wie erkennen wir die Welt? Wie gelangen wir zu Bewusstsein? Worauf stützen sich Moral und unser Sehnen nach Transzendenz?

Dass die Neurobiologie es hier mit Fragen des menschlichen Selbstverständnisses zu tun bekommt, macht die Beschäftigung mit ihr auch für den naturwissenschaftlichen Laien relevant. Der Autor ist emeritierter Professor für Neurobiologie und ein ausgewiesener Kenner der Psychophysik der Wahrnehmung, einer Disziplin, die sich mit der Beziehung von physikalischen Reizen zu ihrem psychischen Erleben beschäftigt und sich so aus naturwissenschaftlicher Perspektive mit der alten Frage von „Leib und Seele“ beschäftigt.

Es ist die Frage nach dem Bewusstsein, die den Autor hier besonders umtreibt. „Es ist kalt“ und „Mir ist kalt“ - diese Aussagen bedeuten offensichtlich nicht dasselbe. Und auch der Lichtreiz einer Wellenlänge von 600 Nanometern ist etwas anderes als meine Empfindung der Farbe Rot. Während das erste eine allgemein zugängliche, objektiv messbare Tatsache zu sein beansprucht, ist letzteres als subjektive Empfindung eine Privatangelegenheit, über die sich nur aus der Perspektive der ersten Person Auskunft geben lässt. Farben, Töne, Gerüche und Gefühle gibt es vielmehr nur, weil es sich für mich auf eine bestimmte Weise anfühlt, sie zu haben. Philosophen sahen sich an dieser Stelle stets vor das Rätsel des Bewusstseins gestellt. „Es ist in keiner Weise einzusehen, wie aus dem Zusammenwirken von Atomen Bewusstsein entstehen könne“, fasste Emil Du Bois-Reymond 1872 dieses Problem zusammen. Schon dass die Frage sonst unlösbar schien, war ihm Ausweis dafür, dass sie traditionell falsch gestellt wurde. Naturwissenschaften könnten sich nicht der aufs Ganze gehenden Frage nach dem Bewusstsein stellen, sondern müssten empirisch bearbeitbaren Einzelfragen nachgehen.

Als modernes Experimentierfeld für das alte Leib-Seele-Problem wählt der Autor das Farbensehen. Wenn er den Weg vom objektiven Farbreiz zum subjektiven Farbeindruck nachzeichnet, ist von Campenhausen ganz in seinem Element. Eindrucksvoll gelingt es ihm nachzuweisen, dass die Verarbeitungsvorgänge vom Farbreiz zum Farberlebnis durch die Psychophysik unserer Tage durchgängig aufgeklärt sind. Ob es dem Autor dabei aber auch gelingt, zu zeigen, dass „das Leib-Seele-Problem im Bereich des Farbensehens nicht mehr existiert“, wird ein von der philosophischen Diskussion auf das Thema blickender Leser vielleicht anders sehen. Von Campenhausen dürfte diesen Einwand von Seiten der Philosophie erwarten.

Was er mit der Psychophysik der Farben einführt, erfährt mit dem „Inneren Umweltmodell“, mit dem sich der Mensch wie jedes Lebewesen ein Bild seiner Außenwelt schafft, seine Generalisierung. Dass dieses Modell, das der Autor am Beispiel des mexikanischen Höhlenfisches vorführt, auch das menschliche Bedürfnis nach Orientierung durch Weltanschauung und Religion erklärt, ist allerdings nicht immer einleuchtend. Überzeugend ist die „Orientierungshilfe“ in ihren vielen Details.

Man spürt die Freude des Verfassers, seine Leserinnen und Leser an den Erkenntnissen seiner Disziplin teilhaben zu lassen. Anfechtbarer ist das Werk dagegen in seinen Generalthesen. Ob der Leser hier überzeugende Antworten findet, wird von den Fragen abhängen, die ihn zu seiner Lektüre bewegt haben.

Matthias Schleiff

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