Weg in den Widerstand

Neue Biographie über Hans Scholl
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Wer den Bruder von Sophie Scholl und seinen Weg in den Widerstand kennen lernen möchte, muss dieses wichtige Buch lesen.

Das Wirken des Widerstandskreises um die Geschwister Scholl in München kann inzwischen als gut erforscht gelten. Einige jüngere Publikationen wie jene des Historikers Sönke Zankel zum Münchener Studentenprotest (2008) lösten kontroverse Debatten um die Bewertung ihrer Motive aus, trugen jedoch zur historischen Aufklärung jenseits mancherlei Legendenbildung bei. Auch die jetzt erschienene biografische Studie des evangelischen Theologen Robert M. Zoske zu Hans Scholl, dem älteren Bruder von Sophie Scholl und maßgeblichen Inspirator des Kreises, der sich nur zeitweilig „Weiße Rose“ nannte, leistet historische Aufklärung und vervollständigt das Bild.

Geboren im letzten Kriegsjahr 1918 in Ingersheim (Württemberg), entstammte Scholl einer schwäbisch-protestantischen Familie. Nach mehreren beruflichen Stationen des Vaters Robert Scholl lebte die kinderreiche Familie seit 1932 in Ulm, wo Hans Scholl im März 1937 das Abitur machte. Während der Vater, ein Jurist und Verwaltungsfachmann, dem Nationalsozialismus eher distanziert begegnete, schwärmten die jugendlichen Geschwister Inge und Hans Scholl um 1933 für die Hitlerbewegung. Hans Scholl bewegte sich mehrere Jahre lang zwischen bündischer Jugend, die inzwischen verboten war, und Hitler-Jugend, wo er lokale Führungspositionen innehatte. So nahm er als Fahnenträger am Reichsparteitag 1935 in Nürnberg teil. Im Dezember 1937, nun bereits im Militärdienst, wurde Scholl verhaftet. Der offizielle Haftgrund lautete „illegale Jugendarbeit“ und „Unzucht“. Vor dem Sondergericht Stuttgart kam Scholl glimpflich davon, seine homosexuellen Aktivitäten im bündischen Milieu wurden als „jugendliche Verirrung“ gewertet.

Im April 1939 begann er ein Medizinstudium in München, las und hörte zugleich viel Philosophisches. Scholl dichtete, hatte rasch wechselnde Beziehungen mit jungen Frauen und entfernte sich, nach anfänglicher Begeisterung, innerlich vom Nationalsozialismus. Im Sommer 1942 entstanden in Verbindung mit seinem Freund Alexander Schmorell die ersten vier Flugblätter der „Weißen Rose“. Ein wichtiger Ideengeber dafür seien die aus dem Exil gesendeten Rundfunkansprachen Thomas Manns gewesen. Eine weitere und höchst riskante Flugblattaktion im Februar 1943 im Hauptgebäude der Münchener Universität führte schließlich zur Verhaftung von Hans und Sophie Scholl und nach Freislers Volksgerichtsurteil zu deren sofortiger Hinrichtung am 22. Februar 1943 im Gefängnis München-Stadelheim.

Biograf Robert M. Zoske verfolgt den auffallend mäandrierenden Lebensweg des jungen Scholl durch die Dreißigerjahre bis in letzte Verzweigungen mit großer Akribie. Der Leser erfährt Neues über den jungen romantisierenden Poeten Scholl, dessen Dichtungen erstmals vollständig im Anhang abgedruckt werden. Deutlich werden seine geistigen Suchbewegungen, die von manchen Umwegen und Abwegen gekennzeichnet sind. Prägende Vorbilder waren Stefan George, teilweise Nietzsche; auch Rainer Maria Rilke, Friedrich Schleiermacher, Paul Claudel spielten eine Rolle bei Scholls reichlich unsystematisch anmutender Lektürewahl. Erst während der Kriegszeit wurde bei ihm das Christliche wieder wichtiger. Ein geradliniger Weg vom jugendlichen Hitler-Jugend-Führer zum christlich motivierten Widerständler war das jedoch nicht.

Was die historische Erinnerung und das Gedenken an die große Tat des Scholl-Kreises betrifft, resümiert Zoske kritisch: „In der öffentlichen Wahrnehmung ist die ‚Weiße Rose’ mit den Geschwistern Scholl’ verbunden, deutlich mehr mit Sophie als mit Hans. So wird nur Sophie Scholl durch eine Büste im Lichthof der Münchner Universität und in der Gedenkstätte bedeutender Deutscher, der ‚Walhalla bei Regensburg’ geehrt. Diese verklärende Bewunderung widerspricht den historischen Tatsachen. Die treibende Kraft, der kreative Kopf des Münchner studentischen Widerstands war eindeutig Hans Scholl.“

An einer Stelle nennt der Verfasser Dietrich Bonhoeffer und Hans Scholl die „beiden großen protestantischen Charismatiker“ der Epoche. Das scheint mir dann doch, bei aller Anerkennung für Scholl, ein wenig hoch gegriffen. Gleichwohl, wer den Bruder von Sophie Scholl und seinen Weg in den Widerstand kennen lernen möchte, muss dieses wichtige Buch lesen.

Manfred Gailus

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