Elite für eine bessere Welt

Warum auch die Theologie zum Motor der Geschichte werden sollte
Der demokratische Sozialismus muss noch eine Chance erhalten.

Wenn Jubiläen und Gedenktage einen guten Sinn haben sollen, dann sicherlich nicht den, verstorbene Personen zu verklären oder zu verdammen. Das gilt für die Besinnung auf Martin Luther im vergangenen Jahr ebenso wie im Jahr 2018 für die Erinnerung an Karl Marx. Beide Personen haben ein faszinierendes und breit gefächertes Werk hinterlassen und Weltgeschichte geschrieben. Der eine steht für „Reformation“, der andere für „Revolution“. Beides sind Impulse der Veränderung.

In der „11. These“ über Ludwig Feuerbach formuliert Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Ich fühle mich durch den Anstoß, den Marx gegeben hat, herausgefordert, ohne ihm als „Marxist“ folgen zu müssen. Dass aber der demokratische Sozialismus in der Gegenwart noch eine Chance erhalten muss, wenn wir Welt und Menschheit vor dem Untergang bewahren wollen, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Wer auch immer im Deutschland des Jahres 2018 mit Karl Marx den Anspruch erhebt, die „Welt verändern“ zu wollen, steht dabei vor Problemen: Dieser Anspruch scheint vollkommen überzogen und unrealistisch zu sein. Der neoliberal globalisierte Kapitalismus inszeniert sich selbst als alternativlos. Die Analysen und Gedanken von Karl Marx scheinen durch das Elend des einst „real existierenden Sozialismus“ in der USDDR und der DDR diskreditiert zu sein. Der Begriff „Revolution“ ist in der Gegenwart äußerst negativ konnotiert, schon wegen der Assoziation der Gewaltsamkeit, die sich zumeist mit ihm verbindet. Und selbst der Begriff der „Reform“, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eher positiv belegt war, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch Rechtschreibreformen und Hartz-Gesetze einen negativen Beigeschmack bekommen.

Es fragt sich daher: Wenn sich schon der Begriff „Revolution“ als Interpretament von „Veränderung“ nicht einfach wiederbeleben lassen wird, kann es dann wenigstens gelingen, einen unbelasteten Begriff von „Reform“ wiederzugewinnen? Vielleicht empfiehlt es sich, mit Niklas Luhmann darunter schlicht eine für Organisationen typische Form der Veränderungsplanung zu verstehen. Dann lässt sich zeigen: Organisationen (wie etwa auch Kirchen) unterliegen in einer sich verändernden Welt ständig Veränderungen und müssen auch selbst aktiv Veränderungen gestalten. Dazu bedürfen sie einer funktionierenden Veränderungsplanung.

Wer aber kann Subjekt der Weltveränderung sein? Wer könnte die Welt (oder auch nur: die Gesellschaft, die Kirche) verändern? Wer ist der lebendige Motor der Geschichte? Marx setzte bekanntlich seine Hoffnung auf das Proletariat, das seines Erachtens geeignet war, die Bourgeoisie zu überwinden. Diese Hoffnung hat sich eher nicht erfüllt. Das hat auch, aber nicht nur, damit zu tun, dass es heute längst kein klassisches „Proletariat“ in Deutschland (und Europa) mehr gibt. Wer aber kommt sonst in Frage? Die demokratischen Parteien oder zumindest einige unter ihnen? Die Gewerkschaften? Traditionelle intermediäre Institutionen der Zivilgesellschaft wie etwa die Kirchen? Oder neuere, avantgardistische Bewegungen, Gruppen und Initiativen (wie Attac, „Pulse of Europe“)?

Eine Schlüsselfrage scheint mir dabei unter anderem zu sein, welche Rolle die Religionsgemeinschaften hierbei spielen können. Gibt es heute beispielsweise wirklich einen religionsübergreifenden Konsensus, dass „der Kapitalismus“ überwunden werden muss? Ich sehe das nicht. Aber: Jede Zeit braucht ihre Philosophinnen und Philosophen. Vielleicht hatte Platon ja doch Recht, dass er seine Hoffnung auf die Philosophierenden setzte, also auf eine denkende Elite, für die gilt, dass sie „gedächtnisstark ist, leicht lernt, hochsinnig, voller Anmut, befreundet und verwandt mit Wahrheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit“. Dabei geht es um eine Verantwortungs- und Leistungselite, die bereit ist, gesellschaftliche Leitungs- und Steuerungsfunktionen zu übernehmen. Zu Recht hat daher der marxistische Philosoph Alain Badiou (geboren 1937) in seiner Rekonstruktion von Platons „Staat“ dessen Königsthese dahingehend übersetzt, es müssten „Philosophen sein, die die Leitungsfunktionen innehaben. Oder umgekehrt".

Mit einer denkenden, verantwortungsbereiten Elite einen neuen Anlauf zur Umgestaltung der Gesellschaft in Richtung eines demokratischen Sozialismus zu unternehmen, das scheint mir eine zentrale politische Aufgabe der Gegenwart zu sein. Diese Debatte würde ich gerne eröffnen. Wie wäre die Rolle der Denkenden in Theologie und Kirche heute zu beschreiben? Ich vermute, es wäre gut, wenn sie als gläubige Philosophinnen und Philosophen den Weg der Veränderung begleiten würden. Und damit Teil eines pluralen Subjekts möglicher Weltveränderung wären.

Eberhard Pausch

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