Wie Zypressen

Lyrik aus vergangenen Jahrzehnten
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Ein Lebensbericht in Versen, der sich weniger beim Zufälligen und Alltäglichen aufhält und diese Momente wie gelegentlich erinnert oder aufleben lässt.

Gerlind Reinshagen, 1926 im ostpreußischen Königsberg geboren und in Halberstadt am Harzrand aufgewachsen, ist seit den Achtzigerjahren vornehmlich durch ihre Romane berühmt – wie Rovinato oder Die Seele des Geschäfts sowie Zwölf Nächte, in denen die deutsche Geschichte, angebunden an die Rauhnächte zwischen den Jahren, auf den Tisch kommt. Auch ihre Stücke, wie etwa das von Claus Peymann inszenierte Drama Sonntagskinder, das von Michael Verhoeven verfilmt worden ist, haben sie berühmt gemacht.

Jetzt hat der Suhrkamp Verlag erstmals Gedichte aus den vergangenen fünfzig Jahren im Leben von Gerlind Reinshagen heraus gegeben und damit der klugen alten Autorin noch einmal einen besonderen Platz angeboten. Was für ein Glücksfall. Atem anhalten ist der Band überschrieben. Er widmet sich diesen besonderen Momenten, in denen der Atem für Momente einfriert und nur das Herz pulsend tönt – Momenten im Menschenleben, „die nur im Zustand größter Konzentration und Anspannung zu begreifen sind, in äußerster Verzweiflung beispielsweise oder angesichts irrwitzigster Schönheit. Und wo, frag ich, wäre beides (Schönheit und Verzweiflung) besser aufgehoben als im Gedicht?“

Der Band bewegt sich durch den deutschen Frieden und zeigt dabei dessen fragile Seiten in der Auseinandersetzung mit der Geschichte in ihren besonderen Facetten von Nachkrieg und Wirtschaftswunder, deutscher Teilung und Wiedervereinigung. Es geht um die Familie, es geht um uns selbst. Atem anhalten ist ein Lebensbericht in Versen, der sich weniger beim Zufälligen und Alltäglichen aufhält und diese Momente wie gelegentlich erinnert oder aufleben lässt.

Jedes Freeze in diesem außergewöhnlichen Band ist vielmehr eine geronnene Erkenntnis, eine Einsicht aus Erfahrung. Dass Gerlind Reinshagen dafür die lyrische Form wählt, scheint nur folgerichtig. Wie Zypressen ragen die einzelnen Gedichte steil auf aus dem alles über- und zudeckenden Kraut aus Wort-Schwall und Schweigen. In dieser klaren, unaufgeregten Wesentlichkeit setzt sie ihre Worte auf-, nicht nebeneinander, und gibt damit einem jeden seine Kraft und Bedeutung zurück.

Damit reiht sie sich auf feine Art bei Kolleginnen ein, denen sie in der Rubrik „vorbilder – nachbilder“ sehr anrührende und wertschätzende Gedichte widmet – der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson (1830–1886), deren wegweisende Gedichte erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurden, Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848), Sarah Kirsch (1935–2013), Wislawa Szymborska (1923–2012) und Gertrud Kolmar (1894– 1943), der sie schon 2007 ein überaus lesenswertes Porträt gewidmet hat Die Frau und die Stadt. Eine Nacht im Leben der Gertrud Kolmar. Was eint Gerlind Reinshagen mit diesen Dichterinnen? Es scheint, als sei sie diesen in ihrer Haltung nahe, in ihrer illusionslosen, gleichwohl lebenshungrigen Verwurzelung in ihrer Zeit, der sie inwendig verbunden und gleichzeitig fremd ist. Alterswach wunderbar.

Klaus-Martin Bresgott

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