Jenseits und mehr

Leseparadies von Bruno Jonas
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Ein Kabarettist schreibt über das Jenseits. Bruno Jonas, der spätestens seit seiner Mitwirkung in der legendären TV-Sendung „Scheibenwischer“ mit Dieter Hildebrandt deutschlandweit bekannt gewordene bayerische Kabarettist, antwortete jüngst im Gespräch mit dem Domradio auf die Frage, warum nun er gerade ein Buch über das Jenseits geschrieben habe, wo es doch schon so viele gebe, etwas kokett: „Das Neue bei mir ist, dass ich Selbstverständliches so unverständlich formulieren kann, dass der Leser glaubt, er lese etwas völlig Neues.“

Ob wirklich alles völlig neu ist, was Jonas über das Jenseits formuliert, darf man bezweifeln, aber das Buch ist über weite Strecken schon eine sehr lustige Angelegenheit, auch wenn Humorfähigkeit gerade in Sachen Jenseits bei den Rezipienten sehr unterschiedlich ausfallen dürfte. So erzählt Jonas eine Begebenheit aus einer Vorstellung der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, die ihm Dieter Hildebrandt überlieferte: Ein Zuschauer sei während der Vorstellung vom Barhocker gefallen und sofort tot gewesen. Er habe sich „totgelacht“, so die kolportierte Diagnose Hildebrandts. Man habe die Vorstellung abbrechen wollen, doch der Bruder des Verstorbenen habe darauf bestanden, die Vorstellung zu Ende zu spielen, weil er meinte, seinem Bruder hätte genau das gefallen. Und so sei es geschehen. „Wenn Sich-totlachen eine Möglichkeit des Selbstmordes wäre, könnte ich mich damit anfreunden“, lautet das Fazit von Bruno Jonas.

Lustig? Ja, irgendwie schon. Aber irgendwie scheint dieser Episode dann doch etwas die Leichtigkeit zu fehlen. Jene Leichtigkeit etwa, die Jonas zum Beispiel beim Sinnieren über den Jüngsten Tag befällt, von dem er doch bitte schön wissen möchte, wann er komme, damit er ihn nicht verplane und „Hoffentlich kein Dienstag oder Mittwoch, wenn die Champions League spielt.“ Leicht ja, aber dann vielleicht doch etwas zu wenig tiefsinnig? Über Humor lässt sich schwer streiten, er funktioniert oder eben nicht, und in diesem Buch überwiegen Treffer die Fahrkarten.

Eine weitere große Stärke des Buches leuchtet auf, wenn unter der Schale leichten Witzes ein Kern existenzieller Betroffenheit beim Autors durchschimmert – auch wenn dies eine Formulierung ist, über die Jonas schon wieder treffliche Witze reißen würde. Doch es geht schon nah, wenn Jonas mit leichter Feder erzählt, wie er einst einen Motorradunfall in München hatte und von einem Auto in hohem Bogen „in Richtung Englischer Garten“ geschleudert worden sei. Später hätten sie ihm im Krankenhaus gesagt, er habe einen Schutzengel gehabt. Jonas, der an den Unfall keinerlei Erinnerung hat, resümiert: „Ja, es kann sein, dass ich tatsächlich einen hatte. Ich würde mich gerne bei ihm bedanken, nur leider hat er sich bisher nicht bei mir gemeldet. Vermutlich hat er einfach noch keine Zeit gefunden. Schutzengel haben immer viel zu tun.“

Solche und andere Tiefenbohrungen gibt es in diesem in toto wunderbarem Buch, in dem man sich sofort festliest, immer wieder. Und man merkt nach einer Weile: Jonas meint es ernst, er beschäftigt sich auf seine Art tiefsinnig mit den Denktraditionen, die die Welt prägen. Hinreißend beispielsweise die Auseinandersetzung mit Immanuel Kant, von der zumindest der von Jonas als „postmodernes Upgrade“ zum kategorischen Imperativ Kants luzide formulierte bayerische Imperativ dem Leser im Gedächtnis bleiben dürfte: „Handle so, dass du bei allen, denen du Schaden zufügst, Anerkennung dafür bekommst.“ Und dann im Schlusskapitel folgende Sentenz: „Man plant, während man planlos dahinlebt. Zufälle sind nicht auszuschließen. Deshalb ist Improvisation wichtig.“ Herrlich.

Reinhard Mawick

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