Darwins Problem

Schöpfung durch Evolution und das Leiden der Kreaturen
„Es gibt zu viel Elend auf der Welt.“ Charles Darwin (Foto 1880). Foto: akg-images
„Es gibt zu viel Elend auf der Welt.“ Charles Darwin (Foto 1880). Foto: akg-images
Die Theorie der Evolution provoziert manche Christen bis heute. Und schon Darwin stieß auf die Frage, wie die Leiden der Evolution mit dem Glauben an einen gütigen Gott zu vereinbaren seien. Alte Fragen und neue Antworten präsentiert der Münsteraner Theologe Matthias Schleiff.

"Es ist, als ob man einen Mord gestünde", vertraute Charles Darwin seinem Freund Joseph Hooker in einem Brief aus dem Januar 1844 an - 15 Jahre bevor er seine Überlegungen zum Ursprung der Arten öffentlich machte. Dass seine Ideen von Zeitgenossen als Attentat auf den Schöpfergott verstanden werden konnten, war Darwin, der in Cambridge Theologie studiert hatte, sehr wohl bewusst. Zwei Jahrzehnte hielt er seine Ideen zurück. Erste Überlegungen zur Evolution der Arten gehen auf die Zeit unmittelbar nach seiner fünfjährigen Weltumseglung auf der „Beagle“ zurück: „I think“, notierte Darwin im Sommer 1839 in ein in braunes Leder eingeschlagenes Notizbuch und fertigte darunter mit leichter Hand eine kleine Skizze an. Von einem mit der Ziffer „1“ bezeichneten Ausgangspunkt zieht sich darauf eine Linie steil aufwärts, um sich nach kurzem Strich aufzufächern. Während einige Äste im Nichts enden, gabeln sich andere weiter auf. Dreizehn Enden sind mit einem feinen Querstrich abgeschlossen. Dreizehn verschiedene Arten von Galapagos-Finken der Gattung Geospizae hatte kurz zuvor auch die Bestimmung der mitgebrachten Vogelbälge im heimischen London ergeben. Zum ersten Mal verbinden sich in dieser Zeichnung alle Elemente der Evolutionstheorie Darwins: die Entwicklung neuer Arten, ihre Abstammung von gemeinsamen Vorfahren und das Nebeneinander von Überleben und Aussterben verschiedener Arten.

Die Theorie Darwins hat seither auch selbst eine Evolution durchlaufen - am wichtigsten die als „moderne Synthese“ bezeichnete Verbindung des Entwicklungsgedankens mit der Genetik. Und auch die Finken des abgelegenen Galapagos-Archipels, die Darwin zu seiner Idee geführt hatten, tragen weiterhin zu interessanten Entdeckungen bei: Erst im November 2017 sorgten Forscher in der Zeitschrift Science mit der Nachricht für Aufsehen, dass sich vor ihren Augen innerhalb weniger Generationen eine neue Art von Finken entwickelt hatte. Darwin wäre wohl entzückt über diese Entdeckung, die als eindrucksvoller Beleg für seine Theorie gelten kann.

Kreationisten indessen haben mit der Evolutionstheorie bis heute ihre Schwierigkeiten. Genussvoll legen sie ihren Finger in die offenen Stellen der Theorie. Und diese gibt es zweifellos: „missing links“ in der nachweisbaren Fossilienfolge, ungeklärte Fragen bei der Entstehung der ersten lebenden Zellen oder beim Zusammenhang von Individualentwicklung und Artenbildung, wie sie gegenwärtig unter dem Stichwort der „Evo-Devo“-Forschung verhandelt werden. Manche Fragen kann die Evolutionstheorie in der Tat bis heute nicht beantworten, und neue tun sich immer wieder auf. Aber es wäre ein Missbrauch der Erkenntnisprinzipien der Wissenschaft, ihre offenen Fragen gegen sie zu wenden. Die Fragen von heute leiten die Forschungsprojekte von morgen. Wer seine Ansichten auf den Lücken der Wissenschaft aufbaut - und hier womöglich noch Platz für Gott zu finden meint -, wird daher feststellen müssen, dass sich diese Lücken im Laufe der Zeit meist zu schließen pflegen.

Wer einem Lückenbüßer-Gott anhängt, treibt schlechte Wissenschaft, aber auch schlechte Theologie. In der Wissenschaft steht der Lückenbüßer-Gott der Suche nach besseren Erklärungen im Weg. Und für die Theologie hat schon Dietrich Bonhoeffer formuliert: „Es ist mir ganz deutlich geworden, dass man Gott nicht als Lückenbüßer unserer unvollkommenen Erkenntnis figurieren lassen darf. In dem, was wir erkennen, sollen wir Gott finden, nicht aber in dem, was wir nicht erkennen.“ Nicht an den zweifelhaften Rändern unserer Möglichkeiten, sondern von der Mitte unserer Denk- und Lebensmöglichkeiten her müsse deshalb nach Gott gefragt werden.

Das heißt nun aber gerade nicht, dass Theologen das Thema der Evolution als erledigt betrachten könnten. Eine ganze Reihe von Anfragen ergeben sich hier auch für die Theologie. So etwa die Frage, wie angesichts eines offenbar ohne göttliche Intervention auskommenden Prozesses der Evolution Gott als Schöpfer überhaupt noch im Spiel zu halten ist. Wie ist das Verhältnis Gottes zu einer so selbständigen Natur zu denken?

Der Jesuit, Philosoph und Anthropologe Pierre Teilhard de Chardin (1881-1955) brachte eine bis heute weiterführende Antwort auf die Formel: Gott „mache“ die Dinge nicht direkt - „Gott macht, dass sich die Dinge selber machen.“ Mit diesem Gedanken ist die relative Selbstständigkeit der Schöpfung sehr ernst genommen. Aus ihrem Wirken kann werden, was vorher nicht war. Weil Gott es will, wird seine Schöpfung ihrerseits schöpferisch wirksam.

Es gibt ein weiteres Problem, vor das die Evolution die Theologie stellt: Schon Darwin hielt es für die eigentliche Herausforderung seiner neu gewonnenen Auffassung für den Glauben. Ihm machte das Leid zu schaffen, das die Evolution als unvermeidlichen Teil der Natur betrachtet. Wie kann man Gott als Schöpfer einer Natur verstehen, in der allenthalben Leiden und Sterben zu beobachten sind? „Ich möchte nicht atheistisch klingen“, notierte Darwin dazu 1860 in einem Brief an den Botaniker Asa Gray, „aber ich gestehe, dass ich nirgends Anzeichen eines gütigen Willens sehen kann. Es gibt zu viel Elend auf der Welt. Ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ein gütiger und allmächtiger Schöpfer es ausdrücklich so hätte einrichten sollen, dass Schlupfwespen den Körper ihres noch lebenden Wirtes von innen auffressen müssen.“

Und die Natur kennt weit größere Leiden. Es sind die evolutionären Prinzipien der Mutation und Selektion, die sich hier von ihrer grausamen Seite präsentieren. Mutation, die Veränderung von Genen, bedingt nicht nur die Entwicklung der Arten; viel häufiger führt sie zu Geschwüren und Tumoren. Selektion wiederum etabliert ein „Recht des Stärkeren“. Fast alle Tiere haben weit mehr Nachkommen, als in der Natur überleben können. Der „Kampf ums Dasein“ - ein sehr irreführender Begriff - wird daher meist nicht zwischen Räuber und Beute ausgetragen, sondern zwischen Geschwistern im Wettstreit um begrenzte Ressourcen. Dem Gesetz der Natur fallen dabei einzelne Individuen und ganze Arten zum Opfer.

Eben dies war Darwins Problem in Sachen Evolution und Gottesglaube: die von den mannigfachen Leiden in der biologischen Entwicklung nur noch akuter werdende Frage des Übels in der Welt - mit anderen Worten: das in der Biologie in besonderer Gestalt wiederkehrende Problem der Theodizee.

Das Theodizee-Problem gehört bekanntlich zu den hartnäckigsten Fragen der Geistesgeschichte. Es sind die Übel in der Welt, für die Gott dabei der Prozess gemacht werden soll. Nicht jedes Übel eignet sich dabei gleichermaßen als Anklagepunkt: Für nicht wenige Leiden wird sich eher der Mensch als Gott verantworten müssen. Mit den Leiden in der Biologie ist es aber anders bestellt. Dass Lebewesen leiden und sterben, ist tief in den Gesetzmäßigkeiten der Natur verwurzelt. Der Theologie wird das zu denken geben müssen.

Altes muss vergehen

Eine Theologie, die sich auf den Ernst dieser Frage einlässt, wird damit umgehen müssen, dass der Tod ein Teil in Gottes Schöpfungsprozess ist. Wir sehen daran, dass in der Welt nichts dazu bestimmt ist, ewig zu sein. Damit Neues werden kann, muss Altes vergehen. Der Erfahrung dieses Werdens und Vergehens in der Natur kann der Glaube aber die Hoffnung entgegenhalten, dass in Gott bewahrt bleibt, was er geschaffen hat. Christian Link, emeritierter Theologe aus Bochum, fasst das treffend zusammen: „Die Natur verliert ihre Toten, die Schöpfung nicht.“

Es ist, so wird man schließlich festhalten können, diese stets wiederkehrende Folge des Werdens und Vergehens, der auch wir - das heißt: jeder einzelne von uns und wir als Gattung Mensch - unser Dasein verdanken. Nirgendwo wird das so tragisch deutlich wie an den Folgen genetischer Veränderungen: Die Mutation der Gene - es ist ein und derselbe Prozess, der die Entwicklung des Lebens in Gang setzt und die Entstehung bösartiger Krebsgeschwüre ermöglicht. Leben und Tod sind hier aufs engste miteinander verbunden.

Der Mensch ist gewiss nicht nur ein Produkt der Evolution. Aber der Mensch wäre nicht, was er ist, ohne seine Geschichte, die vom Einzeller zum Homo Sapiens führt. Eben so hat Gott den Menschen geschaffen - und: „Hätte er ihn anders erschaffen, hätte er auch etwas anderes als den Menschen erschaffen“ (Armin Kreiner). Wer die Leiden der Evolution zum Rechtsstreit gegen Gott verwendet, wird das bedenken müssen: Was er als Anklagepunkt gegen Gott vorbringt, ist eine Kehrseite dessen, was Bedingung seiner eigenen Existenz ist. Im Namen des Menschen, der selbst auch ein Produkt der Evolution ist, wird sich diese Klage aber kaum führen lassen.

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Matthias Schleiff

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