Wie die Quäker

Klartext
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im Januar und Februar stammen von Jürgen Wandel. Er ist Ständiger Mitarbeiter der zeitzeichen.

Bessere Welt

LETZER SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 21. JANUAR

Fürchte Dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. (Offenbarung 1,17)

Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung oder Apokalypse des Johannes, hielt Martin Luther „weder für apostolisch noch für prophetisch“. Ihn störten vor allem die Visionen, die das Buch beschreibt. Und den meisten Mitgliedern der Landeskirchen, auch den Theologen, dürfte es ähnlich gehen. Zu fremd und grausam sind die Bilder, die der Seher Johannes malt.

Sektenführern geht es gerade umgekehrt. Sie benutzen die Johannesapokalypse dazu, Mitglieder zu gewinnen und bei der Stange zu halten. Sie behaupten, dass nur die Angehörigen ihrer Sekte die Schlacht zwischen Gut und Böse überleben, die laut Offenbarung 16,16 in „Harmagedon“ stattfindet, während alle anderen Menschen, auch die abtrünnigen Sektenmitglieder, vernichtet werden.

Aber schon der Lateiner weiß, dass der Missbrauch einer Sache, auch eines Textes, nicht gegen den rechten Gebrauch spricht (abusus non tollit usum). Man muss die Johannesoffenbarung wie die Bibel insgesamt kritisch lesen. Und dabei fallen Spitzensätze auf, die verdichten, was für den christlichen Glauben zentral ist und die trösten und ermutigen. Einer von ihnen ist die oben zitierte Aussage. Sie schreibt Jesus Christus zu, was Gott laut Jesaja 44,6 von sich sagt: „Ich bin der Erste und ich bin der Letzte.“

Die Johannesoffenbarung entstand, als sich der römische Kaiser Domitian als Gott verehren ließ. Damals mussten sich die Christen zwischen ihm und Christus entscheiden. Und wer sich für Christus entschied, riskierte seine Existenz. Angesichts der Bedrohung durch den römischen Staat kann man die Gewaltphantasien des Sehers Johannes verstehen.

Deutschlands Christen leben Gott sei Dank in einer anderen, fundamental veränderten Situation. Im Westen genießen sie seit 1945 Religionsfreiheit und im Osten seit 1990. Verändert hat sich aber auch das Gottesbild. Johannes dürfte wie die anderen Verfasser der biblischen Schriften fest damit gerechnet haben, dass Gott in das Weltgeschehen so eingreift, wie das Menschen tun, wenn sie oder Mitmenschen in Gefahr geraten. Aber auch Christen, die diese Vorstellung nicht teilen, dürften glauben, dass sich am Ende Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die das Wesen Gottes ausmachen, durchsetzen. Ein solches Gottvertrauen ermutigt, sich nicht mit der Welt abzufinden, wie sie wirklich oder vermeintlich ist, sondern sie zu verändern und zu verbessern.

Teufel im Detail

SONNTAG SEPTUAGESIMÄ, 28. Januar

Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr. (Jeremia 9,23)

Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinden kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiele lassen, dieweil sie das gar nichts angeht.“ Was Kaiser Wilhelm II. am 28. Februar 1896 seinem früheren Erzieher Georg Hinzpeter schrieb, dürften auch manche heutige Politiker denken. Sie äußern sich nicht so unverblümt wie der Schwadroneur auf dem Kaiserthron, sondern fordern nur, die Kirche solle bei ihrem „Kerngeschäft“ bleiben oder zu ihm zurückkehren. Das hört sich zunächst harmlos an. Das Kerngeschäft von Pfarrerinnen und Pfarrern ist: Gottesdienste leiten, Seelsorge betreiben und unterrichten, und dies alles so gut wie möglich. Aber dabei können sie nicht „die Politik aus dem Spiele lassen“. Diese Forderung klang schon aus dem Mund eines Herrschers seltsam, dessen Titel „von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser“ die Verbindung von Glauben und Politik hervorhob. Und genauso widersprüchlich ist es, wenn Abgeordnete und Anhänger einer Partei, die sich „christlich“ nennt, mit dem Christentum also Politik macht, eine unpolitische Kirche fordern.

Aber der Gott, an den Christen glauben, den die Propheten und Jesus verkündigten, ist kein höheres Wesen, das sich in Feierstunden verehren lässt, aber ansonsten die Menschen ihrem Schicksal, die Schwachen den Starken preisgibt. Vielmehr übt er „auf Erden“ (!) Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Und diejenigen, die beschnitten oder getauft sind, sollen daran mitwirken. Und das heißt gerade in einem demokratischen Staat, sich in die Politik einzumischen.

Aber auch hier steckt der Teufel im Detail: Natürlich müssen Christen sich selber und andere immer wieder daran erinnern, dass Jesus nach der Überlieferung der Evangelien religiöse und nationale Grenzen überwunden hat. Und zum Wesen der Kirche gehört ihre Katholizität, sprich: Universalität. Daher müssen Christen, auch als Politiker, Nationalismus und Rassismus entschieden bekämpfen. Aber das kann nicht bedeuten, die Grenzen zu öffnen und unbesehen Leute ins Land zu lassen, die Frauen, Juden und Schwule verachten. Dass dies auch Einheimische tun, ist schon schlimm genug. Einwanderung kann die Kultur und Wirtschaft unseres Landes bereichern, aber nur wenn es bestimmen kann, wer kommen darf und wer nicht - so wie das klassische Einwanderungsländer tun.

Wunderbares Buch

SEXAGESIMÄ, 4. februar

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. (2. Korinther 12,9)

In der evangelischen Frömmigkeitstradition und Theologie gibt es die Unsitte, Sätze der Bibel aus ihrem Zusammenhang zu reißen, um so die eigene Meinung zu untermauern. Diese Steinbruchmethode stößt denkende Zeitgenossen ab. Und so wird verdunkelt, dass einzelne Bibelsprüche, die in der Lutherbibel oft gefettet sind, „Worte des ewigen Lebens“ enthalten, weil sie den Kern des christlichen Glaubens auf den Punkt bringen. Das hat die Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) erfahren, die unverdächtig war, einem Biblizismus zu huldigen. In ihrem hinreißenden Buch Die Hinreise schildert sie ihre Verzweiflung nach der Scheidung von ihrem ersten Mann: „Alles, worauf ich gebaut hatte, was ich gehofft, geglaubt und gewollt hatte, war vernichtet.“ Sölle dachte darüber nach, sich das Leben zu nehmen, denn „Sterben-wollen war die einzige Hoffnung, der einzige Gedanke“. Bei einer Reise durch Belgien betrat sie eine gotische Kirche. Sie versuchte zu beten, aber ihr Gebet glich nur einem Schrei: „Ich schrie um Hilfe, und darunter konnte ich mir zweierlei vorstellen: dass mein Mann zu mir zurückkehrte oder dass ich stürbe und diese Dauerhinrichtung endlich aufhörte.“ Plötzlich fiel Sölle der Bibelspruch „Lass dir an meiner Gnade genügen“ ein. Zuvor hatte sie ihn abgelehnt, weil „der über alles mächtige Gott, der für Tausende Gesundheit, langes Leben und Wohlergehen hatte“ für den kranken Paulus „nichts übrig“ hatte, „als einen Spruch, der die unerträgliche Realität nicht änderte, sondern festschrieb“.

Doch in der Kirche überkommt Sölle das Gefühl, dass Gott ihr diesen Satz sagt. Und sie fängt an, „in der Größe eines Stecknadelkopfes zu akzeptieren“, dass ihr Mann „einen anderen, seinen eigenen Weg“ geht.

Dass sich Gottes Kraft „in der Schwachheit vollendet“, zeigt sich auch an der Bibel. Sie ist ja nicht vom Himmel gefallen, was zum Beispiel Muslime vom Koran behaupten. Die Bibel wurde vielmehr von Menschen geschrieben, die Kinder ihrer Zeit waren und deren Wissen begrenzt war. Die Bibel ist immer wieder übersetzt worden. Übersetzung aber ist immer auch Interpretation und mitunter falsch. Ein italienisches Sprichwort spitzt diese Tatsache zu: „Der Übersetzer ist ein Verräter“ (traduttore traditore). Menschen legen die Bibel aus und verkündigen ihre Botschaft. Und andere Menschen hören oder lesen das. Dabei entstehen wie bei jeder menschlichen Kommunikation Missverständnisse. Aber durch diese Schwachpunkte hindurch erweisen sich Worte der Bibel, wie Dorothee Sölles Erlebnis zeigt, immer wieder und überraschend als Wort Gottes. Das ist doch wunderbar.

Dienst und Dienst

ESTOMIHI, 11. FEBRUAR

So spricht der Herr, der Gott Zebaoth:.Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. (Amos 5,23-24)

Hinter uns liegt eine Zeit mit Gottesdiensten, die stärker besucht waren als üblich. Selbst in einer so entkirchlichten Großstadt wie Berlin waren die Kirchen am Reformationstag überfüllt wie an Heilig Abend. Auch am Totensonntag waren sie voll. Und im mulitreligiösen London strömten die Leute im Advent wieder in die Kirchen, um einen Carol Service zu besuchen, in dem Advents- und Weihnachtschoräle (carols) gesungen und Abschnitte aus der Bibel verlesen werden, die einen Bogen vom Sündenfall bis zur Geburt Jesu spannen.

Für Gottesdienstbesuche gibt es viele bewusste und unbewusste Motive, Tradition, Neugier, Sehnsucht nach Geborgenheit, das Bedürfnis, den Alltag zu unterbrechen und zu vergessen, sich hinzugeben und zu empfangen. Und das ist gut so. Gott beklagt nach den Worten des Propheten Amos ja nicht, dass die Israeliten Gottesdienste feiern, singen und Harfe spielen. Seine Kritik setzt vielmehr daran an, dass dem Gottesdienst kein Dienst am Nächsten folgt. Um was es Amos ging, hat der Theologe Dietrich Bonhoeffer in der Nazizeit so übersetzt: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.“ Mit anderen Worten: Man darf Choräle aus einer fernen Zeit mögen und singen und sich aus der Welt zurückziehen, muss aber wieder in sie zurückkehren und sie verbessern.

Für Christen geht Religion nicht in Ethik auf, im Denken und Tun des Guten. Aber ohne sie ist Religion nicht christlich, sondern verleugnet den Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks, den Jesu als seinen Vater verstanden und verkündigt hat.

Dass und wie der Gottesdienst und der Dienst am Nächsten zusammengehören, zeigen die Quäker: In ihren Andachten schweigen sie eine Stunde lang. Das inspiriert sie, die Nöte der Welt zu sehen, zu diskutieren und anzupacken. Oft waren Quäker den großen Kirchen voraus: Sie bekämpften die Sklaverei und den Krieg, als viele Christen unter der Devise „Gott mit uns“ in die Schlachten zogen und dazu von Pfarrern und Theologieprofessoren angespornt wurden. Quäker drängten auf Gefängnisreformen, unterstützten Juden, die von den Nazis verfolgt wurden, speisten nach beiden Weltkriegen deutsche Kinder und praktizierten früher als andere Christen die Gleichberechtigung von Frauen und Schwulen.

Jürgen Wandel

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