Durchgepflügt

Bolcoms neue Klaviermusik
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Mit der schwarzweißen Klaviatur erschafft William Bolcom eine vielfarbige Landschaft, die glitzert und perlt, schroff und steinig, liebreizend und sanft sein kann.

Der 1938 in Seattle geborene US-amerikanische Komponist William Bolcom kam bereits mit 11 Jahren zum Klavierstudium an die University of Washington, von wo es ihn zunächst weiter zu Darius Milhaud an das Mills College, einen Schmelztiegel der zeitgenössischen Musik in den USA, und später zu Olivier Messiaen an das Conservatoire de Paris zog. 1953 gewann er den BMI Student Composer Awards. 1988 erhielt er den Pulitzer-Preis für Musik für seine "12 New Etudes for Piano".

Dieser grandiose Reigen eröffnet die zweite der drei CDs, auf denen Naxos das gesamte Klavierwerk Bolcoms vorstellt. Dessen "Songs of Innocence" und "Songs of Experience" nach William Blake, ein abendfüllendes Werk für Soli, Chor und Orchester, bescherten Komponist und Label 2006 mit gleich drei Grammys für die beste Chorleistung, die beste zeitgenössische klassische Komposition und die beste Veröffentlichung im Bereich Klassische Musik einen großen Erfolg.

So weit wird es diese Aufnahme vielleicht nicht schaffen. Gleichwohl eröffnen die zu hörenden Werke – exzellent und ausdrucksstark von Constantine Finehouse, Estela Olevsky, Ursula Oppens und Christopher Taylor, allesamt internationale Größen ihres Fachs, gespielt – ein faszinierendes Spektrum amerikanischer Klaviermusik des 20. und 21. Jahrhunderts, die in der Tradition der Goldgräber vieles ans Licht hebt und auf den Prüfstand stellt. Dabei finden sich Anleihen bei klassisch europäischen Formen wie jede Menge kurzweilig durchpflügtes Neuland, das die eigentlichen Schätze dieser Aufnahmen hervorbringt. Nicht nur die "12 New Etudes for Piano" (1959–66) auch die schon vorher entstandenen "Spring Dances" (1956), die "Three Dance Portraits" (1983–86) und die "Night Meditations" (2012) zeigen einen Komponisten, dem das Klavier in der horizontalen Weite seiner Spielräume zum Spiegel der seelischen Vertikale wird.

Mit der schwarzweißen Klaviatur erschafft William Bolcom eine vielfarbige Landschaft, die glitzert und perlt, schroff und steinig, liebreizend und sanft sein kann – ganz, wie es der Moment will. Denn beinahe alles, was wir hier von William Bolcom hören, ist in seiner Lebendigkeit von kurzer Dauer, zwei bis drei Minuten meist nur, und offenbart sich als der Wetterdienst der Seele, dessen Voraussagen vage, dessen Gegenwart aber von umwerfender Wirklichkeit ist – im Tanz wie im Trott. Alle vier Interpreten dieser umfangreichen Aufnahme erweisen sich als eins mit der Musik und dem Instrument. Die Blitze, die Bolcom schleudert, wissen sie ebenso fulminant zu greifen, wie sie dessen flüsternden Morgentau sanft auf die Tasten tupfen. Das lässt sich hören.

Klaus Martin Bresgott

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